«Carte blanche» - Für den Zusammenhalt
20.02.2026 BubendorfSimon Tschendlik, Landrat Grüne, Bubendorf
Wir Schweizerinnen und Schweizer sind Weltmeister im Friedenmachen. Nicht auf dem Pausenplatz – dort herrscht gelegentlich immer noch «Du hesch …!» –, sondern im Ernstfall: Wir verhandeln, ...
Simon Tschendlik, Landrat Grüne, Bubendorf
Wir Schweizerinnen und Schweizer sind Weltmeister im Friedenmachen. Nicht auf dem Pausenplatz – dort herrscht gelegentlich immer noch «Du hesch …!» –, sondern im Ernstfall: Wir verhandeln, moderieren, setzen uns an den Tisch. Das funktioniert nur, wenn alle wissen, wo der Tisch steht. Und was darauf liegt.
Frieden, Demokratie und Sicherheit beginnen nicht beim Militär, sondern beim Informationshaushalt. In einer Demokratie ist Information kein Luxusgut wie Trüffelbutter, sondern Grundnahrungsmittel wie Brot. Wer am Brot spart, muss sich nicht wundern, wenn die Leute anfangen, auf Gerüchten zu kauen.
Am 8. März stimmen wir über die sogenannte Halbierungsinitiative ab: «200 Franken sind genug!». Klingt nach einem Sonderangebot im Elektronikmarkt. Und natürlich ist Sparen ein Schweizer Reflex – ich habe einen Bekannten, der bügelt sogar benutzte Alufolie glatt. Doch halbiert man die Mittel für den Service public, halbiert man nicht einfach eine Rechnung. Man halbiert Reichweite, regionale Berichterstattung, Minderheiten- sprachen, Recherchezeit. Man halbiert auch die Chance, Desinformation zu erkennen, bevor sie bei uns im Baselbiet im Gruppenchat landet und plötzlich «alle» sie schon gewusst haben. «Dann machen das halt die Privaten», höre ich. Ja, so wie früher die Nachbarn den Schnee räumten: freiwillig, wenn sie Zeit hatten, und selten bei Sturm. Private Medien sind wichtig – gerade deshalb braucht es eine stabile Grundversorgung, die nicht bei jedem Klick und jedem Werbefranken die Richtung ändert. Ein öffentlich finanzierter Sender soll nicht staatstreu sein, sondern staatsfern: finanziert, damit er sich Unabhängigkeit leisten kann, auch wenn sie unbequem ist. Und damit relevante Informationen – sorgfältig geprüft und für alle zugänglich – nicht vom Wohlwollen einzelner Geldgeber abhängen, sondern verlässlich verfügbar bleiben.
Wer wissen will, wie es ohne starke, vielfältige Medien aussieht, muss nicht weit reisen. In Ungarn wurde die Medienlandschaft schrittweise zentralisiert: Öffentlichrechtlich wurde zur Durchsage, Regionalzeitungen zur Dekoration. In Italien sieht man, wie politischer Zugriff auf den staatlichen Sender schnell wieder Mode werden kann. Und in den USA hat man erlebt, wie «alternative Fakten» Karriere machen: Wo lokale Redaktionen verschwin- den, wächst das Geschrei, und aus Debatte wird Dauerlärm.
Die Serafe-Gebühr ist keine Liebeserklärung an die SRG. Sie ist eine Versicherungspolice für eine Öffentlichkeit, die mehr ist als ein Marktplatz der Empörung. Wer die SRG halbieren will, soll ehrlich sagen, was er dafür halbiert: nicht nur Kosten, sondern Zusammenhalt. Nicht nur Programme, sondern Vertrauen. Und am Ende vielleicht auch die Ruhe, mit der wir Konflikte lösen, bevor sie zu Fronten werden.
Frieden ist auch ein Geräusch: das leise Rascheln einer Zeitung, das Summen einer Nachrichtensendung, die unangenehme Frage im Interview. Wenn dieses Geräusch verstummt, wird es nicht still. Es wird nur lauter – von anderswo.
In der «Carte blanche» äussern sich Oberbaselbieter National- und Landratsmitglieder sowie Vertreterinnen und Vertreter der Gemeindebehörden zu einem selbst gewählten Thema.

