«Autorität hat man nicht – sie wird einem verliehen»
17.04.2026 PersönlichWer Kinder zur Vernunft bringen will, braucht keine Macht – sondern Präsenz. Das ist die Kernbotschaft der Liestaler Heilpädagogin Ursula Brunner, die seit Jahren Schulen in der Region beim Umgang mit herausforderndem Verhalten begleitet.
Erika ...
Wer Kinder zur Vernunft bringen will, braucht keine Macht – sondern Präsenz. Das ist die Kernbotschaft der Liestaler Heilpädagogin Ursula Brunner, die seit Jahren Schulen in der Region beim Umgang mit herausforderndem Verhalten begleitet.
Erika Bachmann
Frau Brunner, das Konzept «Neue Autorität» setzt auf Beziehung statt Macht – auf welchen Grundlagen basiert dieses Konzept? Ursula Brunner: Die Prinzipien der «Neuen Autorität» und die persönliche Präsenz greifen auf die sozialpolitischen Ideen und die Praxis des gewaltfreien Widerstands von Mahatma Gandhi zurück. Es geht darum, im Hier und Jetzt zu bleiben, das Prinzip der Zeitverzögerung zu nutzen und beharrlich zu intervenieren.
Von welcher zentralen Ressource geht das Konzept aus?
Die zentrale Ressource ist die Präsenz. Sie beschreibt die Fähigkeit zur konstruktiven Gestaltung von Beziehungen durch eine wertschätzende Grundhaltung gegenüber jeder Person. Die Verantwortlichen widerstehen der Versuchung, sich in Machtkämpfe verwickeln zu lassen, und handeln eskalationsvorbeugend. Problematischem Verhalten wird mit Protest und beharrlichem, gewaltfreiem Widerstand begegnet – statt mit Vergeltung oder Strafen. Dadurch werden Lösungsschritte und Veränderungsprozesse in Gang gesetzt.
Muss Präsenz neu gelernt werden?
Präsenz bedeutet zunächst einfach «da sein» – spürbar, unbeirrbar, standfest und aufmerksam. In guten Zeiten wie in Zeiten von Krise, Belastung oder Stress. Für Kinder im Spiel ist das eine Selbstverständlichkeit. Wir Erwachsenen sind eingeladen, uns den Zugang dazu wieder zu eröffnen. Präsenz ist verlässliche Zugewandtheit – und jeder Mensch kann sie praktizieren. Da können wir von Kindern viel lernen.
Hat diese Veränderung auch etwas mit den Erfahrungen aus der Corona-Zeit zu tun?
Diese Zeit führte uns unsere persönliche Verletzlichkeit gnadenlos vor Augen. Die Pandemie erzeugte ein starkes Gefühl der kollektiven Verletzlichkeit. Dinge, die vorher als selbstverständlich galten – Gesundheit, Bewegungsfreiheit, Sicherheit, Freiheit –, wurden unsicher. Gleichzeitig führte die Verletzlichkeit zu Misstrauen: Angst und Unsicherheit können Ablehnung verstärken. Widersprüchliche Aussagen von Expertinnen und Experten oder wechselnde Massnahmen schwächten das Vertrauen.
Autorität ist also nicht absolut.
Genau. Autorität basiert auf Kommunikation und Glaubwürdigkeit. Aus meiner Sicht gab es während der Corona-Zeit in der Schweiz genügend Halt und Orientierung – für manche war das jedoch zu viel. Sie hinterfragten Autoritäten stärker als andere.
Welche Rolle spielt der Umgang mit virtuellen Welten?
Wenn Kinder zugewandte Personen in ihrem Umfeld erleben, erleichtert das ihnen, den Unterschied zu virtuellen Welten zu erkennen. Überlastete Eltern, abwesende Grosseltern, fehlende Familienangehörige, mangelnder Kontakt in der Nachbarschaft – all das erschwert es, echte Beziehungen als alltägliche Selbstverständlichkeit zu erleben. Wenn selbst Erwachsene von der virtuellen Welt überfordert sind, geht es Kindern und Jugendlichen kaum anders. Man soll sie nicht verteufeln, sondern sinnvoll als Ergänzung einsetzen. Echte Beziehungen bieten Widerstand, Verbindlichkeit und unmittelbare Resonanz – vermittelt durch gemeinsame Erlebnisse und durch Erwachsene, die selbst echte Beziehungen leben.
Wie erhalten Lehrpersonen ihre natürliche Autorität?
Autorität hat man nicht – sie wird einem von anderen verliehen. Respekt basiert auf Gegenseitigkeit, innerer Stärke und Echtheit sowie auf der Erkenntnis gegenseitiger Verletzlichkeit. Er entsteht durch Konsistenz: «Ich meine, was ich sage», durch Werte und Haltung, Selbstkontrolle statt Fremdkontrolle, Transparenz und das Aufrechterhalten von Beziehung auch im Konflikt. Lehrpersonen tragen Verantwortung in der Zusammenarbeit mit Eltern und im Kollegium. Die Schülerschaft wird bei der Förderung eines gewaltfreien Schulklimas einbezogen. Netzwerke und Bündnisse unter Kolleginnen und Kollegen sind dabei besonders wichtig – sie ermöglichen Unterstützung, Transparenz und gemeinsames Handeln. Autorität entsteht nicht durch einzelne Lehrpersonen, sondern durch ein kooperierendes Netzwerk von Erwachsenen.
Wie ist gewaltfreier Widerstand konkret zu verstehen?
Der gewaltfreie Widerstand ist ein zentrales Element. Er äussert sich ruhig, klar und beharrlich – zum Beispiel «Ich mache da nicht mit» statt «Du musst sofort aufhören». Protest und gewaltloser Widerstand gehören zusammen. Verstehen heisst nicht, zu akzeptieren. Es geht darum, destruktivem Verhalten entgegenzutreten, ohne selbst gewalttätig – körperlich oder verbal – zu werden. Protest gegenüber grenzverletzendem Verhalten ausdrücken und dabei in Beziehung bleiben, ohne zu beschämen oder zu manipulieren. Erwachsene sind immer Vorbild für Kinder und Jugendliche, im Positiven wie im Negativen. Es geht nicht darum, perfekt, sondern authentisch, fehlerfähig – und dazu zu stehen – und beziehungsorientiert zu sein, auch im Konflikt.
Welche Ergebnisse sind erzielbar?
Pädagogische Arbeit ist hochkreative Arbeit. Ein grosser Wirkmechanismus entsteht, wenn ein Zusammenhalt der Lehrpersonen erkennbar und spürbar ist – die Kinder nehmen das ganz klar wahr. Ziel ist eine Atmosphäre, in der Kind und Lehrperson sicher sind, gute Leistungen zu erbringen und das eigene Potenzial zu nutzen. Die Verantwortung liegt immer bei den Erwachsenen. Sie stellen quasi eine soziale Nabelschnur her, die Bindung gibt. Mit gemeinsamen Abmachungen wird das Kind zum Gelingen begleitet.
«Neue Autorität» – Beziehung statt Macht» am Mittwoch, 13. Mai, und Mittwoch, 17. Juni, im «Cheesmeyer» in Sissach.
Zur Person
eba. Ursula Elisabeth Brunner ist Heilpädagogin und Organisationsentwicklerin BSO, ehemalige Dozentin an der Pädagogischen Hochschule Bern und Mutter von drei erwachsenen Kindern. Sie wohnt in Liestal und ist seit vielen Jahren mit dem Konzept der «Neuen Autorität» vor allem an Schulen in den Kantonen Bern und Basel-Stadt tätig.
Was ist «Neue Autorität»?
eba. Das Konzept «Neue Autorität – Verhalten. Angesprochen sind nicht Stärke statt (Ohn-)Macht» wurde von nur Eltern, sondern alle Personen mit den Psychologen Haim Omer und Arist Führungsverantwortung: Lehrpersonen, von Schlippe entwickelt. Es basiert auf Sozialpädagoginnen und -pädagogen, gewaltfreiem Widerstand und zielt auf Führungskräfte. Das Angebot in Sissach einen respektvollen, beziehungsorienist kostenlos und offen für alle Intetierten Umgang mit herausforderndem ressierten.

