Blaues Blut
06.10.2026 PersönlichTraumberuf Sportreporter? Zu meinen 17 Jahren in diesem Metier zählen öde Spiele, zahllose stressige Sonntags- und Abenddienste, nächtliche Fahrten im Nebel und der FCB in Châtel-St-Denis, der neben kauenden Kühen kickt. Aber es gab auch zahlreiche sportliche ...
Traumberuf Sportreporter? Zu meinen 17 Jahren in diesem Metier zählen öde Spiele, zahllose stressige Sonntags- und Abenddienste, nächtliche Fahrten im Nebel und der FCB in Châtel-St-Denis, der neben kauenden Kühen kickt. Aber es gab auch zahlreiche sportliche Höhepunkte und daneben ein paar hübsche Reminiszenzen – teilweise sogar mit blauem statt gedoptem Blut. Das ist mein Podest:
Bronze an die Leichtathletik: Auf seiner Abschiedstournee lief Carl Lewis in Zürich. Dabei hielt der Sprint- und Weitsprung-König am Vortag Hof vor der Presse. Weil sich alle Kolleginnen und Kollegen sogleich auf ihn stürzten, zog ich es vor, mit dem ebenfalls anwesenden Jonathan Edwards zu sprechen, seines Zeichens heute noch Weltrekordler im Dreisprung. Er sass etwas verloren da. So gelangte ich zu einem interessanten, ausführlichen Interview. Unterdessen hatte sich die Schar um Carl Lewis gelichtet, und so setzte mich zu ihm für das nächste exklusive Gespräch.
Ex aequo Bronze an Eishockey: Eine riesige Traube Journalisten scharte sich um den grossen, schlaksigen Mann. Er analysierte an der WM in Köln das verlorene Spiel seiner Landsleute, das er eben miterlebt hatte. Ich schlich um alle meine kanadischen Kollegen herum, postierte mich gleich neben ihm, dem besten Spieler aller Zeiten, und erlaubte mir sogar, eine belanglose Frage zu stellen. Dafür gibt es sogar einen Augenzeugen aus Sissach. Dieser bekam danach von mir öfters zu hören: «Wer von uns beiden stand 2001 neben Wayne Gretzky, Kevin?»
Silber ans Reiten: Jordanien war 1996 Gastland am CSI in Zürich. Ein paar wenige Zeitungen waren eingeladen, das Land vorher drei Tage lang zu besuchen, inklusive Audienz bei König Hussein samt Handshake und hinterher einem Besuch von Petra, dieser wunderbaren Stadt. In Zweiergruppen erhielten wir sogar die Gelegenheit, paarweise Prinzessin Haya Bint al-Hussein, die reitende Tochter des Königs, in ihrem Gemach zu interviewen. Als ich zu Hause in die Tasten hauen wollte, stoppte mich mein Ressortleiter. Meine Reportage habe Zeit. Zudem spiele der FCB in drei Tagen. Der Bericht erschien nie. Immerhin konnte ich ein Drei-Fragen-Interview mit der Prinzessin platzieren – das magere Resultat einer erinnerungswürdigen Reise.
Gold an Eishockey: Der EHC Basel hatte etwas zu feiern. Ich natürlich mittendrin. Plötzlich klopfte mir ein früherer Praktikant auf die Schulter. Wir tauschten Erinnerungsstücke aus. Da schaltete sich eine junge Frau ein. «Dann kennst du sicher», begann sie und nannte den Namen meines Chefs. «Spielst du Golf oder Tennis?», fragte ich zurück. Alles andere interessiere ihn nämlich nicht, schon gar nicht Reiten. «Ich nicht», erwiderte sie, «aber mein Bruder.» Natürlich wollte ich den Namen des Bruders wissen. Der Ressortleiter besitze nämlich das Talent, lange Sitzungen zu verlängern, indem er selbst von Sportlern schwärmte, die kaum den Ball übers Netz kriegen. Woher konnte ich wissen, dass Prinzessin Diana neben mir stand, die Schwester von King Roger?
Jürg Gohl ist Autor der «Volksstimme».

