«Bräschte»
27.10.2026 Persönlich«Das Bücken fiel mir auch schon leichter», sagte ich und ging mit einem tiefen Seufzer in die Knie, um mir die Schuhe zu binden. Einer meiner Freunde, wir hatten soeben die Jassrunde aufgelöst, hielt mir triumphierend seine Sneakers vor die Nase: «Elastische ...
«Das Bücken fiel mir auch schon leichter», sagte ich und ging mit einem tiefen Seufzer in die Knie, um mir die Schuhe zu binden. Einer meiner Freunde, wir hatten soeben die Jassrunde aufgelöst, hielt mir triumphierend seine Sneakers vor die Nase: «Elastische Schuhbändel. Und zu Hause einen 50-Zentimeter-Schuhlöffel.»
Während des Differenzlers hatte ein Mitjasser die Lesebrille des anderen ausgeliehen, um zu überprüfen, ob sich der Schreiber zu seinen Gunsten «verrechnet» hatte. Am Jasstisch waren auch schlecht heilende Knochenbrüche, schmerzende Gelenke und unkontrollierte Darmwinde verhandelt und Kissen als Lendenstützen verlangt worden. Einer hatte gefragt, wer seinen Kopf noch weit genug drehen könne, um beim Rückwärtsfahren durch die Heckscheibe zu schauen. Zwei schüttelten vorsichtig den Kopf. Der mit den elastischen Schuhbändeln fragte zurück: «Wozu gibt es Rückfahrkameras?!»
Es muss bald 40 Jahre her sein: Ein Schulkollege und ich wurden auf dem Schulweg im Zug unfreiwillig Zeugen, wie sich zwei ältere Männer drei Abteile weiter unüberhörbar von ihren «Bräschten», Arztbesuchen und Behandlungen erzählten. Nennen wir sie Emil und Schaggi. Emil dozierte über seinen hohen Blutzucker, Schaggi klagte über seinen Sklaventreiber von einem «Physio». Als Schaggi sich anschickte, Emil in das Geheimnis seiner blütenweissen dritten Zähne einzuweihen, sagte ich zu meinem Kumpel: «Sollte ich jemals so werden wie die, dann erschiess mich bitte!»
Als die beiden ausgestiegen waren, wandten wir uns wieder den wirklich wichtigen Dingen zu: parteiischen Lehrern, Computerspielen, Sackgeld, Ausgang, Frauen. Es war eine hoffnungsvolle Zeit. Wir waren jung und fit. Jeder Generation ging es besser als der vorherigen. Im Winter fiel regelmässig Schnee, Perestroika hatte den Ostblock zum Schmelzen gebracht, und Amerika war das Land unserer Träume. Um unsere Zukunft machten wir uns keine Sorgen.
Der Wind hat gedreht. Klimatisch, politisch. Die Gesellschaft ist eine andere. Die Technologie hat uns im Griff. Die Zukunft ist ungewiss. Und die Alten von damals im Zug – das ist nun meine Generation.
Kürzlich war ich mit jenem Schulkollegen im Tram unterwegs. Als ich ihm von meinem bevorstehenden Termin beim Gastroenterologen erzählen wollte, legte er den linken Zeigefinger auf die Lippen, formte die rechte Hand zur Pistole und richtete sie auf meine Brust. Ich schwieg.
So hörten wir, wie drei Jugendliche mit Kopfhörern viel zu laut über eine Frau sprachen, die «voll hot» sei, einen «geisteskranken» Lehrer und KI, mit der jedes «Opfer» krassen Sound produzieren könne. Die Welt mag aus den Fugen geraten sein, dachte ich, aber für die Jungen zählen noch immer dieselben Dinge wie für uns damals. Das ist gut.
Dann beugte sich mein Schulkollege zu mir und flüsterte: «Und? Was hast du mit dem Magen?» «Das erzähle ich dir, wenn wir ausgestiegen sind», sagte ich. «Und dann verrätst Du mir, wo du diese Schuhe mit elastischen Schuhbändeln herhast.»
Christian Horisberger, stv. Chefredaktor «Volksstimme»

