Bühnenreife Vorvergangenheit
11.04.2025 Bezirk LiestalBenedikt Meyer überzeugt mit «Plusquamperfekt – Kurioses von vorgestern»
Im ausverkauften Theater «Palazzo» präsentierte der Baselbieter Benedikt Meyer Ende März sein neues Bühnenprogramm. Historische Tatsachen, verpackt in absurde Geschichten ...
Benedikt Meyer überzeugt mit «Plusquamperfekt – Kurioses von vorgestern»
Im ausverkauften Theater «Palazzo» präsentierte der Baselbieter Benedikt Meyer Ende März sein neues Bühnenprogramm. Historische Tatsachen, verpackt in absurde Geschichten und überraschende Bilder, sorgen darin für erkenntnisreiche Unterhaltung.
Marianne Ingold
Wer kommt denn auf die Idee, ein Bühnenprogramm nach einer Zeitform zu benennen, die «einen zeitlich vor einem Referenzpunkt in der Vergangenheit liegenden Vorgang oder Zustand» (Wikipedia) bezeichnet? Und wer füllt auch noch die Säle damit? Jemand, der eine Hochzeitsrede auf Norwegisch (das er gar nicht kann) gehalten hat, der in einem Musikvideo aufgetreten ist, für das schlechte Tänzer gesucht wurden, und der in Bern Stadtführungen zu Basel – und umgekehrt – anbietet.
Dieser Jemand heisst Benedikt Meyer und führt als Bühnenkünstler zwei auf den ersten Blick schlecht vereinbare Elemente zusammen: Geschichtswissenschaft und Humor. Mit seinem selbst erfundenen Genre «Historisches Kabarett» erzählt er Geschichte auf eine Weise, der wohl die meisten in der Schule nie begegnet sind: sauber recherchierte historische Fakten in Form von absurden, überraschenden und kuriosen Geschichten und Bildern.
Auf die Frage, wie er auf den Titel seines neuen Programms gekommen sei, antwortet Meyer: «Ich brauchte bereits einen Titel, als ich noch keine Ahnung hatte, was im neuen Stück vorkommen würde. Das Wort ‹Plusquamperfekt› enthält das Historische, und auch Klang und Wortbild gefallen mir.» Erst im Nachhinein hat er gemerkt, dass viele Leute gar nicht so genau wissen, was der Begriff bedeutet, vor allem, wenn ihre Schulzeit schon etwas länger zurückliegt. Das macht aber nichts, denn das Plusquamperfekt spielt im Stück gar keine Rolle.
Stattdessen kommen unter anderem vor: ein entführtes Weibsbild, ein Messsystem auf Abwegen, ein Skandal im Frauenfussball, Mammutjäger und Absatzträger, mysteriöse Hausnummern und botanische Kuriositäten, das Männerkorsett sowie der erbitterte Kampf um Morgarten. Es geht drunter und drüber, hoch hinaus auf einen Pariser Kirchturm, auf Zeppelinfahrt über die Schweiz, wieder hinunter auf den Berner Bundesplatz und hinein ins Bundeshaus.
Neben Schmetterlingen, einer französischen Göttin und dem «Ernschdle» tritt passend zu Ostern auch ein Hase auf. Am besten ist «Plusquamperfekt» dort, wo Meyer ausführlicher, satirischer und aktualitätsbezogener wird und wir nicht nur über unsere Vorfahren, sondern auch über uns selbst den Kopf schütteln. Etwas im Hals stecken bleibt das Lachen beim dummerweise geglückten Attentat, beim lebensrettenden Tipp zum Grenzübertritt und bei den Opferzahlen der grössten zeitgenössischen Religionsgemeinschaft.
In seinem ersten Programm erzählte Meyer die – bekanntlich etwas länger dauernde – Geschichte des Frauenstimmrechts in der Schweiz. In «Plusquamperfekt» nimmt er nun die Männer ins Visier mit Erkenntnissen wie: «Ludwig XIV. ginge heute locker als Dragqueen durch», einer überraschenden Beschreibung von Wilhelm Tell als «Wellness-Hipster» und dem beruhigenden Fazit: «Jeder Mann kann ein Held sein».
Woher kommt die Inspiration?
Seine Geschichten findet Meyer vor allem auf Abwegen: «Ich lasse mich gerne ablenken und dort, wo es mich hinzieht, finde ich häufig etwas, das spannend ist und Spass macht», sagt er. Manchmal braucht es zusätzlich noch einen Geistesblitz, zum Beispiel beim Thema Frauenstimmrecht. 1887 hatte die Juristin Emilie Kempin-Spyri vor dem Bundesgericht mit dem generischen Maskulinum argumentiert: Wenn laut Verfassung «jeder Schweizer» wählen und abstimmen dürfe, seien die Frauen doch automatisch mitgemeint. Damit hatte sie aber keine Chance. «Eines Nachts um halb zwei in der Hängematte fiel mir plötzlich die Frage ein, mit welcher Begründung das Bundesgericht denn 1990 die Appenzeller dazu verknurren konnte, endlich das Frauenstimmrecht einzuführen», erzählt Meyer. «Eine kurze Recherche ergab: mit dem generischen Maskulinum.»
Seit 2021 ist Benedikt Meyer mit seinem Kabarett erfolgreich in der ganzen Schweiz unterwegs und hat 2024 einen Humorpreis dafür erhalten. Die positive Resonanz in der Kleinkunstszene freut ihn ebenso wie die beim Publikum: «Ein volles Haus ist gut, weil man in Gesellschaft einfach mehr lacht als alleine. Und für mich ist es dann gut gelaufen, wenn meine Geschichten die Leute noch eine Zeit lang begleiten.»
Sein Humor sei nicht auf Witze und Schenkelklopfen ausgelegt, sagt Meyer. Bei anderen Comedians gäbe es vielleicht mehr Pointen und es werde in der Vorstellung mehr gelacht: «Dann hatten die Leute einen tollen Abend, gehen heim, und am nächsten Tag kommt wieder etwas anderes.» Sein Publikum, so hofft er, würde dafür ein paar Wochen später plötzlich wieder an eine Geschichte denken, die er erzählt habe.
Ihn interessiere das Menschliche an der Geschichte, sagt Meyer, und die damit verbundene Komik. Denn Geschichte bestehe nicht nur aus Kriegen, Revolutionen und Toten, obwohl sie lange so unterrichtet wurde: «Politische Geschichte ist ein wichtiger Teil, aber nicht alles. Es gibt ganz viele kleine, total witzige und absurde Geschichten.»
Seriöser Dilettant
Meyer hat Geschichte, Psychologie und Wirtschaft studiert, einen Doktortitel erworben und einen Preis für seine Science Slams (Turniere mit wissenschaftlichen Kurzvorträgen) erhalten. Doch für eine akademische Karriere hatte er zu viele andere Interessen und schrieb zu gerne – etwa «Zeitreisen», einen Reiseführer durch die Schweizer Geschichte, und «Nach Ohio», einen Roman über seine Urgrossmutter.
Ein seriöser Historiker ist Meyer aber geblieben: «Ich würde nie etwas erfinden, nur damit es gut klingt.» Es gibt wohl auch kein anderes Schweizer Kabarettprogramm, in dem Bibliotheken erwähnt werden und alle Quellen aufgeführt sind.
Andererseits nimmt Meyer vieles nicht so ernst: «Ich habe einen spielerischen Blick auf die Welt und nehme die Dinge nicht so wahnsinnig wichtig, auch mich selber nicht. Das hilft mir im Leben.» Auf seiner ersten, selbst gemachten Visitenkarte stand als Berufsbezeichnung «Dilettant», weil er für nichts, was er gemacht habe – zum Beispiel Unterrichten oder Journalismus – die richtige Ausbildung gehabt habe. Er habe sich halt einfach getraut. Das gilt auch für seine Bühnenauftritte.
Mit seiner nicht-akademischen Laufbahn ist Meyer zufrieden: «Was ich heute mache, ist fantastisch: Ich kann mir alle Freiheiten nehmen und niemand sagt: ‹Das darfst du nicht›.» Er könne einfach Dinge ausprobieren: «Wenn etwas nicht läuft, mache ich es nicht mehr. Aber es läuft ja.»
In Meyers erstem Programm kommt auch die Hülftenschanze vor: «Auf der hat man zwar ein Denkmal hingestellt, aber gekämpft wurde dort überhaupt nicht. Und man tut so, als ob es eine ruhmreiche Angelegenheit gewesen sei, dabei war für beide Seiten peinlich, was an diesem Tag lief.» So etwas schlachte er gerne aus, sagt der gebürtige Therwiler. Mit der Oberbaselbieter Geschichte hat er sich bisher erst wenig beschäftigt. Gerade deshalb freut er sich auf seine Auftritte im Oberbaselbiet (siehe unten).
Am 14. Juni tritt Benedikt Meyer mit «Plusquamperfekt» im «Cheesmeyer» in Sissach auf. Am 12. September zeigt er in der Turnhalle Tecknau sein «Historisches Kabarett». www.benediktmeyer.ch

