Arbeiten mit Plan
24.09.2026 PersönlichIm August hiess es noch «Nichtstun mit Plan». Nun heisst es: «Arbeiten mit Plan». Nach einem Trainingsblock standen für Henry Bernet, das Team und mich vier Turniere am Stück an. Unterschiedliche Stufen, unterschiedliche Länder. Von schmerzvollen Niederlagen bis ...
Im August hiess es noch «Nichtstun mit Plan». Nun heisst es: «Arbeiten mit Plan». Nach einem Trainingsblock standen für Henry Bernet, das Team und mich vier Turniere am Stück an. Unterschiedliche Stufen, unterschiedliche Länder. Von schmerzvollen Niederlagen bis zu einem Turniersieg war alles dabei. Nur eines blieb: das Verfolgen des ursprünglichen Plans. Dies bringt zum einen Ruhe in einen ohnehin turbulenten Kalender. Zum anderen signalisiert es dem Spieler, dass man den kurzfristigen Plan unabhängig von den Resultaten durchzieht. Nach einem Turnier wird evaluiert und geschaut, ob gesundheitlich alles passt. Wenn die Antwort «Ja» lautet, geht es auf zum nächsten Turnier. Denn Siege oder Niederlagen sollten die Ziele nicht gross verändern.
Apropos Turniere. Während wir auf unserer Turnierserie in Europa waren, fanden in Amerika die US Open statt. Dort spielten auch Konkurrenten von Henry aus seiner Juniorenzeit. Spieler, die er geschlagen hatte und vor denen er in der Junioren-Weltrangliste klassiert war. Das ist nicht einfach zu verarbeiten, wenn man selbst gerade irgendwo in Österreich auf Court 3 spielt.
Zu vergleichen ist Gift. Natürlich kann ein gesunder Konkurrenzkampf einen antreiben, aber Vergleiche sind selten hilfreich. Denn jeder Spieler macht seine eigene Entwicklung, beeinflusst von verschiedenen Faktoren: körperliche Entwicklung, Spielstil, biologische Entwicklung, technische Voraussetzungen und auch ein bisschen Glück. Spieler entwickeln sich schlichtweg nicht nach einer einheitlichen Zeitschiene.
Es ist meine Aufgabe, dies dem Spieler zu erklären und ihm zu helfen, die richtigen Fragen zu stellen. Nicht: «Warum bin ich noch nicht dort?» Sondern: «Was brauche ich, um den nächsten Schritt zu machen?»
Die Erwartungen sind oft sehr gross und die Ziele ambitioniert. Das ist gut, das treibt den Motor an. Doch Achtung: Die Lücke zwischen Erwartung und Realität heisst Frustration. Wenn die Erwartung lautet: «Ich sollte bereits dort sein» und die Realität lautet: «Ich bin noch nicht dort», entsteht Frustration. Und in Frustration entsteht weder Entwicklung, noch kommt man seinen ursprünglichen Erwartungen näher. Man verliert den Blick für den Prozess und arbeitet gegen die Realität, anstatt mit ihr.
Diesen Realitätscheck zu vermitteln, ist hart und schwierig. Doch der Job des Coaches ist es nicht, zu sagen, was der Spieler hören will. Seine Aufgabe ist es, dem Spieler die besten Chancen zu geben, sich entwickeln zu können und seinen Zielen näherzukommen. Entwicklung beginnt nicht dort, wo man seine Erwartungen erfüllt. Sie beginnt dort, wo man die Realität akzeptiert und anfängt zu arbeiten.
Yannik Steinegger
Der Bubendörfer Yannik Steinegger (2000) gehörte zu den besten Schweizer Tennisspielern, ehe er sich schon mit 23 Jahren entschied, Profi-Trainer zu werden. Er betreut die Schweizer Tennis-Hoffnung Henry Bernet.

