Martin Luther schuf wunderbare Redewendungen, als er die Bibel ins Deutsche übersetzte. Er habe dabei «dem Volk aufs Maul geschaut». Mündliche Prüfungen an einer Fachmaturitätsschule bieten über 500 Jahre nach Luthers Werk immer auch die Gelegenheit, nicht ...
Martin Luther schuf wunderbare Redewendungen, als er die Bibel ins Deutsche übersetzte. Er habe dabei «dem Volk aufs Maul geschaut». Mündliche Prüfungen an einer Fachmaturitätsschule bieten über 500 Jahre nach Luthers Werk immer auch die Gelegenheit, nicht gleich dem ganzen Volk, aber zumindest der Jugend zuzuhören, was sie neben dem Inhaltlichen sprachlich genauer zu bieten hat. Schliesslich gilt sie in der Domäne der Modewörter als Trendsetterin.
Zwar bestätigt keine Strichli-Liste diesen Befund, doch der Verdacht ist nicht von der Hand zu weisen: «Mega» ist unter den Jugendlichen zwar immer noch mega oft zu hören, selbst wenn sie sich mit Blick auf die eigene Note einer etwas gehobeneren Sprache befleissigen. Nach langen Jahren der Herrschaft scheint «mega» allmählich auszudienen oder sich um eine Generation nach oben hochzudienen. Es muss einem Nachfolger weichen.
Importiert wurde das neue Modewort nicht etwa aus Übersee oder stammt wie «mega» aus dem Griechischen. Nein, es zählte bereits zu Luthers Vokabular. Das Wort lautet – genau! – «genau». Immer und überall tauchte es in den Prüfungen auf. Ein Schüler brachte es tatsächlich fertig, jede Antwort auf eine ihm gestellte Frage zuerst mit diesem Wort einzuleiten. Allmählich etabliert sich «genau» auch in Fernseh- und Radio-Interviews.
Doch Hand aufs Herz: Die Vorläufer von «mega» und «genau» waren bei den Sprachpuritanern von heute auch nicht alle super.
Jürg Gohl