Da geht noch was!
08.09.2026 Persönlich«Es ist schade, wenn etwas nicht mehr so läuft wie früher», flüstert mir eine weibliche Stimme ins Ohr. Dabei handelt es sich nicht etwa um eine Schamanin oder dergleichen, sondern um die Sprachassistentin meines Smartphones. Nachdem meine Kopfhörer beschädigt ...
«Es ist schade, wenn etwas nicht mehr so läuft wie früher», flüstert mir eine weibliche Stimme ins Ohr. Dabei handelt es sich nicht etwa um eine Schamanin oder dergleichen, sondern um die Sprachassistentin meines Smartphones. Nachdem meine Kopfhörer beschädigt worden waren, hat sich diese allwissende Assistentin selbstständig gemacht – und grätscht seither ungefragt in Podcastfolgen und Lieder hinein.
Als es mir zu nervig wurde, ständig unterbrochen zu werden, entschied ich mich, neue Kopfhörer zu kaufen. Ein paar Mausklicks im Internet, zehn Sekunden später waren sie bestellt. Keine Diskussion, kein Verhandeln.
Bei anderen Anschaffungen lohnt es sich hingegen, über den Preis zu reden. Beim Kauf eines neuen Handy-Abos ist beispielsweise Verhandlungsgeschick gefragt. Wobei «Geschick» etwas hoch gegriffen ist. Meistens reicht es, den Verkäufern am Telefon zu sagen, man wechsle nach Ablauf der Vertragszeit zu einem anderen Anbieter, weil dieser deutlich billiger ist – und plötzlich lässt sich am Preis doch noch einiges machen. Offenbar war der vorherige «Top-Deal» doch nicht ganz so top.
Ausserhalb der Schweiz gehört das Verhandeln vielerorts deutlich stärker zum Alltag. In meinen Ferien in der Türkei waren die Preise in Kleider- und Schuhgeschäften notorisch überhöht, weil die Verkäufer wussten, dass sowieso verhandelt wird. Manche hatten dabei mehr Spielraum, manche weniger. Steckten die Verhandlungen fest, half eine erstaunlich einfache Taktik: rauslaufen. Kaum ist man ein paar Meter vom Geschäft entfernt, werden einem nochmals 10 Prozent Rabatt hinterhergerufen. Anders als bei Schweizer Mobilfunkanbietern zahlt sich zudem Treue aus: Wer mehrmals im gleichen Geschäft einkauft, erhält beim dritten Besuch plötzlich ganz neue Preise.
Dass in türkischen Geschäften um gefälschte Markenkleider gefeilscht wird, überraschte mich wenig. Anders war es in der Ukraine. Während meines Aufenthalts in diesem Frühling war ich dort ebenfalls auf Einkaufstour. Selbst in Schuhgeschäften mit echten Markenprodukten, etwa der schweizerisch-deutschen Schuhmarke Rieker, wurde über den Preis verhandelt. Ohne Rabatt kaufte eigentlich niemand ein – abgesehen von den wenigen Ausländern, die von dieser Praxis nichts wussten.
Am emotionalsten ging es jedoch in der Markthalle der ukrainischen Stadt Tscherkassy zu. Dort wird um Fleisch, Fisch und Gemüse gefeilscht. Weil es viele Anbieter und eher wenige Käufer gab, war die Verhandlungsposition der Kundschaft entsprechend gut. Ein tieferer Preis bedeutete allerdings nicht automatisch ein gutes Geschäft.
Das merkten wir spätestens beim Mittagessen, als wir in das zäheste Hühnchenfleisch bissen, das ich je gegessen hatte. Vielleicht liegt darin die wichtigste Lektion des Verhandelns: Wer den Preis erfolgreich drückt, hat noch lange keinen guten Deal gemacht.
Janis Erne, Redaktor «Volksstimme»

