Armut und Glück
28.04.2026 BaselbietDie ganze Welt ist erleuchtet – wenn die Sonne scheint. Die Arayan-Bäume haben ihre weissen Blüten ausgepackt, die Espen strahlen in Gold und Orange, die Pappeln gleichen brennenden Fackeln vor dem tiefblauen Himmel. Schön ist sie, diese Welt, im noch jungen Herbst. Johnny ...
Die ganze Welt ist erleuchtet – wenn die Sonne scheint. Die Arayan-Bäume haben ihre weissen Blüten ausgepackt, die Espen strahlen in Gold und Orange, die Pappeln gleichen brennenden Fackeln vor dem tiefblauen Himmel. Schön ist sie, diese Welt, im noch jungen Herbst. Johnny treibt sich endlich wieder im Wald von Los Mañios herum, um noch mehr Holz heranzuschaffen. Das Geschäft läuft.
Endlich, weil der Lastwagen schlappgemacht hat. Eine gute Woche hat’s gedauert, um ihn wieder flottzubekommen. Nach der Reparatur der Kupplung fehlte da wieder ein Teil, funktionierte jenes nicht mehr. Und jedes Ersatzteil bedingt eine Fahrt in die nächste grössere Stadt. Das heisst, Tag um Tag geht vorbei, nur um das benötigte Material zu beschaffen.
Dabei ist das Herumfahren schlagartig teurer geworden. Von einem Tag auf den anderen hat der neue Herr Präsident den Dieselpreis um 60 Prozent erhöht, von 1000 auf 1600 Pesos. Das Resultat der Entscheidung eines anderen Herrn Präsidenten, aus dem Nichts ein fremdes Land anzugreifen. In der Folge sind die Preise für fast alles gestiegen, denn hierzulande werden alle Waren auf der Strasse transportiert. Einer der Vorgänger des aktuellen Herrn Präsidenten fand, die Bahninfrastruktur sei ein unnötiger Luxus und schaffte sie vollumfänglich ab. Nun ist der Neue ein grosser Bewunderer des ehemaligen Diktators Pinochet und teilt auch dessen Werte.
Das Volk, meinte er kürzlich, werde unter ihm zwar ärmer, dafür glücklicher. Das Versprechen mit dem Ärmerwerden hat er schon nach wenigen Wochen im Amt vollumfänglich erfüllt. Das lässt sich am Beispiel unseres Mitarbeiters Mauri sehr gut illustrieren. Anfang Woche kam er ohne Motorsäge zum Holzen nach Los Mañios. Es tue ihm sehr leid, aber bei seinem Tageslohn von 30 000 Pesos könne er sich das Benzin für sein Arbeitsinstrument schlicht nicht mehr leisten. Glücklicherweise haben Johnny und Danilo vorgesorgt: Am Tag vor der Preiserhöhung haben sie sämtliche Kanister und Fässer mit Diesel gefüllt. Dazu mussten sie zwar weiter fahren als vorgesehen, denn die nächstgelegene Tankstelle war am Vormittag schon leergekauft.
Und es wird wohl noch schwieriger werden für die Mehrheit. Denn der Herr Präsident hat bereits damit begonnen, die schüchternen Reformen der Vorgängerregierung in Sachen Mindestlöhne, Arbeitsrecht, Naturschutz oder auch Aufarbeitung der Gräuel der Pinochet-Diktatur rückgängig zu machen. Er, der Sohn eines deutschen Nazis, wird wohl keine Schwierigkeiten haben, seine neun Kinder durchzufüttern.
Auch wir werden etwas ärmer, aber glücklicher können wir gar nicht werden. Vor allem, weil die Familie weiter wächst. Seit Kurzem stehen eine Stute mit ihrem kleinen Sohn bei uns auf der Weide und unsere Schweinedamen werden demnächst Nachwuchs zur Welt bringen.
Die Journalistin Christa Dettwiler ist 2022 gemeinsam mit ihrem Sohn und dessen Ehefrau von Rünenberg nach Chile ausgewandert. Sie erzählt regelmässig von ihrem Alltag.

