«Aus dir wird sowieso nichts»
23.01.2026 BaselbietFachtagung zum Thema «Kinderarmut und Chancengleichheit»
323 000 Kinder und Jugendliche leben in der Schweiz unter der Armutsgefährdungsgrenze. Wie nehmen die Betroffenen Armut im Alltag wahr, und wie lässt sich Kinder- und Familienarmut überwinden? Antworten ...
Fachtagung zum Thema «Kinderarmut und Chancengleichheit»
323 000 Kinder und Jugendliche leben in der Schweiz unter der Armutsgefährdungsgrenze. Wie nehmen die Betroffenen Armut im Alltag wahr, und wie lässt sich Kinder- und Familienarmut überwinden? Antworten darauf bot eine Fachtagung in Arlesheim.
Regula Vogt-Kohler
«Es ist wenig Geld da, und gegen Ende des Monats ist kein Geld mehr da.» So fasst Virginia Hauptlin zusammen, wie sie eine Kindheit in Armut erlebt hat. «Wir haben das gewusst, ohne dass die Mutter das aussprechen musste.» Armut sei ein Thema, das auch in der Schule «aufgegriffen» werde. Eine Lehrerin habe ihr ins Gesicht gesagt, dass sie von ihr nicht viel erwarte, da die Mutter Sozialhilfe beziehe. Und wie sie von Betroffenen gehört habe, gebe es heute noch Lehrpersonen, die Kinder aus armen Familien mit der Prognose «Aus dir wird sowieso nichts» demütigen. «Das macht ein Kind kaputt», sagte Hauptlin an der Podiumsdiskussion einer Fachtagung zum Thema Kinderarmut in Arlesheim. Veranstalterin war die Koordination Sozialarbeit der politischen Gemeinden Baselland (Kosa).
Gerade auch im schulischen Kontext gebe es viel Nachholbedarf, was Vorurteile und Stigmatisierung angehe, sagte dazu Erziehungswissenschaftlerin Margot Vogel Campanello. «Lehrpersonen erwarten weniger von armutsbetroffenen Kindern.» Umgekehrt hätten viele armutsbetroffene Kinder wenig Hoffnung, dass die Schule zur Verbesserung beitragen könne, sagte Vogel, die ein Projekt des Departements Soziale Arbeit der Berner Fachhochschule zum Thema «Familien- (er)leben in Erwerbsarmut. Perspektiven von Kindern und Eltern» leitet.
Vogel stützt sich auf Gespräche mit Kindern im Rahmen des Forschungsprojekts und weitere Studien. Dass die Kinder selbst ihre Erwartungen herunterschrauben, gelte nicht nur für die Schule. Zwar äusserten auch Kinder, die in beengten Verhältnissen leben, den Wunsch nach einem eigenen Zimmer, doch es gebe auch solche, die sagten, sie seien froh, überhaupt einen Unterschlupf zu haben.
Wohnen sei der von Kindern meistgenannte Bereich, in dem Armut sichtbar wird, berichtete Vogel in ihrem Fachreferat. Armut durchdringe jedoch alle Aspekte des Lebens von Kindern. «Eltern verkennen, dass Kleidung auch eine symbolische Bedeutung hat», sagte sie. Auch im Bereich soziale Kontakte und Freizeit stiessen armutsbetroffene Kinder rasch an Grenzen, sobald die Aktivitäten mit finanziellem Aufwand verbunden sind. Dies gelte etwa für die immer aufwendiger inszenierten Kindergeburtstage.
Konstanter Stress
«Kinder erleben Armut anders als die Eltern», sagte Vogel. Aus den Stimmen der Eltern ergebe sich, dass Armut konstanten Stress bedeute. Es gelte Bedingungen zu schaffen, damit alle Familien genügend Zeit und Ressourcen für die Betreuung ihrer Kinder hätten.
Beständige, liebevolle Beziehungen gehören zu den Grundbedürfnissen von Kindern. Werden diese nicht erfüllt, hat das Auswirkungen auf die physische und psychische Gesundheit, auf die Bildungsbiografie und die soziale Teilhabe. Oft setzt sich so die Armut von Generation zu Generation fort.
«Ein Kind entwickelt sich über Beziehung», erläuterte Patricia Lannen, Leiterin des Marie Meierhofer Instituts für das Kind, in ihrem Referat. Ausschlaggebend auf der Seite der Bezugsperson ist die elterliche Feinfühligkeit. «Damit die Person feinfühlig sein kann, muss es ihr gut gehen. Elterliche Überlastung erschwert feinfühlige Reaktionen», sagte Lannen. Den Schlüssel für wirksame Eingriffe sieht sie in einem frühzeitigen Beginn.
Die finanzielle Entlastung von Eltern bedeute neben weniger Entbehrung auch weniger Stress und damit bessere Beziehungen. Wichtig seien auch eine hochwertige frühe Bildung und Betreuung sowie eine gesundheitsorientierte Frühintervention. Um die Betroffenen zu erreichen, brauche es niederschwellige Angebote mit tiefen oder gar keinen Kosten, einfacher Sprache und einfachen Anmeldeverfahren.
Gaby Szöllösy, Generalsekretärinder Konferenz der kantonalen Sozialdirektorinnen und -direktoren, wies darauf hin, dass es in Familienbudgets oft an Geld fehle, um spezifische Bedürfnisse der Kinder abzudecken. Eine entsprechende Anpassung der Richtlinien der Schweizerischen Konferenz für Sozialhilfe ist in Vernehmlassung. Vorgeschlagen sind ein Zuschlag für Minderjährige zum Grundbedarf und situationsbedingte Leistungen für Freizeitaktivitäten von Kindern und Jugendlichen.
Im Kanton Baselland werde der Vorschlag eher ablehnend beurteilt, sagte Fabian Dinkel, Leiter des Kantonalen Sozialamts. Es gehe dabei auch um mögliche Auswirkungen auf die in Baselland bereits bestehenden situativen Leistungen, hielt Regierungspräsident Toni Lauber dazu fest.

