Auf dem Acker wird getüftelt
25.09.2026 BaselbietBauern testen wegen des Klimawandels den Anbau von Hülsenfrüchten
Der Sommer setzte der Landwirtschaft zu: Schon im August waren die Weiden vertrocknet und Bauern mussten die Winterfütterung anfangen – drei Monate zu früh. Eine kleine Gruppe versucht mit dem ...
Bauern testen wegen des Klimawandels den Anbau von Hülsenfrüchten
Der Sommer setzte der Landwirtschaft zu: Schon im August waren die Weiden vertrocknet und Bauern mussten die Winterfütterung anfangen – drei Monate zu früh. Eine kleine Gruppe versucht mit dem Anbau von alternativen Kulturen der Trockenheit zu trotzen.
Aline Schneider
Weiden waren ausgetrocknet und braun, manche Bauern mussten im August bereits die Winterfütterung anfangen – drei Monate früher als normal. Der Sommer setzte den Baselbieter Landwirten zu. Mit Blick auf die Zukunft und angesichts der Befürchtung, dass solche Trockenperioden zur Normalität werden könnten, stellt sich zunehmend die Frage nach der Sicherheit und Anpassungsfähigkeit der Landwirtschaft.
Auf der Suche nach Antworten und neuen Möglichkeiten, die hiesige Landwirtschaft an ein verändertes Klima anzupassen, hat das Ebenrain-Zentrum Anfang 2024 ein Programm unter dem Namen «Ackerbau der Zukunft» gestartet, mit dem Hülsenfrüchte und Eiweisskulturen an den ökologischen Bedingungen des Baselbiets getestet werden sollen. Angebaut wurden Linsen, Leinsamen, Ackerbohnen und Kichererbsen. Letztere geniessen zurzeit auch national mediale Aufmerksamkeit.
Unter der Förderung des Ebenrains wagen sich verschiedene Betriebe an die für das Baselbiet bislang eher exotischen Pflanzen. Offiziell läuft das Programm seit zwei Jahren, wie Eleonor Fiechter, Verantwortliche des Programms und Leiterin der Produktion im Ebenrain-Zentrum für Landwirtschaft, Natur und Ernährung, mitteilt. Doch viele der Produzenten hätten schon Jahre vor dem Beginn des Programms mit den Anbauversuchen gestartet.
Überraschende Vorteile
Fiechter betont, dass mit dem Programm gerade auch nach Alternativen zur Fleischproduktion gesucht werde. Um Fleisch mit pflanzlichen Lebensmitteln zu ersetzen, sind besonders proteinreiche Pflanzen gesucht – Kichererbsen zum Beispiel.
Kichererbsen-Pionier im Baselbiet ist René Ritter aus Wenslingen. Für ihn sei das Projekt aber nicht dazu da, um eine Alternative zum Fleisch zu finden, sagt er. Das würde dem Anbau und Konsum der Produkte eher schaden. Für ihn sei es «Ausprobieren», und das Tüfteln solle auch nicht in einen politischen Kontext gestellt werden.
Tatsächlich ist die Kichererbsen-Ernte im diesjährigen Hitzesommer ertragreich ausgefallen. Doch Ritter betont: «Es war auch für sie etwas zu trocken. Das heisse Wetter kommt den Kichererbsen entgegen, aber eine zu lang anhaltende Trockenheit kann keine Pflanze überleben, da wächst dann einfach gar nichts mehr.» Zudem sei der Anbau dieses Jahr nicht nur gelungen, weil es heiss war, sondern auch, weil er als Landwirt bereits fünf Jahre Erfahrung mit den Pflanzen sammeln konnte und aus Fehlern aus den Vorjahren lernte, so Ritter.
Probleme beim Absatz
Nach der Ernte müssen Kichererbsen, Leinsamen und Linsen gereinigt werden. Im Baselbiet ist Frank Thommen aus Hemmiken dafür zuständig. Auch er ist mit dem Sommer teilweise zufrieden, da die trockenen Erträge zum Lagern optimal sind und die Reinigung einfacher funktioniert; besonders bei Leinsamen sei das normalerweise sehr herausfordernd. Zudem hat die Trockenheit tiefe Risse im Boden verursacht. Was erschreckend scheinen kann, habe aber auch Vorteile, denn so werde der Boden wieder belüftet, sagt Thommen. Im Baselbiet ist der Boden tendenziell zu dicht, für den Anbau der alternativen Kulturen ist aber weniger dichter Boden von grossem Vorteil.
Anders als Mais, Getreide sowie typisches Obst und Gemüse der Region, die mit Labeln wie Bio, Demeter oder IP-Suisse vermarktet werden, haben die Nischenprodukte im Baselbiet noch kein offizielles Label für den Absatz. Deswegen müssen die Landwirte die Produkte selbst vertreiben. Doch durch den Mehraufwand der Reinigung und der Verarbeitung können Landwirte die Produkte nicht gleich günstig verkaufen wie die Grossverteiler. Dies macht sie für den Markt eher unattraktiv.
Die Migros mit ihrem «Von der Region für die Region»-Motto begrüsse grundsätzlich die Aufnahme von regionalen Produkten, heisst es dort auf Anfrage. So seien im Sortiment «regionale» Linsen aus Matzendorf (SO) vorhanden. Aus welchem Land die Linsen und Kichererbsen im Sortiment stammen, sei vom Produkt, Lieferanten und Erntejahr abhängig.
Die Migros betont, dass die Produkte für die Aufnahme ins Sortiment ihre Anforderungen und gesetzlichen Vorgaben erfüllen müssen – was dies genau heisst, führt der Detailhändler aber nicht aus. Es wäre also gemäss Migros möglich, dass die regionalen Produkte verkauft werden, eine Garantie kann sie aber nicht geben.
Noch keine klare Zukunft
Obwohl die Ernte ertragreich ausfiel und die Trockenheit für die Landwirte der Fokusgruppe auch Vorteile brachte, sind sowohl Thommen wie auch Ritter nicht davon überzeugt, dass ihre Anbaupflanzen die Zukunft der Baselbieter Landwirtschaft dominieren werden. «Es ist und bleibt ein Trend, und ich denke nicht, dass sich das ändern wird. Die Nachfrage wird hier nie genug gross sein, um eine rentable grossflächige Produktion betreiben zu können», so Ritter.
Auch Eleonor Fiechter vom Ebenrain zeigt sich nur zögerlich optimistisch: «Nach zwei Jahren Programm ‹Ackerbau der Zukunft› zeigt sich ein klares Bild: Der Anbau von proteinhaltigen Ackerkulturen für die menschliche Ernährung bleibt im Baselbiet eine Nische. Die Gründe sind vielfältig und liegen sowohl an den lokalen Gegebenheiten als auch in der klimatischen Unsicherheit der vergangenen Jahre.»
Auch wenn die Kulturen den Hitzesommer gut überstanden haben, gibt es also wenig Grund zur Annahme, dass das Baselbiet zur Linsen- und Kichererbsen-Anbauregion wird. Sei es die aufwendige Reinigung oder der unsichere Absatz durch zögerliche Händler und skeptische Konsumenten: Die Nachteile scheinen zurzeit noch zu überwiegen.


