Banker, Theologe und Biobauer
19.03.2026 BaselbietRegierungsratskandidat Matthias Liechti muss im Unterbaselbiet punkten
Er sei kein Lautsprecher, sagt er von sich selbst. Im Unterbaselbiet ist er kaum bekannt und er ist auch kein Karrierist. Dennoch will der Rümlinger SVP-Landrat Matthias Liechti in die Baselbieter Regierung.
...Regierungsratskandidat Matthias Liechti muss im Unterbaselbiet punkten
Er sei kein Lautsprecher, sagt er von sich selbst. Im Unterbaselbiet ist er kaum bekannt und er ist auch kein Karrierist. Dennoch will der Rümlinger SVP-Landrat Matthias Liechti in die Baselbieter Regierung.
Christian Horisberger
Bei seinen ersten beiden Versuchen, sich von seiner Partei für den Regierungsrat nominieren zu lassen, ist er noch gescheitert. Beim dritten Anlauf wird es mit grösster Wahrscheinlichkeit klappen und Matthias Liechti wird für die SVP in den Wahlkampf steigen. Das letzte Wort dazu hat am 23. März die Mitgliederversammlung der Baselbieter SVP.
Liechti wird sich der Parteibasis als Sohn der langjährigen Pächterfamilie des Ebenrain-Gutsbetriebs in Sissach vorstellen. Nicht aber als Bauer: Als der Gutsbetrieb 1998 privatisiert werden sollte und sich die Frage stellte, ob der damals 18-Jährige einmal in die Fussstapfen der Eltern treten wolle, winkte er ab. Mitarbeiten sehr gerne, aber sich die ganze Last aufbürden und sich abhängig machen von Wetter, Markt und Agrarpolitik, das wollte er nicht: «Ich habe einen riesigen Respekt vor allen, die es schaffen, einen Landwirtschaftsbetrieb zu führen», sagt er heute.
Stattdessen schlug Liechti den kaufmännischen Weg ein. Das Gymnasium schloss er nicht ab, stattdessen absolvierte er bei der Wirtschaftskammer Baselland eine KV-Lehre mit Berufsmatur. Dort und auch im Privaten als Lagerleiter und in der Jugendarbeit zeigte sich, dass er einer ist, der gut organisieren kann. Heute ist der 45-Jährige eidgenössisch diplomierte Treuhänder Geschäftsleitungsmitglied der Raiffeisenbank am Eppenberg in Niedergösgen (SO). Als Leiter Service ist er bei der Bank «für alles verantwortlich, das der Kunde nicht sieht», wie er sagt: Abwicklung des Zahlungsverkehrs, Risikomanagement, Einhaltung der gesetzlichen Vorgaben und Auflagen, Steuerung der Liquidität.
Zuversicht durch Glauben
Berufsbegleitend absolvierte Matthias Liechti ein Theologiestudium. Die fünfjährige, praxisorientierte Ausbildung am evangelikal geprägten Institut für gemeindeorientierte Weiterbildung (IGW) qualifiziert ihn als Prediger im freikirchlichen Rahmen, als Seelsorger und Jugendarbeiter.
Liechti wuchs in einem freikirchlichen Umfeld auf und teilt den Glauben an Gott und die christlichen Werte auch mit seiner Ehefrau und den vier Kindern. Die Familie besucht die Gottesdienste in der evangelischen Freikirche «gate44» in Böckten (früher Chrischona) oder auch in der Rümlinger Kirche. Gelegentlich hält er im «gate» auch die Predigt. «Der Glaube gibt mir Ruhe und Zuversicht, dass unser Tun in einem grösseren Kontext steht und nicht zwingend nur von uns abhängt», sagt Liechti. «Dass jemand da ist, der die Übersicht behält, wenn ich sie in schwierigen Situationen verlieren sollte, gibt mir eine gewisse Gelassenheit.»
Bei all den Hochzeiten, auf denen Liechti tanzt, könnte die Übersicht tatsächlich auch einmal verloren gehen. Neben Familie und Kirche, Beruf und Politik ist da auch noch der Bauernhof. Denn ganz von der Landwirtschaft gelöst hat sich Matthias Liechti nicht. Er lebt zusammen mit seiner Ehefrau Esther, drei Söhnen und einer Tochter im Alter von 8 bis 13 Jahren auf dem Hof seiner Grosseltern, dem «Chuzehof» in Rümlingen. Die Sekundarlehrerin und der Banker haben den kleinen Betrieb mit 5,5 Hektaren 2015 übernommen. Für das Zertifikat zur Hofübernahme und das Anrecht auf Direktzahlungen musste der Bauer in spe während eines Jahres am Ebenrain die Schulbank drücken.
Wie der Ebenrain, den Liechtis Eltern schon biologisch geführt hatten, ist auch der «Chuzehof» Bio-zertifiziert. Mit Geschmackstests von biologisch und konventionell angebauten Rüebli und Tomaten habe er seine Frau überzeugen können, sagt Matthias Liechti. Er ist überzeugt von einer Produktion mit der Natur, anstatt dem Boden ein Produkt aufzuzwingen, das er hervorbringen muss. Dieser Satz könnte auch von einem Mitglied der Grünen Partei stammen. Von Ideologie und Zwang, was der Ökopartei gelegentlich unterstellt wird, sei er kein Freund, so Liechti, der seinen mehr als 20 Kilometer langen Arbeitsweg übrigens oft mit dem Elektrovelo zurücklegt. Doch gewisse Anliegen der Grünen seien ihm ebenfalls wichtig. Seiner Partei übrigens auch: «Die grüne Farbe im SVP-Logo bedeutet, dass wir uns bewusst sind, dass wir von und mit der Natur leben und es eine Balance braucht.»
Zehn Jahre Gemeinderat
Seine politische Heimat hat der Regierungskandidat erst nach dem Einstieg in die Politik gefunden. 2012 wurde er als Parteiloser in den Gemeinderat von Rümlingen gewählt. Nach dem Rücktritt des Präsidenten vier Jahre später «rückte» er als amtsältestes Ratsmitglied sozusagen nach. In seine Amtstätigkeit fielen unter anderem die Gründung der Kreisschule Homburg mit fünf beteiligten Gemeinden, deren Schulrat er nach deren Start auch leitete, sowie die Versorgungsregion Oberes Homburgertal für die Altersbetreuung. Dieses Wirken über die Gemeindegrenzen hinaus habe ihm zugesagt. Ebenso, mit vereinten Kräften und ohne ideologische Grabenkämpfe Sichtbares zu bewirken, auch wenn dies in einem 450-Seelen-Dorf wie Rümlingen bedeutet, oft selbst die Ärmel hochkrempeln zu müssen.
Seine christlichen Werte hätten Liechti ebenso zur EVP führen können. Aber als er sich für die Kantonalpolitik zu interessieren begann, schloss er sich der SVP an, die anders als die EVP seine skeptische Haltung gegenüber der EU eher teilt, und für die bereits seine Mutter Silvia von 1997 bis 2005 im Landrat politisiert hatte.
In der Landratsfraktion der SVP, der er seit den Wahlen 2023 angehört, ist er wie schon als Gemeinderat ein lösungsorientierter, stiller Schaffer. Es gehe ihm darum, etwas zu bewirken, und nicht, sich zu inszenieren. So haben seine Voten im Parlament bisher auch Seltenheitswert. Nicht, weil er das Rampenlicht scheue, sondern weil er Freund effizienter Prozesse sei: «Bereits vor der Landratssitzung haben die meisten Parlamentsmitglieder ihre Meinung in den Kommissionen und Fraktionen gemacht. Da brauche ich nicht zu wiederholen, was bereits gesagt worden ist.»
Auch das Einreichen von Vorstössen überlässt er meist anderen. In seinen bisher knapp drei Jahren in «Liestal» hat der Rümlinger erst ein einziges Postulat eingereicht – zum Thema Berufsbildung bereits an der Primarschule. Wie schon zu seiner Zeit als Gemeinderat liegt ihm als Mitglied der Bildungs-, Kultur- und Sportkommission des Landrats die Bildung besonders am Herzen. Für ihn gilt, Kindern mit einer guten Grundlage eine optimale Ausgangslage fürs Berufsleben zu schaffen und den Ausbildungsstandard in allen Bereichen hoch zu halten.
Aufholjagd im Unterbaselbiet
Im Kampf um die Nachfolge des Grünen Regierungsrats Isaac Reber wird Liechti am 14. Juni auf Philipp Schoch treffen. Der frühere Präsident der Grünen, alt Landrat und amtierende Gemeinderat von Pratteln dürfte aufgrund seines Bekanntheitsgrads für die Wahl zu favorisieren sein. Dies sieht auch Liechti so. Insbesondere im Unterbaselbiet kenne man Schoch besser als ihn. «Im Oberbaselbiet kann ich ihm das Wasser reichen, wenn ich nicht sogar im Vorteil bin. Hier bin ich aufgewachsen, hier kennt man mich und mein Wirken.»
Ihm Wahlkampf werde er deshalb den Fokus vermehrt auf den unteren Kantonsteil richten müssen. Er wolle mit den Menschen in Kontakt treten und ihnen die Möglichkeit geben, ihn kennenzulernen: einen erfahrenen Exekutivpolitiker, einen, der nicht abblockt, sondern zuhört, einen, der gerne Verantwortung übernimmt und führt. Und er sei ein wählbarer Kandidat für die SVP und auch für das ganze bürgerliche Baselbiet. Damit grenzt er sich – ohne es auszusprechen – vom rechtsbürgerlichen Flügel der Partei ab, geprägt vom Parteipräsidenten Peter Riebli. Ob Matthias Liechti im Juni das Duell gegen Philipp Schoch gewinnen wird, hängt auch davon ab, wie gut es dem Rümlinger gelingt, als moderater SVPler wahrgenommen zu werden und so die Brücke zu den anderen bürgerlichen Parteien zu schlagen.
Liechti glaubt fest an seine Chance auf das Regierungsamt. Eine Niederlage wäre für ihn eine Enttäuschung – selbstverständlich. Aber in ein Loch fallen würde er nicht: «Ich definiere mich nicht über den Erfolg, sondern habe meinen Halt bei den Menschen in meinem Herzen.»

