Zwei Grossbaustellen, zweimal grosser Stau?

  22.10.2026 Baselbiet

Die Sanierungen der Umfahrungen von Sissach und Liestal könnten sich überschneiden

Bund und Kanton wollen ab 2031 gleich zwei wichtige Strassen im Ergolztal sanieren: den Chienbergtunnel bei Sissach und die A22 bei Liestal. Den Autofahrern stehen mühsame Jahre bevor. Jetzt geht es darum, einen doppelten Stau innerhalb kurzer Distanz zu verhindern.

David Thommen

Wer mit dem Auto von Böckten nach Frenkendorf fährt, benutzt für gewöhnlich zwei Umfahrungen: jene von Sissach und jene von Liestal. In einigen Jahren könnte diese Fahrt gleich zweimal zur grossen Geduldsprobe werden: Auf beiden Strassen stehen voraussichtlich zeitgleich umfassende Sanierungen an – nur wenige Kilometer voneinander entfernt. Dies im Ergolztal, in dem der Verkehr zu Stosszeiten an neuralgischen Stellen ohnehin schon stockt. Fallen Fahrspuren weg oder werden Strassen gesperrt, drohen lange Kolonnen. Kommen zwei solche Engpässe zusammen, könnte auf der viel befahrenen Verkehrsachse zeitweise gar nichts mehr gehen.

Bei Liestal muss der Bund als Eigentümer die A22 zwischen den Anschlüssen Liestal-Nord nahe dem Schönthaltunnel und Lausen gründlich erneuern. Laut Bundesamt für Strassen (Astra) sollen die Hauptarbeiten gemäss neustem Stand 2031 beginnen und rund vier Jahre dauern. Der Termin hängt noch von der Plangenehmigung und den verfügbaren Finanzmitteln ab. Erste Arbeiten, unter anderem an der Gasstrassen-Überführung in Liestal, sind laut Astra bereits für 2028 vorgesehen.

Mehr Schäden als erwartet
Die als dringend nötig taxierte Sanierung der maroden A22 hat sich verzögert, weil die Planung laut Astra aufwendiger ist als ursprünglich angenommen. Abstimmungen mit dem Kanton sowie den Gemeinden Liestal und Lausen über Verkehrsführung, Lärmschutz und Entwässerung beanspruchten mehr Zeit, heisst es dort. Hinzu kommt, dass Teile der Infrastruktur in einem noch schlechteren Zustand seien als erwartet, wie neue Untersuchungen ergeben hätten.

Wie Astra-Sprecher Gaudenz Oetterli erläutert, betrifft dies insbesondere die Tragkonstruktionen des rund 800 Meter langen Viadukts über der Ergolz und der Gasstrassen-Überführung. Auch an den Lärmschutzwänden beim Viadukt wurden grössere Schäden festgestellt: Einzelne Elemente hätten bereits ersetzt werden müssen. Die zusätzlichen Arbeiten an den Tragkonstruktionen machten die Sanierung nun noch umfangreicher und komplizierter.

Eine akute Gefahr für die Verkehrssicherheit bestehe deswegen allerdings nicht, versichert Oetterli. Wo nötig, greife das Astra mit vorgezogenen Unterhalts- oder Überbrückungsmassnahmen ein. Zusätzlichen Planungsaufwand verursachen sechs Brücken über die Strasse, die nach der Übernahme der A22 durch den Bund im Jahr 2020 ins Sanierungsprojekt aufgenommen werden mussten (siehe Kasten).

Heikler Chienbergtunnel
Nur wenige Kilometer weiter oben im Tal steht der Kanton als Bauherr vor einer nicht minder anspruchsvollen Aufgabe: der Gesamtsanierung des Chienbergtunnels bei Sissach. Die Bauund Umweltschutzdirektion (BUD) bestätigt auf Anfrage der «Volksstimme», dass der Baubeginn ebenfalls für 2031/32 vorgesehen ist.

Das 2006 eröffnete Bauwerk bereitet bekanntlich wegen quellenden Gipskeuper-Gesteins seit Jahren grosse Probleme. Besonders in der sogenannten Hebungszone West sind laufend aufwendige Eingriffe nötig. Hinzu kommt die Erneuerung der Betriebsund Sicherheitsanlagen. Bereits im Jahr 2024 erklärten Vertreter des kantonalen Tiefbauamts gegenüber der «Volksstimme», dass eine Gesamtsanierung bei laufendem Verkehr kaum möglich sei. Nicht zuletzt wurde bereits eine Vollsperrung von sechs Monaten als denkbare Variante genannt.

Ob eine so lange Sperrung tatsächlich nötig wird, bleibt allerdings weiterhin offen. Zurzeit untersuche der Kanton den baulichen Zustand des Tunnels und lasse statische Überprüfungen vornehmen, heisst es auf Anfrage. Mit der eigentlichen Projektierung der Erneuerung, für die der Kanton 2024 im Investitionsprogramm total 85 Millionen Franken veranschlagte, will die BUD im Frühling kommenden Jahres beginnen. Bis zum Beginn der Gesamtsanierung wird der Tunnel mit kleineren Massnahmen sicher befahrbar gehalten.

Noch keine Angaben macht die BUD darüber, welche Umleitungen bei einer allfälligen Vollsperrung des Tunnels im Raum Sissach überhaupt denkbar wären. Rollt der ganze Verkehr dann wieder durch den Sissacher Ortskern wie vor der Eröffnung der Umfahrung? An durchschnittlichen Werktagen passieren gemäss einer älteren Zählung rund 18 800 Fahrzeuge den Chienbergtunnel. Für konkrete Umleitungsszenarien sei es noch zu früh, heisst es bei der BUD. Zunächst müsse das Sanierungsprojekt erarbeitet werden.

Auch Verschiebungen möglich
Wie sich die beiden Grossbaustellen auf den Verkehr im gesamten Ergolztal auswirken würden, ist bisher nicht untersucht worden. Die Behörden wollen dies im Zuge der weiteren Projektierung prüfen. «Der Kanton kennt und teilt diese berechtigte Sorge», schreibt die Bau- und Umweltschutzdirektion zu den drohenden Verkehrsbehinderungen zwischen Böckten und Frenkendorf. Bund und Kanton wollten die Belastung für die Bevölkerung möglichst gering halten. Vermeiden liessen sich Einschränkungen voraussichtlich allerdings nicht.

Ganz ohne Abstimmung planen die beiden Bauherren nicht: Das Astra hat bereits 2023 eine «Begleitgruppe Verkehr» eingesetzt, in welcher der Kanton, die Polizei und betroffene Gemeinden vertreten sind. Weitere Gemeinden werden in einer Begleitkommission einbezogen. Dass das Astra nach eigenen Angaben bislang noch keine konkreten Angaben über mögliche Sperrungen des Chienbergtunnels hat, erklärt die BUD mit dem frühen Stand der kantonalen Planung. Die Behörden stünden in stetigem Austausch.

Um eine doppelte Verkehrsbelastung möglichst zu vermeiden, ziehen die Behörden nötigenfalls auch Terminverschiebungen in Betracht. «Ob und gegebenenfalls wie lange die Sanierung entweder von Tunnel oder A22 verschoben werden müssen, klären das Astra und der Kanton bilateral», schreibt die BUD auf Anfrage der «Volksstimme».

Bauen unter Verkehr
Astra-Sprecher Oetterli betont, dass es entscheidend sein werde, die einzelnen Bauphasen aufeinander abzustimmen. «Wir bauen grundsätzlich unter Verkehr», beschreibt er das Credo des Astra. Länger dauernde Vollsperrungen der A22 in beiden Richtungen seien deshalb ausgeschlossen. Stattdessen werde versucht, den Verkehr an den Baustellen vorbeizuführen.

Besonders anspruchsvoll wird dies allerdings auf dem Ergolzviadukt in Liestal. Dort steht nur ein Fahrstreifen pro Richtung zur Verfügung. Wird eine Spur während längerer Zeit gesperrt, dürfte es rund um Liestal zu grossen Behinderungen auf den restlichen Strassen kommen. Ausweichrouten seien noch nicht abschliessend definiert, heisst es beim Astra.

Die Arbeiten an diesem A22-Abschnitt sollen allerdings nicht in den ersten beiden Baujahren stattfinden. Dass sich die verkehrlich schwierigsten Phasen der beiden Sanierungen damit nicht überschneiden, ist somit denkbar. Oetterli: «Der Abgleich wird stattfinden.» Schliesslich habe auch das Astra alles Interesse daran, grosse Staus zu vermeiden (siehe Kasten). Im Vergleich zu Sanierungen in anderen Regionen in der Schweiz habe Liestal immerhin den grossen Vorteil, dass mit der A2 eine zweite Nationalstrassenachse zur Verfügung stehe. Je nach Ausgangspunkt und Ziel könne über Augst oder Sissach ausgewichen werden.


Wenn der Kreisel verstopft

tho. Für den Verkehr besonders schwierig dürfte es werden, wenn das Astra das A22-Ergolzviadukt bei Liestal saniert. Während auf der A22 Richtung Lausen zwei Fahrstreifen pro Richtung zur Verfügung stehen, gibt es auf dem rund 800 Meter langen Viadukt durch Liestal jeweils nur einen. Wird ein solcher für die Bauarbeiten benötigt, muss der Verkehr einer Richtung voraussichtlich umgeleitet werden.

Astra-Sprecher Gaudenz Oetterli schildert ein denkbares Szenario: Verkehr aus dem Raum Liestal beziehungsweise den Frenkentälern könnte mit einem Umweg über Sissach auf die A2 Richtung Basel geführt werden, was den Sissacher Autobahnanschluss zusätzlich belasten würde. Wäre gleichzeitig der Chienbergtunnel gesperrt, könnte sich die Situation erheblich verschärfen. Als besonders problematisch bezeichnet Oetterli den Kreisel beim Autobahnanschluss Sissach. Wenn dieser verstopfe, könnte sich der Verkehr nicht nur auf die A22, sondern auch weit auf die A2 zurückstauen. Eine solche Situation wäre laut Oetterli auch für das Astra «nicht tragbar». Ob es zu solchen Umleitungen kommt, sei noch nicht entschieden. Unvermeidlich dürfte jedoch sein, dass jede grosse Baustelle im Ergolztal den Verkehr stark beeinträchtigen wird.


Sieben Brücken für den Bund

tho. Als der Bund Anfang 2020 die ehemalige Kantonsstrasse A22 übernahm, wechselten auch sieben Überführungen auf dem Gebiet von Liestal und Lausen in dessen Eigentum. Die Übernahme erfolgte automatisch und entschädigungslos, wie das Astra auf Anfrage der «Volksstimme» erklärt. Weil die Planung der grossen A22-Sanierung damals bereits angelaufen war, mussten sechs dieser Brücken nachträglich ins Projekt aufgenommen werden.

Betroffen sind in Liestal die Überführungen Gasstrasse, Nelkenweg, Heidenloch, Kasinostrasse und Grammetstrasse sowie in Lausen die Überführungen St. Nikolaussteg und Grammontstrasse. Einzig die Brücke an der Liestaler Grammetstrasse muss nicht saniert werden.
Dass der Bund für solche Bauwerke über Nationalstrassen verantwortlich ist, wurde 2024 durch ein Urteil des Bundesverwaltungsgerichts verdeutlicht. Ausgangspunkt war ein Rechtsstreit um die Rütihard-Brücke über die N18/A18 in Muttenz. Die Gemeinde hätte deren Sanierung aufgrund einer alten Vereinbarung mit dem Kanton Baselland, dem früheren Eigentümer der heutigen Nationalstrasse, für rund 730 000 Franken allein bezahlen sollen. Das Gericht entschied jedoch, dass die Brücke bereits 2008 kraft Gesetzes ins Eigentum des Bundes übergegangen war und dieser auch für ihre bauliche Sanierung verantwortlich sei. Eine Beteiligung der Gemeinde an den Kosten blieb laut Gerichtsurteil aber möglich.

Auch bei den sechs zu sanierenden Überführungen in Liestal und Lausen ist die Kostenverteilung noch offen. Grundsätzlich bezahlt der Bund die Tragkonstruktionen, während je nach Strassentyp Kanton und Gemeinden beispielsweise für Beläge, Beleuchtung und Entwässerung zuständig sind, wie Astra-Sprecher Gaudenz Oetterli sagt.
Eine Besonderheit kommt hinzu: Die Überführungen queren im Falle der A22 nicht nur die Strasse in Bundesbesitz, sondern zusätzlich auch die Ergolz. Wäre an einer solchen Stelle eine Brücke über den Fluss auch dann notwendig, wenn es die A22 nicht gäbe, dann dient das Tragwerk auch kantonalen oder kommunalen Interessen. In diesem Fall könnten der Kanton oder die Gemeinden laut Astra ebenfalls an den Kosten für dessen Sanierung beteiligt werden. Wie viel die einzelnen Beteiligten im konkreten Fall bezahlen müssen, müsse noch ausgehandelt werden. Angaben darüber, wie viel die Brückensanierungen kosten, konnte das Astra noch keine machen. Ebenfalls stehe noch nicht fest, was die gesamte Sanierung der A22 kosten wird.


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