«Sämtliche Aufträge wurden storniert»

  29.01.2026 Pratteln

Stefan Graf kaufte während Corona seine Firma

Corona hat Stefan Graf zum Eigentümer einer Vermietung für Messe- und Festmobiliar gemacht. Er übernahm die Schweizer Niederlassung einer insolventen Firma und rettete alle Arbeitsplätze. Die Evex Rental stattet Messen und Anlässe wie das WEF oder den ESC aus.

Christian Horisberger

Die Tenniscracks an den Swiss Indoors und die Starlets am Locarno Film Festival machen es sich jeweils auf gemieteten Sofas der Evex GmbH bequem. Die Künstlerinnen und Künstler des Eurovision Song Contest in Basel schminkten sich in Spiegeln derselben Firma, und die Grössen aus Wirtschaft und Politik am WEF in Davos verhandelten an Holztischen ebenfalls von Evex. Das Prattler Unternehmen stattet solche Mega-Events, Kongresse, Messen und Gewerbeausstellungen, aber auch Firmenanlässe und private Feiern leihweise mit Tischen, Stühlen, Vitrinen, Theken, Kühlschränken, Kaffeemaschinen, Polstergruppen, Leuchten und vielem mehr aus.

Die Konkurrenz in der Schweiz ist überschaubar und so lange die Kunden ihr Mobiliar zur rechten Zeit in der bestellten Qualität und Menge haben, lässt es sich als Event-Ausstatter ordentlich leben – vorausgesetzt, es finden Veranstaltungen statt: Corona hat kaum eine Branche so hart getroffen, wie das Veranstaltungsgeschäft: Von einem Tag auf den anderen brach es komplett ein.

Der in Rothenfluh aufgewachsene Stefan Graf war kurz vor der Pandemie vom Betriebsleiter zum Geschäftsführer der JMT Mietmobiliar GmbH, der Schweizer Niederlassung eines niederländischen Unternehmens, aufgestiegen. Der 43-Jährige erinnert sich: Kurz vor der Eröffnung des Automobilsalons in Genf erreichte ihn auf dem Palexpo-Gelände die Nachricht: «Salon abgeblasen». «Es war eine Tragödie», sagt er, «die Stände waren fast fertiggestellt und die Standbauer auf dem Ausstellungsgelände mussten die Arbeit einstellen.»

Nach Grafs Rückkehr ins Baselbiet folgte das Unvermeidliche: Alle Aufträge wurden storniert. Er habe seine damals sechs Mitarbeitenden nach Hause geschickt, Kurzarbeit angemeldet und überlegt, wie das Geschäft unter diesen Voraussetzungen noch Aufträge generieren kann: Büromöbel für Leute im Homeoffice? «Ein verzweifelter Versuch», sagt er heute dazu.

Mobiliar für Impfzentren
Durch die Pandemie ergaben sich aber tatsächlich neue Möglichkeiten: «Wir durften Impfzentren mit Mobiliar ausstatten oder Prüfungslokale, die in Turnhallen eingerichtet werden mussten, damit die Mindestabstände eingehalten werden konnten», so Graf. Das Mutterhaus jedoch kollabierte und meldete Insolvenz an. Bei einem Verkauf der Schweizer Niederlassung an einen externen Investor wäre die Belegschaft wohl ausgetauscht worden, befürchtete Graf. Er und sein Team wollten aber ihre Jobs behalten, denn das Unternehmen war in der Branche etabliert und bei Veranstaltern und Standbauern bestens vernetzt.

Trotz Krise glaubte der Geschäftsführer an die Zukunft der Branche. Er setzte sich mit der Insolvenzverwaltung in Verbindung. Rasch kam es zur Einigung und Graf konnte das Schweizer Geschäft mit all seinen Werten, Verbindlichkeiten und Angestellten übernehmen – zu einem günstigen Preis, wie er selber sagt. Für ihn persönlich sei es dennoch ein Risiko gewesen, denn für den Kauf habe er sein Erspartes aufs Spiel gesetzt – und auf Bankkredite verzichtet.

Auf Corona-Hilfen von Bund und Kanton war der gelernte Treuhänder Graf hingegen angewiesen. Sein Unternehmen habe mehrere 100 000 Franken Härtefallgelder beziehen können, die das Überleben des Betriebs gesichert hätten. Die Entschädigung basierte auf den Geschäftszahlen der vorangegangenen fünf Jahre, die mit dem Gesuch eingereicht werden mussten, sagt er. Zur Überbrückung der Krise habe er ausserdem ein zinsloses Covid-Darlehen über 285 000 Franken aufgenommen, das zum grössten Teil zurückbezahlt sei. Für die Unterstützung der öffentlichen Hand während der Pandemie ist Stefan Graf enorm dankbar. Es sei grossartig, dass und wie rasch der Kanton geholfen habe.

Nachdem 2021 alle Einschränkungen wieder aufgehoben worden sind, erfolgte im September jenes Jahres die definitive Übernahme des Betriebs durch Graf. Seither firmiert das Unternehmen als Evex Rental GmbH.

Gigantisches Lager in Pratteln
Als wichtigstes Kapital neben seiner im Januar auf elf Frauen und Männer angewachsenen Belegschaft nennt Graf den Lagerbestand am Firmensitz der Rheinstrasse in Pratteln. Auf 3300 Quadratmetern Fläche, in 7,5 Meter hohen Regalen auf fünf Böden lagern die Mietgegenstände: sperrige, stapelbare, in Folie eingewickelte, lose, auf Paletten. 4500 bis 5000 Möbelstücke dürften es sein, schätzt Graf.

Durch die Beanspruchung und auch modebedingt wird der Mietmöbelbestand laufend erneuert – jedes Jahr werden 5 Prozent des Sortiments ausgesondert. Das meiste an einem Rampenverkauf. Was neu ins Portfolio kommt, muss in die Zeit passen: Der Besuch von Möbelmessen in Mailand und Kopenhagen seien für die Evex daher Pflicht, sagt Graf, die Angebote der Mitbewerber zu beobachten, sowieso.

Bei den Kunden des Prattler KMU handelt es sich mehrheitlich um Event-Agenturen, Standbaufirmen, Messe- und Kongressveranstalter aus der ganzen Schweiz. Entweder, der Kunde bestellt bestimmte Artikel aus dem Sortiment des Vermieters, oder er lässt sich für die Gestaltung der auszustattenden Räume beraten. Graf betont, dass er aber auch Partys im kleineren, auch privaten Rahmen beliefert, bei denen nicht der grosse Umsatz im Vordergrund stehe: «Wir sind unabhängig, flexibel und können auf individuelle Wünsche eingehen.»

Dies möchte Graf in Zukunft vermehrt auch bei Outdoor-Veranstaltungen unter Beweis stellen, um sich weiterzuentwickeln. Als Beispiele nennt er das Gurten- oder das Greenfield-Festival. Aufgrund des reibungslos abgewickelten ESC-Auftrags in Basel will Graf ausserdem beim ESC in Wien mitofferieren. «Falls nötig gründen wir dafür eine Filiale in Bregenz», sagt er.

Der Wiener ESC-Auftrag wäre ein Trost für einen entgangenen Job, den er als grosser Hockeyfan dieses Jahr so gerne gemacht hätte: die Eishockey-WM auszustatten, die in Zürich und Fribourg stattfinden wird. Aber die Veranstalter hätten sich für einen anderen Anbieter entschieden. Graf muss sich damit trösten, dass seine Firma als Sponsor des EHC Basel Namensgeberin des VIP-Bereichs in der Basler Hockey-Arena ist: «Evex Lounge» klingt ja auch nicht schlecht.


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