Bauern sind am Limit
09.10.2026 BaselbietLandwirtschaft kämpft mit den Folgen der Rekord-Dürre
Die diesjährige Trockenheit setzt der Baselbieter Landwirtschaft massiv zu. Besonders Viehhalter kämpfen mit schwindenden Futterreserven und steigenden Kosten. Ebenrain-Chef Christoph Böbner spricht von einer ...
Landwirtschaft kämpft mit den Folgen der Rekord-Dürre
Die diesjährige Trockenheit setzt der Baselbieter Landwirtschaft massiv zu. Besonders Viehhalter kämpfen mit schwindenden Futterreserven und steigenden Kosten. Ebenrain-Chef Christoph Böbner spricht von einer sehr herausfordernden Situation.
Pascal Kamber
Der Regen vom Donnerstag hat dem ausgetrockneten Baselbiet etwas Wasser gebracht. Für die Landwirtschaft und die Natur dürfte er allerdings kaum mehr gewesen sein als der sprichwörtliche Tropfen auf den heissen Stein. Zu gross ist das Niederschlagsdefizit der vergangenen Monate, zu trocken sind Böden und Wiesen. So überrascht die Erkenntnis nicht, dass das aktuelle Sommerhalbjahr in der Schweiz als das trockenste seit Messbeginn vor 160 Jahren gilt.
Eine nachhaltige Entspannung ist nicht in Sicht, wie der Blick auf die Langzeitprognosen zeigt. Für die Landwirtschaft wird die Trockenheit zunehmend zum Problem: Futterreserven schwinden, Erträge fallen aus und die Kosten steigen. «Das Baselbiet ist die ganze Situation im Quadrat», sagt Christoph Böbner, Leiter des Ebenrain-Zentrums für Landwirtschaft, Natur und Ernährung in Sissach.
Im langfristigen Durchschnitt fallen im Baselbiet rund 840 Millimeter Niederschlag pro Jahr. Laut «MeteoSchweiz» liegen die aktuellen Werte bei etwa einem Drittel davon. Böbner führt die geringen Niederschlagsmengen auch auf die besondere geografische Lage des Baselbiets zurück: «Hier fällt generell weniger Niederschlag als im schweizweiten Vergleich. Zudem gehören die beiden Basel zu den tiefstgelegenen Regionen der Schweiz, weshalb die Durchschnittstemperaturen hier meistens höher sind als im Rest des Landes.»
Verschärft werde die Situation durch den Wind, der die Böden dieses Jahr stärker als üblich ausgetrocknet habe, sowie durch den kalkund karsthaltigen Untergrund: «Das Wasser sinkt rasch ab und kann kaum zurückgehalten werden», so der Agrarexperte.
Viehhalter stark betroffen
Für die Baselbieter Bäuerinnen und Bauern ist ein trockener Sommer grundsätzlich also keine Seltenheit. Im laufenden Jahr haben sich die Bedingungen jedoch derart zugespitzt, dass auch sie an ihre Grenzen stossen. Rund drei Viertel der 847 Landwirtschaftsbetriebe im Baselbiet halten Nutzvieh – und sind von Hitze und Trockenheit besonders betroffen. Seit Anfang Juli kam von den Wiesen kein zusätzliches Gras mehr in den Stall. Auch beim Mais, der das Grünfutter als wichtige Kultur ergänzt, fielen die Erträge mit lediglich 25 bis 40 Prozent der normalen Ernte äusserst dürftig aus. «Die Situation ist dramatisch», sagt Böbner.
Viele Betriebe haben deshalb bereits ihre Wintervorräte angezapft, kaufen Futter zu oder passen ihren Tierbestand an. Ende August bewilligte der Bund zudem zeitlich und mengenmässig begrenzte Bezüge aus Pflichtlagern für Proteinträger zu Futterzwecken. «Das hat die Situation zum Glück etwas entschärft», so Christoph Böbner.
Der 63-Jährige aus Hasle im Entlebuch (LU) betont jedoch, dass nicht alle Betriebszweige gleich stark vom Dürresommer betroffen sind. Produzenten von Gemüse, Kartoffeln, Obst und Beeren oder generell von Kulturen mit hohem Wasserbedarf blicken zwar auf ein ähnlich schwieriges Jahr zurück wie die Nutztierhalter. Anders sieht es aber beim Weinbau aus: «Für die Reben scheint es qualitativ ein eher gutes Jahr zu sein, die Menge ist jedoch ebenfalls reduziert.» Auch bei den Zwetschgen und Kirschen waren die Erträge gemäss Böbner ansprechend. Glimpflicher davongekommen sind ausserdem Getreideproduzenten: Alles, was bis Juli geerntet werden konnte – darunter Gerste, Weizen, Hafer und Raps –, habe einigermassen überlebt, bilanziert der Ebenrain-Leiter.
Hohe psychische Belastung
Trotzdem hoffte nicht nur die Baselbieter Landwirtschaft darauf, dass der September endlich Regen und damit etwas Entlastung bringen würde. Doch auch im ersten Herbstmonat ging es im gleichen Stil weiter. Inzwischen ist klar: Der September dieses Jahres war der zweitwärmste seit Messbeginn im Jahr 1864. «Unsere Hoffnung, noch einmal Futter zu gewinnen, hat sich zerschlagen. Das hat die Situation noch einmal verschärft», erläutert Christoph Böbner.
Zu den ausbleibenden Niederschlägen kommen die wirtschaftlichen Folgen: Die Betriebe müssen Ertragseinbussen verkraften und zugleich höhere Ausgaben für Futter, Wasser und Arbeit stemmen. «Der psychische Stress ist gross – nicht nur wegen der wirtschaftlichen Situation, sondern auch, weil sich viele Landwirte Sorgen machen, nicht genügend Winterfutter für ihre Tiere zu haben.»
Die Aussichten bleiben düster. Für die Aussaat von Zwischenfutter oder von Winterkulturen fehlt weiterhin Wasser, wodurch sich der Futterengpass bis ins kommende Frühjahr ziehen könnte. Noch unklar ist zudem, wie sich die Hitze auf die Knospenbildung etwa beim Obst und damit auf die nächste Ernte auswirken wird.
Böbner empfiehlt den Bäuerinnen und Bauern, das Management des Futters und die Liquidität gut im Auge zu behalten und sich gegenseitig auszuhelfen. Gleichzeitig bietet das Ebenrain-Zentrum Hilfe an: Die Vorgaben für Direktzahlungen wurden gelockert und Rückzahlungen von Investitionskrediten können auf Antrag aufgeschoben werden. Zudem beantragt der Regierungsrat dem Landrat 2 Millionen Franken für Betriebshilfe-Darlehen: Wie aus dem diese Woche veröffentlichten Bericht der zuständigen Landratskommission hervorgeht, wurden bisher zwei Kreditgesuche bewilligt. Das Ebenrain-Zentrum rechnet mit bis zu 40 Gesuchen für Kredite zwischen 10 000 und 50 000 Franken. Bald wird sich der Landrat damit befassen.
Auch der Bund trägt seinen Teil bei und hat beispielsweise die Zölle auf Importfutter ausgesetzt. «Das Problem löst sich dadurch nicht in Luft auf, aber für die Bauern ist das eine willkommene Unterstützung in dieser Situation», sagt Böbner.
Parallel werden sich viele Landwirtinnen und Landwirte Gedanken zur Ausrichtung ihrer Betriebe machen. Damit beschäftigen sich auch der Ebenrain und der Bund. Böbner verweist auf die Wasserstrategie des Kantons aus dem Jahr 2024 und auf das Projekt «Slow Water». Das 2022 in den Kantonen Baselland und Luzern lancierte und bis zum Jahr 2029 geplante Projekt soll Wasser länger in der Region zurückhalten, Erosion und Hochwasserrisiken verringern und so einen Beitrag zur Sicherung der landwirtschaftlichen Produktion leisten. Finanziell unterstützt wird «Slow Water» von Bund und Kanton.
«Slow Water» umfasst 15 Massnahmen, darunter Hecken, Gräben an Hängen und Rückhaltebecken. Sie sollen bei starken Niederschlägen möglichst viel Wasser in der Landschaft zurückhalten. «Das kann die Auswirkungen von extremen Situationen etwas dämpfen», sagt Böbner. Die Wirkung derartiger Vorkehrungen erfordere allerdings Geduld: «Das klappt nicht von heute auf morgen. Mit diesen Massnahmen ist der Kanton aber auf einem guten Weg.»
Trotz allem sieht der Ebenrain-Leiter in der Trockenheit auch einen positiven Aspekt: «Der Bevölkerung wird bewusst, wie wichtig und wertvoll Wasser ist.» Denn extreme Sommer dürften künftig vermehrt auftreten. «Ich hoffe aber, dass sich die Geschichte nächstes Jahr nicht wiederholt. Zweimal in Folge ein solcher Sommer wäre katastrophal», sagt Böbner.
Ebenrain-Sanierung geplant
kam. Der Sanierungsbedarf beim Ebenrain-Zentrum in Sissach ist bereits seit Jahren bekannt. Schon frühere Planungen sahen Erneuerungsarbeiten an den Gebäuden vor – umfassendere Sanierungen wurden aber wiederholt zurückgestellt. Nun ist die Instandsetzung mit 12,5 Millionen Franken im kantonalen Investitionsprogramm enthalten. Im Aufgaben- und Finanzplan 2026–2029, den Finanzdirektor Anton Lauber am 23. September präsentiert hat, wird das Vorhaben als «Sissach, Ebenrain Instandsetzung Gebäude» geführt.
Zuständig ist das Hochbauamt. Konkrete Investitionstranchen für die einzelnen Jahre sind jedoch noch nicht ausgewiesen. Auch eine Landratsvorlage oder ein Beschluss zur Sanierung liegen bislang nicht vor.
Offen sind damit unter anderem der genaue Umfang der Arbeiten, der Zeitplan und die Finanzierung der einzelnen Bauetappen.

