«Bei Konflikten innehalten und reden»
31.10.2023 Sissach, Bezirk SissachFriedensforscher Laurent Goetschel zu Gast im «Cheesmeyer» bei Ueli Mäder
Naher Osten, Ukraine, Bergkarabach: Kriege und Brutalität allerorten. Friedensforscher Laurent Goetschel sprach am Talk von Ueli Mäder über die Möglichkeiten und Grenzen seiner ...
Friedensforscher Laurent Goetschel zu Gast im «Cheesmeyer» bei Ueli Mäder
Naher Osten, Ukraine, Bergkarabach: Kriege und Brutalität allerorten. Friedensforscher Laurent Goetschel sprach am Talk von Ueli Mäder über die Möglichkeiten und Grenzen seiner Arbeit und nahm dabei UNO-Generalsekretär Guterres in Schutz.
Jürg Gohl
«Für eine friedliche Zukunft» lautet der Übertitel der Gesprächsreihe. Jeweils am letzten Donnerstag des Monats lädt Soziologie-Professor Ueli Mäder im Sissacher «Cheesmeyer» Gäste ein, um mit ihnen im stets voll besetzten Saal über Ideen und Möglichkeiten des friedlichen Zusammenlebens zu diskutieren, immer wieder unter einem neuen Aspekt. Doch noch nie kam das Podium dem Titel der Reihe, die exakt vor einem Jahr begann, so nahe wie am vergangenen Donnerstag mit der Überschrift «Was tut die Friedensforschung?»
Das Thema und die beiden Gäste hatte Mäder längst festgelegt, als der jüngste Anlass durch die Aktualität eine besondere Brisanz erhielt. Der brutale Krieg im Nahen Osten, der Einmarsch in Bergkarabach und Putins Angriffskrieg in der Ukraine lassen Zweifel am Erfolg der Friedensforschung aufkommen. Die militärischen Auseinandersetzungen konnten bisher nicht beigelegt, geschweige denn verhindert werden.
«Die Friedensforschung kann Kriege leider nicht verhindern», antwortete Laurent Goetschel auf diese zentrale Frage, «aber sie kann Erkenntnisse gewinnen, um neuen Kriegen vorzubeugen.» Laurent Goetschel ist Professor für Politikwissenschaft an der Universität Basel und Direktor der Schweizerischen Friedensstiftung Swisspeace (siehe «Volksstimme» vom 20. Oktober, Seite 11). Dass er kürzlich am Fernsehen in der «Tagesschau» von der Schweiz eine offensivere Friedenspolitik gefordert hat, zu der auch Gespräche mit der Hamas zählen, trug ihm viele geharnischte Zuschriften ein.
Diese überraschten ihn nicht. «Kriege emotionalisieren die Öffentlichkeit immer. Doch nichts löst auch nur annähernd so viele Emotionen aus wie der Nahostkonflikt», weiss er aus Erfahrung. Goetschel nimmt auch UNO-Generalsekretär Antonio Guterres in Schutz, der den bestialischen Angriff der Hamas vom 7. Oktober wohl verurteilte, aber gleichzeitig Israel aufforderte, nun nicht an der Eskalationsschraube zu drehen.
Und die Frauen?
«Bei Kriegen gilt immer: innehalten und reden», rät der Professor, «ob Al-Kaida am 11. September, ob Hamas am 7. Oktober, ob Russland am 24. Februar, wir dürfen niemanden, kein Land und keine Gruppierung, so weit ausserhalb unseres Wertesystems einstufen, dass mit ihnen keine Verhandlungen geführt werden können.»
Als Radiojournalistin Cécile Speitel (siehe Kasten), die mit Goetschel das Podium teilte, einwendete, vermehrt Frauen in die Friedensforschung einzubinden, pflichtete er ihr bei. Doch gerade im Nahostkonflikt herrsche ein «sehr maskulinisiertes Denken» vor. Vielleicht, so Goetschel, gelange man(n) in Nahost bald einmal zur Einsicht, dass es so nicht weitergehen könne, und es werde wie damals in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg eine «Stunde null» ausgerufen. Doch das sei «sehr, sehr optimistisch».
«Demokratische Mittel nutzen»
jg. Bei Radiojournalistin und Feministin Céline Speitel aus Muttenz geht es um einen kleineren, regionalen Konflikt, mit dem sie auf dem Podium einen Kontrast zu Goetschels weltpolitischen Ausführungen setzte. Die Muttenzer Dokumentalistin hat in einem einstündigen Film die Gruppe «Rettet die Rütihard» um den ortsansässigen Bauern Ruedi Brunner porträtiert. Brunner und seine Leute wehren sich dagegen, dass die Saline dort neue Salzreserven gewinnen will. «Bringen wir den Mut auf, aufzustehen und Widerstand zu leisten. Spannen wir die Medien ein und beweisen wir dabei Fantasie», sagt sie, «die Schweizer Demokratie stellt uns dafür ausgezeichnete Mittel zur Verfügung.» Das Aufbegehren führte in Muttenz zum Erfolg. Im April sagte die Gemeindeversammlung Nein zum so gut wie beschlossenen Projekt.