Botanische Besiedlung der Vulkaninsel Madeira
21.07.2026 BaselbietWas können wir davon lernen?
Madeira ist ein erloschener Vulkan, der vor etwa 7 Millionen Jahren aus dem Atlantik wuchs. Glühende Lava und heisse Asche töteten alles Leben. Als 1419 portugiesische Seefahrer die Insel entdeckten, war diese dicht bewaldet. Wie konnte dies ...
Was können wir davon lernen?
Madeira ist ein erloschener Vulkan, der vor etwa 7 Millionen Jahren aus dem Atlantik wuchs. Glühende Lava und heisse Asche töteten alles Leben. Als 1419 portugiesische Seefahrer die Insel entdeckten, war diese dicht bewaldet. Wie konnte dies passieren?
Heinz Döbeli
Aufschlussreich ist ein Blick auf den Krakatau, ein Vulkan zwischen den indonesischen Inseln Sumatra und Java. Dieser explodierte 1883, was alles Leben auf dieser Insel auslöschte. Heute wuchert dort ein Tropenwald.
Nur Forscher durften die unbewohnte Insel besuchen. Man wollte studieren, wie neues Leben auf die Insel zurückkehrt. Folgendes stellte man fest: Während der ersten drei Jahre passierte wenig. Forscher entdeckten eine kleine Spinne, die dank eines Spinnfadens, der als Gleitschirm wirkte, den Weg vom Festland auf die Insel schaffte. Nach 30 Jahren wuchsen Gräser und Farne und nach 50 Jahren Bäume, die sich zu einem artenreichen Wald entwickelten.
Diese Wiederbesiedlung ist ein schönes Beispiel dafür, wie sich ein Ökosystem neu ausbilden kann. Transporteure waren Wind, Wasser und Vögel. Viele Samen haben Flughaare, andere Samen sind schwimmfähig, wieder andere werden von Vögeln gefressen und über ihren Kot auf die Insel gebracht. Auch im Meer treibende Bäume transportieren Leben.
Auf Madeira dürfte es gleich abgelaufen sein, nur etwas langsamer. Vom Krakatau zum nächsten Festland sind es etwa 30 Kilometer, bei Madeira etwa 500 Kilometer.
Der Mensch hilft mit
Die portugiesischen Seefahrer fanden 1419 eine menschenleere Insel vor. Ganz Madeira war von einem undurchdringbaren Urwald bedeckt. Um eine Kolonie aufzubauen, musste das Land urbar gemacht werden. Das geschah durch Brandrodung. Laut Chronisten sollen die Feuer sieben Jahre lang gebrannt haben. Nur im unzugänglichen Norden blieben Reste der ursprünglichen Vegetation erhalten.
Jetzt konnte Landwirtschaft betrieben werden. Das portugiesische Kolonialreich erstreckte sich über vier Kontinente. So stand eine riesige Auswahl an exotischen Pflanzen zur Verfügung, und dank des ausgeglichenen Klimas – nie Minusgrade und nie zu heiss – konnte vieles angebaut werden, und das nahe bei Europa.
Touristen, die heute die «Blumeninsel» besuchen, treffen ein verblüffendes Sammelsurium an Pflanzen an. Ganzjährig können Bananen oder Avocados geerntet werden. Auch für die durch Brandrodung verschwundenen Bäume liess sich ein Ersatz finden: Eukalyptus aus Australien.
Eukalyptus wächst sehr schnell, sein Holz ist hart und sehr widerstandsfähig. Es hat aber einen gefährlichen Nachteil, vor allem, wenn es in Monokulturen angebaut wird: Das im ganzen Baum enthaltene Öl wirkt wie ein Brandbeschleuniger. Im August 2024 wüteten auf Madeira schwere Waldbrände. Ich besuchte eine dieser Brandflächen und stellte Folgendes fest: Die Eukalyptusbäume hatten wieder ausgeschlagen, aber die Nadelhölzer und der ursprüngliche Unterbewuchs waren tot. Stattdessen hatte sich ein dichter Teppich von Schmucklilien (Agapanthus) und Adlerfarn gebildet. Schmucklilien stammen aus Südafrika, bei uns sind es Zierpflanzen, in Madeira gelten sie als invasive Neophyten. Der Adlerfarn ist zwar heimisch in Madeira, gilt aber als problematisch, weil er sich auf gestörten Flächen rasch ausbreitet und alles andere verdrängt, wie in meinem Garten der Hahnenfuss.
Betrifft uns das?
Waldbrände sind wegen der Flammen und des Rauchs nicht zu übersehen. Auch nach dem Brand sieht man anhand verkohlter Baumruinen und der veränderten Artenzusammensetzung, was vorgefallen ist. Weil sich nicht alle Pflanzen nach Waldbränden gleich gut erholen, leidet vor allem die Biodiversität. Auf dem hier gezeigten Bild dominieren nur gerade drei Pflanzen.
Gleich verhält es sich bei Eingriffen mit Herbiziden, Insektiziden oder Schneckenkörnern. Zwar sieht man sofort die gewünschten Effekte: Das Unkraut ist weg, Japankäfer oder Asiatische Hornissen sind tot und die Spanischen Wegschnecken ebenfalls.
Aber sind diese Massnahmen nachhaltig? Auch nach Gifteinsätzen erholen sich die unerwünschten Pflanzen oder Tiere meist schneller als die erwünschten, was zu einem gestörten Ökosystem führt. Nehmen invasive Pflanzen und Tiere bei uns deshalb überhand, weil sie Vergiftungen und Klimaerwärmung besser wegstecken?

