Banntag erst im Herbst
18.09.2026 BaselbietSpäter Termin geht auf Kompromiss mit Bauern zurück
In den meisten Baselbieter Gemeinden wird der Banntag im Frühling begangen. Einige Dörfer ziehen jedoch erst im Herbst los. Das hat historische Gründe: Die Bauern wollten verhindern, dass im Frühjahr Felder ...
Später Termin geht auf Kompromiss mit Bauern zurück
In den meisten Baselbieter Gemeinden wird der Banntag im Frühling begangen. Einige Dörfer ziehen jedoch erst im Herbst los. Das hat historische Gründe: Die Bauern wollten verhindern, dass im Frühjahr Felder und Weiden zertrampelt werden.
André Frauchiger
Die Gemeindepräsidentin von Titterten,Verena Heid, und ihr Gemeinderatskollege Remo Frey erklärten gegenüber der «Volksstimme», dass Mitte der Fünfzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts vor allem die Bauern aufbegehrt hätten. Sie wehrten sich nicht gegen die Durchführung des Banntags, sondern gegen den Termin im Frühling. Ihre Argumente: Erstens würden die frischen Frühlingsgräser auf den Weiden Schaden nehmen, wenn viele Menschen sie zertrampelten. Zweitens hätten sie als Bauern im Frühling keine Zeit für eine Teilnahme am Banntag, wollten aber dabei sein können.
Die Bauern setzten sich schliesslich durch. Seither findet der Banntag in Titterten im Herbst statt, dieses Jahr voraussichtlich am 11. Oktober. Die definitive Bestätigung dieses Termins erfolgt jedoch erst Ende September, wie Gemeindepräsidentin Verena Heid erklärt. Auf jeden Fall störe sich in Titterten niemand an einem eher späten Termin für den Banntag.
Mit dem späten Termin für den Banntag ist Titterten in der näheren Region allerdings nicht allein. Auch die Gemeinde Niederdorf feiert ihren Banntag im Herbst, in diesem Jahr ebenfalls am 11. Oktober. Die Gründe sind laut der Niederdörfer Gemeinderätin Helene Koch dieselben wie in Titterten. Man habe Rücksicht auf die Bauern nehmen und die Felder schonen wollen. Dies gelte noch heute. In Reigoldswil findet der Banntag immer zeitgleich mit dem traditionellen Herbstmarkt statt, dieses Jahr am 27. September.
Ein Zeichen der Autonomie
Bretzwil und Lauwil wechseln sich beim Organisieren des Banntags ab und feiern ihn im Frühling am Auffahrtstag. Lauwil führt die Veranstaltung in den geraden und Bretzwil in den ungeraden Jahren durch. Hölstein hat keinen Banntag. Ramlinsburg, Lampenberg, Liedertswil, Langenbruck und Waldenburg feiern ebenfalls im Frühling, wobei Liedertswil nur alle zwei Jahre feiert – 2027 ist es wieder so weit. Jedes Dorf im Westen des Oberbaselbiets – im Waldenburger- und Fünflibertal sowie in Bretzwil – hat unabhängig von den Nachbargemeinden seine eigene Banntagsgeschichte und zum Teil individuelle Durchführungsdaten. In den meisten Baselbieter Gemeinden wird aber der Frühling vorgezogen.
In der Schweiz werden Banntage vor allem im Baselbiet, im solothurnischen Schwarzbubenland und im zürcherischen Unterland durchgeführt. Früher gehörte es zur Bürgerpflicht, die Grenzsteine regelmässig zu kontrollieren. Mutwillige Verschiebungen von Grenzsteinen durch Nachbargemeinden wurden nicht geduldet. Bis zum Jahr 1529 war es Aufgabe des Dorfpfarrers, eine Flursegnung durchzuführen. Mit der Reformation endete dieser Brauch.
Mit dem Einzug der modernen Vermessung verlor der Banntag an Bedeutung. In den 1950er-Jahren wurde der Brauch jedoch vielerorts wiederentdeckt und zu einem Volks- und Familienfest in den jeweiligen Orten entwickelt. Der Baselbieter Kantonshauptort Liestal führt heute den urtümlichsten Banntag durch: Es gibt einen kommunalen Feiertag, an dem geschossen wird und an dem nur Männer teilnehmen dürfen.
Zweifellos wird die Gemeindeautonomie im Baselbiet in Sachen «Banntag» noch voll gelebt.

