«Bücher sind laufend ‹garnierter› geworden»
08.01.2026 BaselSchifffahrtexperte Jürg Meister mit Standardwerk über die Genfersee-Schifffahrt
Jürg Meister (83) aus Basel hat ein Buch über die Schifffahrt auf dem Genfersee herausgegeben. Im Interview spricht er über die Entstehung des neuen Standardwerks, seine Arbeitsweise ...
Schifffahrtexperte Jürg Meister mit Standardwerk über die Genfersee-Schifffahrt
Jürg Meister (83) aus Basel hat ein Buch über die Schifffahrt auf dem Genfersee herausgegeben. Im Interview spricht er über die Entstehung des neuen Standardwerks, seine Arbeitsweise und seine künftigen Buch-Vorhaben.
Lorenz Degen
Herr Meister, seit wann und warum sind Sie «Schiffs-affin»?
Jürg Meister: Obschon nur in Seenähe, aber nicht direkt am Wasser aufgewachsen, interessieren mich grundsätzlich alle Arten von Schiffen, auch die Hochseeschifffahrt. Ich hatte 1968 sogar die Gelegenheit zu einer mehrmonatigen Frachtschiffsreise; das war gerade noch vor dem Containerzeitalter. Dann besitze ich den Segelschein für Boote mit einer Segelfläche über 15 Quadratmeter. Ein Schwerpunkt liegt aber bei den Binnenschiffen, bevorzugt mit Dampfantrieb.
Wie kamen Sie in Ihrer Jugend zu Informationen über Schiffe – so ganz ohne Internet?
Ich habe mich – aufgewachsen in Thun und oft am Vierwaldstättersee mit den Eltern in den Ferien – schon als Kleinkind und dann erst recht als Schüler für die Schifffahrt interessiert. Wir waren regelmässig auf diesen beiden Seen unterwegs – mit Abstechern an andere Seen. An Literatur gab es ausser der «Schiffahrtsfibel Nr. 1» aus dem Orell-Füssli-Verlag rein gar nichts, wenn man vom Sammelband «Die industrielle und kommerzielle Schweiz beim Eintritt ins XX. Jahrhundert» (Heft Schifffahrt) absieht – das kannte ich aber vorerst nur vom Hörensagen. Ich habe etwa ab dem 13. Altersjahr begonnen, die Schifffahrtsunternehmen brieflich um Auskünfte zu bitten. Mit wechselndem Erfolg, aber langsam kam das «in die Gänge». Parallel dazu habe ich Postkarten gekauft und gesammelt, was meinen Eltern eher fremd war. Mit der Zeit erkämpfte ich mir auch Zugang zu ein paar Jahrgängen der einschlägigen Geschäftsberichte. Das hat sich über die Jahre hinweg perfektioniert, auch als ich entdeckte, dass es Archive gibt.
Wie schreiben Sie Ihre Bücher?
Die Gliederung muss von Anfang an stehen. Diese ist in allen Büchern mit meiner Beteiligung ziemlich gleich geblieben. Dazu braucht es aber auch einen Verlag, der auf gewisse Wünsche eingeht, wie darauf, dass ein neuer Beitrag über ein Schiff immer auf einer linken Seite beginnt, ebenso muss es grafische Konstanten geben. Innerhalb der Texte ist es aber so, dass ich die Fakten sammle – manchmal sind sie sehr lückenhaft – und dann relativ «dichterisch» an die Sache herangehe, wenn mich gerade ein «Flow» ereilt.
Über die vielen Jahre sind meine Texte etwas «runder» geworden, weniger stichwortartig-technokratisch. Ich lege heute wesentlich mehr Wert auf «Beigemüse», weil an vielen Nebenthemen ein Interesse vonseiten der Leserschaft vorhanden ist. Die Bücher sind also laufend «garnierter» geworden – gerade auch bei den Bildlegenden.
Wie lange arbeiteten Sie an diesem Buch und wie schwierig war es?
Die tägliche Arbeit begann auf einer sehr guten Datenbasis in den ersten Maitagen 2024 und dauerte bis zur Manuskript-Abgabe im Februar 2025 – also 10 Monate. Dann kam die Phase des Korrekturlesens, der Nachträge, des kritischen Hinterfragens, parallel in drei Sprachen. Das ist ja der Clou des Buchs: Es gibt es in Deutsch, Französisch und Englisch – absolut seitengleich. Letztere Arbeit lief dann nicht mehr täglich Tag und Nacht, sondern in Intervallen. «Schwierig» war sie für mich nicht, sondern herausfordernd.
Es gilt auch, hier grossen Dank an meine zahlreiche Mitstreiter auszurichten.
Welche Themen würden Sie gerne noch behandeln, welche Bücher schreiben?
Mit Heinz Amstad aus Zug bin ich bereits am nächsten «Opus», die beiden Zuger Seen, die per Ende 2026 als Teil der Zuger Kantonsgeschichte erscheinen werden. Danach ist es offen. Der Basler Rhein ist noch nie in der Tiefe meiner bisherigen Veröffentlichungen bearbeitet worden und für den Zürichsee gab es einmal ein Buch im Jahr 1976. Das könnte man ja ähnlich weiterentwickeln wie für den Léman.
Gibt es eine offene Forschungsfrage, die Sie umtreibt?
Das gibt es eher punktuell, beispielsweise im Gebiet der Dampfmaschinentechnik. So sind die ersten schräg liegenden Maschinen um 1855–1870 herum noch nicht «abschliessend» dokumentiert. Aber das Thema überlasse ich gerne einem Spezialisten aus der Technik. Dann ist es in den vergangenen Jahren klar geworden, dass die Firma Escher Wyss & Cie. schon sehr früh, etwa ab 1855, «Serienprodukte» geliefert hat. Dazu ist vieles bereits «erweckt» worden, aber es ist noch keine Publikation über dieses Teilthema angedacht.
Dr. Jürg Meister, «Die Geschichte der Schifffahrt auf dem Genfersee», 624 Seiten, 230 × 270 mm, Hardcover mit 625 Abbildungen, in deutscher, französischer und englischer Sprache erhältlich.
Schifffahrt auf Genfersee in drei Sprachen
ld. 1977 hat Jürg Meister zum ersten Mal die Geschichte der Genfersee-Schifffahrt in Buchform vorgelegt. Fast 50 Jahre später hat er die Summe seiner Forschungen in einem neuen Band zusammengefasst. Herausgekommen ist ein Opus Magnum zu allem, was sich auf dem Wasser zwischen Genf und Le Bouveret in den vergangenen 200 Jahren bewegte. Sämtliche Schiffstypen, auch die längst verschwundenen, sind beschrieben. Dazu versammelt der Band eine Vielzahl Fotos der Dampfund Motorschiffe in allen Stimmungen und Jahreszeiten. Wer sich für Schweizer Nautik interessiert, kann auf dieses Buch nicht verzichten. Erhältlich ist es in drei Sprachen, Deutsch, Französisch und Englisch.
Magisches Fotobuch
ld. Der Lausanner Fotograf Jacques Straesslé dokumentiert in einem anderen Buch mit dem Titel «Bateaux Fantômes» die Restaurierung der acht Raddampfer auf dem Genfersee. Dabei blickt er auf Details wie die Messing-Treppenabschlüsse mit dem jeweiligen Schiffsnamen (zum Beispiel «Vevey» oder «Savoie») oder er unterschiedlichen Perspektiven. Besonders eindrücklich sind die Schwarz-Weiss-Aufnahmen der Dampfer in unterschiedlichen Wetterlagen sowie der Einblick in den Maschinenraum. Ganz prächtige Bilder gelangen Straesslé von den Dampferparaden, wo die majestätischen Formen der Belle- Époque-Flotte besonders schön zur Geltung kommen. Es handelt sich um grossartige Bilder, die ein wahrlich magisches Fotobuch entstehen liessen.
Jacques Straesslé, «Bateaux Fantômes», Éd. Studio D5, 144 Seiten. www.schiffs-agentur.ch

