«Booster» für künstlerischen Prozess
21.07.2026 BaselbietAufenthaltsstipendium «Reconnect» inspiriert und schafft neue Verbindungen
Spaziergangswissenschaft und Kartografie, partizipativer Ballonbau, Tanz-Performance zu Metal-Musik und zum Weinen: Das waren die Projekte des diesjährigen kantonalen Kunst-Stipendienprogramms ...
Aufenthaltsstipendium «Reconnect» inspiriert und schafft neue Verbindungen
Spaziergangswissenschaft und Kartografie, partizipativer Ballonbau, Tanz-Performance zu Metal-Musik und zum Weinen: Das waren die Projekte des diesjährigen kantonalen Kunst-Stipendienprogramms «Reconnect – Residenz und Begegnung auf Castelen».
Marianne Ingold
«Residenz» ist zweifellos das treffende Wort für den Ort, an dem drei Duos von Kunst- und Kulturschaffenden während zwei Juliwochen arbeiteten: das herrschaftliche Landgut Castelen in Augst mit der historischen Villa Clavel, einem modernen Saal und einem grossen Park mit Pool.
Für das diesjährige Aufenthaltsstipendium «Reconnect» hatte eine Fachjury aus zehn Bewerbungen drei Projekte ausgewählt: Ein Duo befasste sich mit dem künstlerisch-kartografischen Bezug zur Spaziergangswissenschaft, ein anderes gestaltete mit Bezug auf ein historisches Ereignis und mit Einbezug der lokalen Bevölkerung einen Ballon und das dritte arbeitete an einer queer-feministischen Performance zu Metal-Musik.
Hinschauen und hinhören
Esther Ernsts und Jörg Laues Thema ist die Kartografie, die sie weiter fassen als eine Orientierungshilfe für den Weg von A nach B. Laue will auch das darstellen, was herkömmliche Karten nicht abbilden: «Wie lässt sich ein Zeitverlauf kartografieren? Wie funktionieren Karten mit Sounds?» Ernst zeichnet beim Wandern und versucht dabei, «das sichtbar zu machen, was wir normalerweise gar nicht wahrnehmen».
In Augst haben sich die beiden Kunstschaffenden vertieft mit der Spaziergangswissenschaft von Annemarie und Lucius Burkhardt beschäftigt. «Wir wollen überprüfen, ob und wie sich diese soziologische Methode mit unseren künstlerischen Ansätzen verbinden lässt.» Sie lasen Literatur zum Thema und wanderten mit ihren Arbeitsgeräten – ein Zeichenbrett zum Umhängen, eine Schürze mit Zeichenutensilien, ein Aufnahmegerät, ein Feldstecher – dem Violenbach und der Ergolz entlang. Einfach drauflos zu gehen und dabei Dingen zu begegnen, die man nicht erwarte, habe viel mit «Entdecken» zu tun: «Man deckt etwas auf und schaut genau hin», so Ernst. Das könne auch ganz spielerisch geschehen.
Mit ihrem selbst entwickelten Papier-Faltsystem konnte Esther Ernst auf kleinstem Raum alles zeichnen, was ihr unterwegs begegnete. Aufgefaltet ist eine Zeichnung bis zu sechs Meter lang. Jörg Laue nahm derweil Geräusche auf: an der Ergolzmündung Vogelstimmen, vorbeifahrende Züge und einen dröhnenden Grenzschutz-Helikopter. Im Arvenzimmer der Villa Clavel bearbeitete er anschliessend die «erbeuteten» Originaltöne digital, umgeben von zahlreichen Jagdtrophäen des Villa-Erbauers und begeisterten Grosswildjägers René Clavel.
Austausch und Dialog
Auch in der Gartenhalle der Villa hängen Jagdtrophäen. Zwei grosse Geweihe mussten allerdings vorübergehend Platz machen für Ausdrucke von historischen Dokumenten und Zeichnungen von Ballonen. Für ihr Projekt «Oh look, a balloon!» hatten sich Michèle Degen und Marcel Hörler von einem historischen Ereignis inspirieren lassen: 1932 fand in Basel das internationale Gordon-Bennett-Wettfliegen für Gasballone statt, zu dessen Auftakt René Clavel auf Castelen eine rauschende Party für die Piloten und über 100 Ehrengäste veranstaltete.
Statt Prominenten standen für Degen und Hörler Menschen aus der Umgebung von Castelen im Zentrum ihres künstlerischen Interesses: «Wir haben die Leute gefragt, wie ihr Ballon aussehen würde, wenn sie einen bauen würden.» Die dabei entstandenen Zeichnungen zeigen Luftballone, Heissluftballone und Zeppeline, Herzen, Sonnen, Fische und sogar einen FCB-Schriftzug. «Kunst muss nicht etwas Unnahbares und Isoliertes sein, sondern kann auch im Austausch und im Dialog stattfinden», erläuterte Michèle Degen diesen partizipativen Ansatz.
Ausgehend von den gesammelten Ideen sowie eigenen Recherchen und Experimenten mit Draht und Seidenpapier wollten Degen und Hörler zusammen mit Interessierten einen grossen Ballon kreieren und fliegen lassen. Letzteres ging wegen der aktuellen Waldbrandgefahr jedoch nicht. Deshalb werde wohl statt eines Fluggeräts eher eine Installation oder Skulptur entstehen, meinte Michèle Degen am Ende der ersten Residenzwoche. Es sei zwar gut, eine Vorstellung davon zu haben, wohin man möchte. Wenn einen der Prozess dann aber in eine andere Richtung leite, dürfe man mitgehen – und auch Scheitern könne zum Prozess gehören.
Metall und Tränen
Für Olivia Ronzani aus Basel und Eevi Kinnunen aus Finnland dagegen steht schon fest: Im April 2027 findet im Theater Roxy in Birsfelden die Premiere ihres neuen Stücks «Metal Tears» statt. Die Residenz in Augst nutzten die Tanzschaffenden, um vertieft zu Inhalt, Ästhetik und Kontext des Stücks zu recherchieren. «Das heisst: lesen, Musik hören und tanzen», erläuterte Ronzani.
Die gemeinsame physische Anwesenheit vor Ort schätzten die beiden besonders, weil sie ausserhalb ihrer Probezeiten oft geografisch getrennt sind und per Videocall und Sprachnachricht kommunizieren. «Bei der gemeinsamen Arbeit können wir unsere Ideen vertiefen», sagte Ronzani. Und als Duo die Dinge ständig in Worte fassen zu müssen, helfe bei der Entwicklung einer gemeinsamen Vision. Diese sei wichtig für die spätere Ausarbeitung der Performance.
Kinnunen und Ronzani arbeiten seit sechs Jahren zusammen und bilden das Performance-Duo «Project. tgthr». Ihr Stück «Metal Tears» befasst sich aus einer queer-feministischen Perspektive mit dem Musikgenre Metal und mit Weinen. Das Interesse an Metal habe sich organisch aus ihrem ersten Stück heraus ergeben. Bei der Improvisation zu dieser Musik sei dann immer wieder das Thema Weinen aufgekommen. «Sowohl Metal-Musik wie Weinen haben mit Katharsis zu tun. Beide sind auch voller Gendernormen, Stereoptypen und Tabus», erläuterte Kinnunen. Dies aus queerer Perspektive sichtbar zu machen, sei das Herzstück ihrer Arbeit.
Motivation und Kontrast
Die Interaktion innerhalb des eigenen Duos und mit den anderen Kunstschaffenden empfanden alle Beteiligten als inspirierend. Die verschiedenen künstlerischen Disziplinen seien befruchtend, meinte Eevi Kinnunen, und zu wissen, dass in einem Raum an diesem Projekt gearbeitet werde und in einem anderen Raum an jenem, sei motivierend. Zwar lag der Fokus bei allen auf der Arbeit am eigenen Projekt, doch die gemeinsamen Mahlzeiten und Begegnungen boten Gelegenheit zum Austausch – nicht nur über die laufende Projektarbeit und damit verbundene Themen, sondern auch über Persönliches.
Auch der Ort der Residenz war Gesprächsthema: «Wir wohnen ja sonst alle nicht so und dieses Umfeld macht etwas mit uns», meinte Esther Ernst. Michèle Degen empfand die Umgebung als etwas surreal und ambivalent: «Wir haben viel Platz und Luft für den Geist. Aber die Geschichte dieses Ortes ist schon sehr patriarchal geprägt.» Auch Olivia Ronzani und Eevi Kinnunen spürten dessen Wirkung: «Metal ist sehr episch und theatralisch, und das Anwesen hier hat auch so eine überwältigende Grösse. Das fragwürdige Erbe hinter der imposanten Fassade steht aber im Widerspruch zur unbändigen, widerständigen Natur des Metal.»
Von allen gelobt wurde die hervorragende Betreuung: «Es ist sehr speziell, so umsorgt zu werden», schwärmte Jörg Laue. Esther Ernst ergänzte: «Wir konnten uns ganz in unsere Projekte vertiefen. Das ist fantastisch und ein richtiger ‹Booster›.» Neben Kost, Logis, Material und einem Kostenbeitrag gehören Führungen durch die Villa Clavel und Augusta Raurica ebenso zur Residenz wie eine öffentliche Abschlussveranstaltung.
«Reconnect»- Stipendium
min. Das Aufenthaltsstipendium «Reconnect» wird seit 2021 jährlich von der Abteilung Kulturförderung des Kantons Baselland vergeben. Es umfasst einen zweiwöchigen Aufenthalt auf dem Landgut Castelen sowie einen Kostenbeitrag von 3000 Franken pro Person. Zielgruppe sind professionelle Kunstund Kulturschaffende aller Sparten, die sich jeweils als Duo bewerben können. Mindestens eine Person pro Duo muss im Kanton arbeiten, wohnen oder zehn Jahre durchgehend gewohnt haben.



