Ausgejätet
28.04.2026 Persönlich«Dieses moderne Unkraut wird ja auch immer dreister», denke ich halbwegs bewundernd. Tarnt sich als Blümchen, tut mit seinen zartblauen, aber etwas zu munzigen Blütchen so geschniegelt, als wäre es einem Biogartenkatalog auf Umweltschutzpapier entsprungen. «Doch du ...
«Dieses moderne Unkraut wird ja auch immer dreister», denke ich halbwegs bewundernd. Tarnt sich als Blümchen, tut mit seinen zartblauen, aber etwas zu munzigen Blütchen so geschniegelt, als wäre es einem Biogartenkatalog auf Umweltschutzpapier entsprungen. «Doch du täuschst mich nicht, Bürschchen», sage ich halblaut in Stiefeln an einer steilen Stelle im Garten. Die Pflanze breitet sich dort aus, als wolle sie sich dafür entschuldigen – und tut es doch nicht. Ich durchschaue die dreiste Masche: Das Kraut, das merke ich instinktiv, ist gekommen, um den Garten schleichend zu übernehmen!
«Häckerlein oder Hacke?», frage ich den listigen Eroberer mit triumphierendem Unterton – und greife zum Spaten. Das Übel, so lernt man es als Gärtner, muss man gründlich bei der Wurzel packen!
Meine liebe Gärtnerin hat derweil von ihren Setzlingen unten im grossen Beet abgelassen und ist ins Haus geeilt, um das Telefon abzunehmen. Nun steht sie oben auf dem Balkon und ich höre dem Ton nach, wie sie sich überschwänglich bedankt. Keine Ahnung, wer am anderen Ende dran ist, bis ich laut und vernehmlich «Kaukasische Vergissmeinnicht» höre.
KAUKASISCHE VERGISSMEINNICHT!
Davon hatte uns meine Tante väterlicherseits, eine ausgezeichnete Gärtnerin, bei unserem letzten Besuch in blumigen Tönen vorgeschwärmt. Wie sehr sie diese unschuldigen Pflänzchen liebe – und wie gut sie auch in unseren Garten passen würden. Sie hat später offensichtlich einige davon ausgegraben und meiner lieben Gärtnerin zukommen lassen. Bestimmt hatte sie mir davon erzählt, doch ich habe wohl (wieder einmal!) nicht richtig zugehört. Jedenfalls stand ich nun wie ein begossener Pudel da in meinen Stiefeln, vor mir die zarten, umgespateten Kaukasischen Vergissmeinnicht! Ich fühlte mich wie ein gemeiner Mörder.
Später kugelten wir uns vor Lachen: Dass ich die Pflanzen just im gleichen Moment ausgejätet hatte, als sich die Tante nach deren Wohlergehen erkundigte, war ein fast schon absurder Zufall.
Leider seien die Pflanzen ganz überraschend eingegangen, da unser Garten im Sommer halt so wahnsinnig trocken sei, log ich der Tante beim nächsten Treffen vor. Jedenfalls wolle ich bei ihr vorbeikommen und einige neue Kaukasier mitnehmen.
Getan habe ich es leider nie. Im Februar ist meine liebe alte Tante nun gestorben. Wir haben ihr der Jahreszeit entsprechend Schneeglöggli ins Grab gelegt. Vorige Woche mussten wir ihren Mann ebenfalls auf seinem letzten Weg begleiten. Ihm legten wir Vergissmeinnicht auf die Urne. Kaukasische waren es, so glaube ich, nicht, doch solche werde ich nun in unseren Garten holen.
Just am Tag dieser Beerdigung hatte ich ein Couvert einer Tante mütterlicherseits in der Post – mit Tagetes-Samen. Mein vor vielen Jahren verstorbenes Grosi habe diese besonders kleine Sorte einmal auf Reisen in Frankreich entdeckt. Seither hätten die Blumen jedes Jahr geblüht – in unserem Garten fühlten sie sich bestimmt ebenfalls wohl.
Blühende Erinnerungen an liebe Menschen – was für ein rührender Gedanke. Vergissdeinnicht.
David Thommen, Chefredaktor «Volksstimme»

