Bauen als Care-Arbeit
10.04.2026 Bezirk Liestal, BaselEin Film über die Architektin Barbara Buser kommt ins Kino
Seit Jahrzehnten befasst sich Barbara Buser mit nachhaltigem Bauen. Sie bewahrt Gebäude vor dem Abriss, plant Zwischenund Umnutzungen und engagiert sich für die Wiederverwendung von Baumaterialien. Nun zeigt ein ...
Ein Film über die Architektin Barbara Buser kommt ins Kino
Seit Jahrzehnten befasst sich Barbara Buser mit nachhaltigem Bauen. Sie bewahrt Gebäude vor dem Abriss, plant Zwischenund Umnutzungen und engagiert sich für die Wiederverwendung von Baumaterialien. Nun zeigt ein Film ihre Arbeit.
Marianne Ingold
Geplant war ein Dokumentarfilm über Care-Arbeit mit mehreren Protagonistinnen. Regisseurin Gabriele Schärer fragte dafür auch die Architektin Barbara Buser an, die seit Jahren Vorträge hält über nachhaltiges Bauen. «Auch das ist Care-Arbeit», sagt Buser. «Denn nur schon mit regelmässigem Unterhalt kann man sehr viel bewirken.» Den Dingen Sorge tragen und Bestehendes wiederverwenden versteht sie als fundamental weibliches Prinzip.
Auf die Anfrage folgte ein erstes Gespräch, worauf die Regisseurin beschloss, ihren Film ganz Barbara Buser zu widmen. Zwei Jahre lang trafen sich die beiden Frauen regelmässig zu Spaziergängen oder an Veranstaltungen. Danach erarbeitete Gabriele Schärer das Drehbuch. 2024 folgten die sechswöchigen Dreharbeiten.
Das sei anstrengend, aber spannend gewesen, erinnert sich Barbara Buser: «Es machte Spass, mich mit meiner Vergangenheit zu beschäftigen und mir gewisse Dinge wieder in Erinnerung zu rufen», erzählt sie. Sogar zum Segeln auf dem Neuenburgersee, wo sie ein Boot besitzt, begleitete sie die Filmcrew. Nur nach Afrika, wo sie fast zehn Jahre lang gelebt und gearbeitet hatte, wollte Buser nicht mit einem Kamerateam im Schlepptau reisen. Stattdessen stellte sie ihre Dia- und Fotosammlung zur Verfügung.
Möglichst nicht abreissen
Der Film beginnt und endet im Franck-Areal, dem nicht mehr zur Produktion genutzten Teil der Thomy-Senf- und Mayonnaisefabrik im Kleinbasel: Dort werden die ehemaligen Fabrikgebäude, die zuerst abgerissen werden sollten, nun für Kultur und Kreislaufwirtschaft umgenutzt und mit Wohnbauten ergänzt. «Nicht abreissen, sondern wertschätzen und behalten, was an Material bereits vorhanden ist», erläutert Buser das Prinzip des zirkulären Bauens. «Denn alles Baumaterial wird irgendwo aus der Erde geholt und oft um die halbe Welt verschifft.»
Beim Abriss – oft wohlklingender «Rückbau» genannt – wird die graue Energie, die für die Erstellung eines Gebäudes benötigt wurde, zerstört und es fallen grosse Mengen an Abfall an. «Diese dürfen nicht exportiert werden, und alle Täler sind schon mit Deponien gefüllt. Wieso also noch mehr Gebäude abreissen?», fragt die Nachhaltigkeits-Expertin. Gemäss Website der Bauteilbörse, die Barbara Buser vor 30 Jahren mitgründete, sind 84 Prozent des Abfalls in der Schweiz Bauabfälle. Pro Jahr fallen 75 Millionen Tonnen davon an, pro Sekunde 500 Kilogramm.
Falls doch einmal neu gebaut werden müsse, sagt die Architektin, sollten möglichst nachwachsende oder bereits gebrauchte Materialien verwendet werden – «und zwar so, dass man sie wieder zerstörungsfrei abbauen kann.» Aus dieser Perspektive seien die verpönten Plattenbauten gar nicht schlecht: «Die kann man wieder auseinandernehmen oder könnte es zumindest», so Buser. Heute werde jedoch unnötig viel zerstört, weil die Wiederverwendung aufgrund der hohen Arbeitskosten teurer ist.
Auf dem Franck-Areal werden Betonwände in Stücke geschnitten und danach als Bodenplatten verlegt oder zum Bau von Kellergeschossen für neue Wohngebäude verwendet. Auch andere Bauteile werden wieder gebraucht. Im Unterschied zum Recycling, bei dem Altes maschinell in Einzelteile zerlegt wird, aus denen nur teilweise wieder Neues produziert werden kann, wird beim sogenannten Re-Use das Bauteil in seiner bestehenden Form wieder genutzt. Ein Fenster wird also wieder eingesetzt und nicht zerschlagen, um das Glas einzuschmelzen.
Die Herausforderung beim Arbeiten mit gebrauchten Bauteilen sei nicht die Ästhetik, meint Buser: «Wenn man es nicht weiss, sieht man gar nicht, dass etwas wiederverwendet wurde.» Vielmehr könne nicht mehr jede beliebige architektonische Idee umgesetzt werden, wenn das Material dafür in China oder Brasilien bestellt werden müsste. Sie selbst empfindet es als Bereicherung, mit bereits Gegebenem zu arbeiten.
Auch die Energieeffizienz werde durch die Wiederverwendung von alten Bauteilen nicht beeinträchtigt: «Man kann alles ertüchtigen.» Im Franck-Areal wird bei 70-jährigen, doppelt verglasten Fenstern ein Glas durch eine Vakuumverglasung aus zwei Gläsern ersetzt. Die neue Dreifachverglasung koste nicht mehr als ein neues Fenster und erfülle alle Vorschriften. Und die dabei ausgebauten 3000 Glasscheiben? «Die werden wir wieder brauchen», sagt Buser. «Wofür genau, weiss ich noch nicht.»
Das alte Haus im «Gundeli»
Im Zentrum des Dokumentarfilms über Barbara Buser steht ihre Arbeit. «Es braucht aber ziemlich viel von meiner Lebensgeschichte, um diese Arbeit zu verstehen», betont sie. Eine Schlüsselrolle in ihrem Leben spielt das «Gundeli»-Quartier in Basel. Dort steht das Haus ihres Urgrossvaters, in dem Buser aufwuchs und heute noch wohnt. Mit 18 Jahren rettete sie es vor dem Verkauf an den Meistbietenden: «Das war die Initialzündung für mein Bewusstsein», sagt sie.
An der ETH Zürich studierte Buser Architektur. Nach ihrem Abschluss Ende der 1970er-Jahre bewarb sie sich zusammen mit ihrem damaligen Partner bei einer Hilfsorganisation für eine Stelle in Afrika. Mit Schiff und Land Rover reisten sie in den Südsudan, wo sie dreieinhalb Jahre für ein Brunnenbauprojekt arbeiteten. «Als dort Erdöl gefunden wurde und Krieg ausbrach, mussten wir gehen», erzählt sie. Danach kam ein Angebot aus Tansania: «Kein Mann wollte das machen, weil es nicht ums Bauen ging, sondern um den Unterhalt für die Unigebäude in Daressalam.» Barbara Buser sagte zu.
Wieder zurück in der Schweiz gründete Buser in den 1990er-Jahren mit Absicht kein «Architekturbüro», sondern ein «Baubüro», denn: «Wir wollen pragmatisch gestalten und bauen, nicht theoretisieren.» Ihr erstes grosses Umnutzungsprojekt war das Unternehmen Mitte in Basel. Danach folgten viele weitere: vom Gundeldinger Feld über die Markthalle in Basel, das Hanround das Ziegelhof-Areal in Liestal bis zum Franck-Areal.
Barbara Buser ist nicht nur Architektin, sondern auch vielfache Unternehmerin. Für jedes grosse Projekt, für jedes Arbeitsfeld wie Planung und Umbau, Städtebau und Stadtentwicklung, Zwischennutzungen, Kreislaufwirtschaft oder Re-Use gab und gibt es eine eigene Firma. «Ich will mit den Leuten auf Augenhöhe zusammenarbeiten», erläutert Buser. Wenn die Beteiligten die Firma mitbesitzen und mitgestalten könnten, seien sie mit ganz anderem Engagement dabei als im Angestelltenverhältnis. «Das ist die soziale Dimension der Nachhaltigkeit.»
Allein seit sie offiziell pensioniert ist, hat Barbara Buser fünf neue Firmen gegründet. Eine davon ist die «nomol AG», die nicht mehr erwünschte Forster-Stahlküchen ausbaut, aufbereitet und für den Wiederverkauf neu zusammensetzt. «Diese qualitativ hochwertigen Küchen haben eine Lebensdauer von 100 Jahren, wenn man sie pflegt», sagt Barbara Buser dazu.
Aufhören ist kein Thema
Bis 67 arbeitete Buser, die mit vielen Preisen ausgezeichnet und zum Ehrenmitglied des Schweizerischen Ingenieur- und Architektenvereins SIA ernannt worden ist, noch als Dozentin an der ETH. Auch heute, mit 72, denkt sie nicht ans Aufhören: «Solange es mir gut geht, arbeite ich. Ich tue ja das, was mir gefällt und hoffentlich auch etwas bringt.» Einen Tag pro Woche hütet sie ihren Enkel: «Für ihn und seine Generation mache ich meine Arbeit.» Das Wichtigste für sie ist der Respekt für Bestehendes und ein Mehrwert für die Nutzenden, nicht nur bei grossen Industriearealen, sondern auch bei einzelnen Häusern, die zum Beispiel zum Wohnraum für mehrere Generationen umgebaut werden sollen: «Das sind unsere Lieblingsaufgaben». Ebenfalls sehr am Herzen liegt Barbara Buser ihr Verein «Re-Win» für Fensterspenden an die Ukraine. Aktuell fehle es nicht an Fenstern, sondern an finanziellen Mitteln für den Transport. Auch dafür kann gespendet werden.
Ihr Engagement für das Gemeinwohl führt Buser unter anderem auf ihr Elternhaus zurück: «Mein Grossvater mütterlicherseits war Pfarrer, und bei meinem Vater war die Haltung, dass man etwas für die Gemeinschaft tun sollte, ebenfalls tief verankert.» Auch ihre Erfahrungen in Afrika haben sie geprägt. Sie ist überzeugt, dass ein Umdenken in unserer Gesellschaft nötig ist: «Es geht um unsere Lebensgrundlage. Wir müssen überlegen, was wir anrichten auf diesem Planeten und ob wir wirklich so weitermachen wollen.» Nur wenn alle bei sich selber anfangen würden, ob bei der Ernährung, der Mobilität oder dem Anspruch auf Wohnraum, könne sich etwas ändern. Mit ihrer Teilnahme am Dokumentarfilm möchte sie die Menschen zum Nachdenken bringen: «Deswegen habe ich mitgemacht.»
Der Film «Barbara Buser – Pionierin der Nachhaltigkeit» kommt am 16. April in die Kinos. Die Vorpremieren in Liestal und Basel sind ausverkauft.


