Bäche brauchen Jahre
27.08.2026 BaselbietGanze Bäche oder Bachabschnitte sind diesen Sommer ausgetrocknet. Jetzt kehrt das Wasser zurück. Fischereiaufseher Daniel Zopfi erklärt, weshalb sich ein Gewässer erst nach Jahren erholt, warum tiefe Rückzugsräume wichtiger werden – und weshalb die Bachforelle im Baselbiet zunehmend Lebensraum verliert.
David Thommen
Herr Zopfi, wie viele Baselbieter Bäche sind diesen Sommer ganz oder teilweise ausgetrocknet? Wie viele Fische verendeten – und wie viele konnten wenigstens umgesiedelt werden?
Daniel Zopfi: Von den Seitengewässern der Ergolz mit Fischbestand sind grosse Teile des Diegter-, Homburgerund Eibachs trockengefallen. Ebenso die Ergolz im Raum Sissach und Böckten sowie ein Teil des Bennwilerbachs oberhalb der ARA. Mit Unterstützung des Zivilschutzes konnten mehrere Hundert Fische umgesiedelt werden.
Wie aussergewöhnlich ist der Sommer 2026 im Vergleich zu früheren Trockenjahren?
Die Periode ohne Niederschlag war länger und die Temperaturen höher. Am Freitag, 31. Juli, wurde an der Ergolz-Messstation beim Kantonsspital Liestal mit einem Tagesmittel von nur 48 Litern pro Sekunde ein aussergewöhnlich tiefer Abfluss registriert. Gemäss den Hydrodaten des Bundes handelt es sich damit um einen der tiefsten je gemessenen Tagesmittelwerte an dieser Station.
Was bedeutet es für die Bachfauna, wenn ein Bach austrocknet?
Die aquatische Fauna ist nicht mehr vorhanden. Von den Fischen, deren Nahrungskette bis hin zu den für die Selbstreinigung des Gewässers wichtigen Mikroorganismen bleibt wenig bis nichts übrig.
Wie beginnt die Wiederbesiedlung eines zuvor ausgetrockneten Bachs, sobald wieder Wasser fliesst? Welche Kleintiere kehren zuerst zurück, und welche sind als Nahrungsgrundlage für andere Tiere besonders wichtig?
Kommt das Wasser zurück, werden aus den noch wasserführenden Oberläufen Wasserinsekten, sogenanntes Makrozoobenthos, und Mikroorganismen eingespült und flugfähige Eintags-, Stein- und Köcherfliegen legen ihre Eier in ruhigen Bachabschnitten ins Wasser. Dies ist die Initialisierung von neuem Leben im Bach. Mit der Rückkehr der Nahrungsgrundlage werden auch Fische aus dem Ober- oder Unterlauf in die trockengefallenen Strecken einwandern. So erholt sich der Bach nach und nach.
Man kann also nicht einfach Forellen und andere Fische einsetzen, weil diese sonst verhungern würden?
Ja, denn ohne eine intakte Nahrungsgrundlage hätten Fische nur geringe Überlebenschancen.
Wie lange dauert es in der Regel, bis sich die Fauna eines stark geschädigten Bachs wieder erholt? Was zeigen die Erfahrungen aus dem Hitzesommer 2003?
Wenn ein Gewässer danach nicht mehr austrocknet, geht es in der Regel drei bis vier Jahre, bis sich ein Fischbestand wieder erholt hat und sich selbstständig reproduziert.
Kann sich ein Bach überhaupt vollständig erholen, wenn Trockenereignisse wie prognostiziert immer häufiger auftreten und es alle paar Jahre zu einem Totalschaden kommt?
Entscheidend ist die Abfolge der Extremereignisse. Sollten diese weiter zunehmen, wird es schwierig, dass sich der Fischbestand danach jeweils noch regenerieren kann.
Welche Bedeutung haben grosse «Gumpen» in den Bächen? Müssten solche Rückzugsräume nun nicht im grossen Stil geschaffen und beschattet werden, damit lokal angepasste Populationen erhalten bleiben? Bräuchte nicht jeder Bach einen grossen, tiefen Rettungsraum?
Tiefe Kolken als Rückzugsorte werden immer wichtiger, denn dort sammeln sich viele Wasserbewohner, um den Wassermangel im Gewässer zu überstehen. Die Schaffung sowie der Schutz solcher Rückzugsgebiete ist eines der wirksamsten Instrumente gegen solche Trockenperioden. Gemeinsam mit dem kantonalen Geschäftsbereich Wasserbau werden Gewässer ökologisch aufgewertet und in einen möglichst naturnahen Zustand gebracht. Dies beinhaltet auch tiefe Kolken, die im besten Fall bis ins Grundwasser reichen. Ob solche Strukturen bei einer Bachsanierung geschaffen werden können, wird jeweils abhängig von den örtlichen Gegebenheiten geprüft.
Wie schnell können die einheimischen – ohnehin bedrohten – Flusskrebse einen verwaisten Bach wieder besiedeln? Krebse wandern ja nicht besonders schnell …
Das geht ohne menschliche Hilfe heute fast nur noch, wenn im Oberlauf eines Bachs noch eine Population vorhanden ist. Die Wiederbesiedlung der Gewässer dauert jedoch einige Jahre.
Überlässt der Kanton die Wiederbesiedlung der Natur, oder werden Tiere – auch Kleinstlebewesen – gezielt eingesetzt?
Es ist nicht vorgesehen, in den Prozess der natürlichen Wiederbesiedlung einzugreifen. Besatz kann die grundlegenden Probleme nicht lösen und ist deshalb keine nachhaltige Antwort auf wiederkehrende Trockenperioden. Entscheidend ist, die Gewässer so zu gestalten und zu erhalten, dass sich Fischpopulationen eigenständig erholen und sich lokal an die veränderten Bedingungen anpassen können. Eine natürliche Wiederbesiedlung ermöglicht es, dass sich diejenigen Individuen und Arten durchsetzen, die an die lokalen Bedingungen angepasst sind, und trägt damit langfristig zur Erhaltung genetisch angepasster Populationen bei.
Jedenfalls, solange Wasser fliesst …
Zentral ist der nachhaltige Umgang mit der Ressource Wasser: Durch Massnahmen wie die Förderung der Versickerung, der Uferinfiltration oder das Zurückhalten von Wasser in niederschlagsreichen Zeiten kann die Grundwasserneubildung unterstützt werden. Es geht deshalb nicht darum, die Folgen trockener Bäche durch Besatz oder Rettungseinsätze auszugleichen, sondern darum, den Wasserhaushalt und die Gewässer so zu stärken, dass natürliche Populationen wieder eigenständig bestehen können.
Welche Höchsttemperaturen wurden diesen Sommer in den noch wasserführenden Bächen gemessen?
Der Diegterbach hatte in Sissach kurz vor dem Trockenfallen 28 Grad Celsius erreicht.
Hat die Bachforelle – ein Kaltwasserfisch – in den Baselbieter Bächen bei uns noch eine Zukunft?
Längerfristig wird die Bachforelle wohl immer mehr an Lebensraum verlieren und nur noch in den wassersicheren Oberläufen einen geeigneten Lebensraum vorfinden. In regelmässig trockenfallenden Gewässerabschnitten wird die Bachforelle künftig nur noch sporadisch vorkommen. Die Fortpflanzung wird durch die geringe Dichte fortpflanzungsfähiger Tiere sowie das eingeschränkte Nahrungsangebot zusätzlich erschwert.
Welche anderen Fischarten könnten künftig stärker in den Vordergrund rücken, wenn das Oberbaselbiet keine Forellenregion mehr ist?
Profitieren werden temperatur- und sauerstofftolerante Fischarten wie zum Beispiel der Karpfen, Barbe und Alet sowie der Wels.
Wissen Sie, was aus den vielen ausgesetzten Junglachsen in Ergolz, Frenke und weiteren Bächen in diesem Sommer geworden ist?
Aktuell haben wir noch keinen Überblick darüber, wie die Besatzlachse aus diesem Jahr die Hitzeperioden überstanden haben. Wir sind jedoch zuversichtlich: Die ausgewählten Besatzgewässer hatten wenig, jedoch durchgehend Wasser.
Sind die Ergolz und ihre Zuflüsse überhaupt noch geeignete Aufwuchsgewässer – und später Laichgewässer – für den Lachs?
Wir besetzen Lachse nur in Gewässerabschnitte, bei denen wir mit grösster Wahrscheinlichkeit davon ausgehen können, dass die Strecken nicht trockenfallen. Sollte es Lachsen gelingen, in ihre Herkunftsgewässer zur Fortpflanzung hochzusteigen, dürfen wir davon ausgehen, dass während der Fortpflanzungsphase im Winterhalbjahr genügend Habitat zur Verfügung steht.
Was müsste geschehen, damit das seit Jahren laufende Lachsprogramm im Baselbiet trotz Klimaerwärmung nicht für die Katz’ war?
Es braucht weitere Verbesserungen der Fischgängigkeit und Revitalisierungen in den prioritären Gewässern. Das langfristige Ziel bleibt, eine selbsttragende Lachspopulation im Rhein und seinen Zuflüssen zu ermöglichen.
Der Kanton betreibt eine eigene Aufzuchtanlage für Lachse. Wie haben die dort gehaltenen adulten Fische die Hitze überstanden?
Die Lachsmuttertiere haben den Sommer in der Fischzuchtanlage bis anhin gut überstanden. Dies auch dank Massnahmen wie Wasserkühlung und Beschattung.
Das Kantonsgericht verlangte jüngst eine umfassende Prüfung der ökologischen Folgen weiterer ARA-Schliessungen im Baselbiet. Welche Bedeutung hat der Erhalt kleiner, dezentraler Kläranlagen für die kleinen Bäche?
Kleine ARAs haben für den Erhalt des aquatischen Lebensraums eine grosse Bedeutung, da das Wasser in den Oberläufen der Bäche zurückgegeben und nicht gesammelt auf eine Grossanlage abgeführt wird, die sich weiter unten befindet.
Gibt es Bäche, die ohne ARA-Einleitungen diesen Sommer früher oder stärker ausgetrocknet wären?
Ja, wir haben vergangene Woche vor dem Regen die kleineren Gewässerreinigungsanlagen im Einzugsgebiet der Ergolz in Augenschein genommen. Abgesehen vom Eimattbach bei Häfelfingen, bei dem das gereinigte Abwasser den Homburgerbach in Rümlingen nicht mehr erreichte, trugen die übrigen ARAs teilweise einen erheblichen Anteil dazu bei, dass die Gewässer nicht trockengefallen sind.
Grosse, zentrale Kläranlagen reinigen besser. Ist zugespitzt gesagt schmutzigeres Wasser im Bach besser als gar keines?
Ohne Wasser gibt es keinen aquatischen Lebensraum. Somit ist weniger gereinigtes Abwasser besser als kein Wasser, um den Lebensraum über die Trockenphase zu bringen.
Die Gemeinden verpachten ihre Bachabschnitte an Fischereivereine. Vergeht den Baselbieter Fischern nicht langsam die Lust, trockene Bäche zu pachten?
Wir nehmen mehrheitlich wahr, dass sich die Fischenden für die Fischbestände und deren Lebensraum trotz Widrigkeiten einsetzen. Situativ kann jedoch nicht ausgeschlossen werden, dass die regelmässig trockenfallenden Gewässerabschnitte mangels Interesses nicht mehr verpachtet werden können.
Der Kanton wächst, entsprechend steigt der Wasserbedarf. Welche Rolle spielt die Trinkwassergewinnung für die Wasserführung der Bäche?
Das Grund- und Oberflächenwasser bilden ein gemeinsames System. Sie stehen in ständiger Wechselwirkung, bei der Wasser je nach Pegelstand und Jahreszeit in beide Richtungen fliesst und der Boden als natürlicher Filter wirkt. Durch die lange Trockenheit sinkt wegen der Trinkwassergewinnung der Grundwasserspiegel. Dies wirkt sich negativ auf die Oberflächengewässer aus, indem die Grundwasseraufstösse versiegen und vermehrt das Oberflächenwasser ins Grundwasser infiltriert.
Welche Konsequenzen sollte der Kanton aus diesem Hitzesommer für seine Gewässerpolitik ziehen? Müsste er mehr Geld in die Hand nehmen, um die Situation zu verbessern?
Der Kanton Basel-Landschaft verfügt über eine Wasserstrategie, die auf verschiedenen Ebenen Massnahmen vorsieht. Für uns als Fischereifachstelle sind Massnahmen wie zum Beispiel das Projekt «Slow Water», welches das Niederschlagswasser in den Boden bringt, von Bedeutung. Für den Lebensraum Bach ist es notwendig, bei Niederschlagsereignissen mit geeigneten Massnahmen wie Revitalisierungen oder Schluckbrunnen – also Versickerungsbrunnen – das Grundwasser anzureichern.


