Auf die Zähne beissen
15.09.2026 PersönlichIch bin grundsätzlich ein optimistisch eingestellter Mensch. Bei Problemen im Beruf oder im Privatleben versuche ich, zuerst die Lösung zu sehen. Oder wenigstens irgendeine positive Erkenntnis mitzunehmen. Frei nach dem Motto: Es hätte ja noch schlimmer kommen können.
...Ich bin grundsätzlich ein optimistisch eingestellter Mensch. Bei Problemen im Beruf oder im Privatleben versuche ich, zuerst die Lösung zu sehen. Oder wenigstens irgendeine positive Erkenntnis mitzunehmen. Frei nach dem Motto: Es hätte ja noch schlimmer kommen können.
Nur bei einem Thema hört bei mir der Optimismus ziemlich schnell auf: beim Zahnarzt.
Schon weit im Voraus hält sich meine Vorfreude in engen Grenzen. Diese «Unlust» findet spätestens beim Betreten der Praxis ihren Höhepunkt. Wenn ich dann auf dem Stuhl liege, weiss ich wieder, warum: Das eine Gerät im Mund saugt die Spucke ab, während das andere an den Zähnen kratzt. Dazu blendet ein grelles Licht von der Zimmerdecke. Ich stelle mir dazu immer die gleiche Frage: Wohin schaut man eigentlich während einer Zahnbehandlung? An die Decke? Ins Licht sicher nicht, ich will ja nicht gleich noch zum Augenarzt gehen. Der Zahnärztin oder dem Zahnarzt in die Augen? Auch irgendwie komisch. Augen schliessen und schlafen? Hat noch nie geklappt. Es wäre aber toll, wenn die ganze Prozedur im Schlaf vorübergehen und ich die Schmerzen nicht mitbekommen würde.
Wobei: Ein paar Tage nach dem Besuch beim Zahnarzt schmerzt es dann trotzdem, wenn ich zu Hause auf die Rechnung blicke.
Bitte verstehen Sie mich nicht falsch. Gegen die Menschen, die diesen Beruf ausüben, habe ich überhaupt nichts. Sie machen ihre Arbeit, und ich bin froh, dass es jemanden gibt, der sie macht. Für mich persönlich wäre das allerdings nichts. Den ganzen Tag in fremde, zum Teil auch ungepflegte Münder schauen? Da gibt es Tätigkeiten, die auf meiner Wunschliste deutlich weiter oben stehen.
Natürlich versuche ich, den Zahnarzt so selten wie möglich sehen zu müssen. Ich pflege meine Zähne so gut wie möglich, schliesslich möchte ich auch künftig noch kräftig zubeissen können. Das gelingt mir manchmal besser, manchmal weniger – so wie in diesem Jahr, als es einige Tage nach der Kontrolle nochmals zu einem kurzen «Tête-à-Tête» mit dem Bohrer kam.
Das wirklich Ärgerliche dabei ist: Ich kann niemandem die Schuld dafür in die Schuhe schieben. Nicht dem Zahnarzt. Nicht der Partnerin. Auch nicht dem Chef. Am Ende sind die betroffenen Zähne nun einmal in meinem Mund. Glücklicherweise war der Spuk am vergangenen Freitag schnell vorbei. Somit ist das Thema Zahnarzt für dieses Jahr erledigt. Geschieht nichts Unvorhergesehenes, wird frühestens nächsten August wieder jemand mit Lampe, Spiegel und allerlei Werkzeugen meinen Mund inspizieren.
«Elf Monate Ruhe», sage ich mir auf der Rückfahrt. Und plötzlich merke ich: Vielleicht lässt sich einem Zahnarztbesuch tatsächlich etwas Schönes abgewinnen. Nämlich der Moment, in dem er vorbei ist.
Pascal Kamber, Redaktor «Volksstimme»

