Amtsschimmel bedrängt die raren Hausärzte
27.02.2025 BaselbietDie Sorgenliste wegen bürokratischer Vorgaben wächst und wächst
Die SVP will im Landrat mit einer Motion Gegensteuer gegen die Reglementierung von Arztpraxen geben. Auch die Ärztegesellschaft Baselland sieht Handlungsbedarf. Wir schauten in Ziefen Hausarzt Mathis Grehn ...
Die Sorgenliste wegen bürokratischer Vorgaben wächst und wächst
Die SVP will im Landrat mit einer Motion Gegensteuer gegen die Reglementierung von Arztpraxen geben. Auch die Ärztegesellschaft Baselland sieht Handlungsbedarf. Wir schauten in Ziefen Hausarzt Mathis Grehn über die Schultern, wie es im Alltag aussieht. Das Resultat: Er leidet mehrfach unter administrativen Hürden und Schikanen.
Andreas Hirsbrunner
Die Baselbieter SVP-Fraktion hat den «immer lauter wiehernden Amtsschimmel» in den Arztpraxen im Kanton ins Visier genommen und verlangt mittels einer vor Kurzem im Landrat eingereichten Motion einen «Bürokratieabbau im Gesundheitswesen». Die Regierung soll dazu die Rechtsgrundlagen so anpassen, «dass der administrative Aufwand in freien Praxen auf das notwendige Minimum reduziert wird und die durchgeführten Kontrollen mit dem nötigen Augenmass vollzogen werden».
Wie sieht es denn im Alltag eines Hausarztes aus? Leidet er tatsächlich unter einer wachsenden Bürokratie? Das wollten wir von Mathis Grehn, einem erfahrenen Hausarzt in Ziefen, wissen. Der 47-Jährige ist vor zwölf Jahren in die Praxis seines Schwiegervaters Edi Riesen eingestiegen und hat diese zwei Jahre später übernommen. Mittlerweile arbeiten zwei weitere Ärzte bei ihm. Das erste, was Grehn bei seinem Einstieg änderte, war die Umstellung von der papierenen auf die digitale Krankengeschichte. Das helfe bei der Archivierung, bei der Suche nach Patientenakten und beim internen und externen Austausch unter Ärzten. Zudem könne man mehr Administratives von zu Hause aus erledigen. Das Ganze habe aber auch eine Kehrseite, sagt Grehn. «Weil man so mehr niederschreibt, ist der Dokumentationszeitaufwand eher gestiegen.» Das ist sozusagen der selbst verursachte Bürokratie-Mehraufwand. Doch das ist eine Marginalie gegenüber den gewachsenen Ansprüchen von aussen.
Berichte, die kaum jemand liest
Grehn erwähnt als erstes die Krankenkassen: «Wir müssen uns heute gegenüber früher extrem viel mehr rechtfertigen, was wir warum machen.» Als Beispiele nennt er die Abgabe von gewissen Medikamenten, Knochendichte-Messungen, präventive Untersuchungen wie Cholesterin-Messungen oder Verordnungen von Physiotherapien ab der dritten Verordnung. Letzteres sei ein besonders leidiges Thema, so Grehn. Unter dem Strich sei das Ganze ein «absoluter Leerlauf». «Als Arzt weiss man, auf was sie hinaus wollen, eine Kontrolle gibt es nie.» So hätten beide Seiten ihre Schuldigkeit getan, mit dem Resultat, dass er stundenlang Berichte an die Krankenkassen schreiben müsse.
Auch die Berichte an die IV benötigten viel Zeit. Er verstehe, dass diese nötig seien. Das Frustrierende sei aber, dass sie offensichtlich gar nicht gelesen würden. Denn auch wenn die IV über den Bericht zu einem Patienten verfüge, stelle sie wieder die gleichen Fragen.
Ein normaler Arbeitstag sieht für Grehn heute so aus: «Ich verbringe acht Stunden mit den Patienten und zweieinhalb Stunden mit dem Schreiben von Berichten, Krankengeschichte-Einträgen und Überweisungen. Dieser Schreibanteil hat in den letzten Jahren zugenommen.» In den Spitälern, in denen er früher gearbeitet habe, sei der Bürokratieaufwand aber noch viel extremer und das Verhältnis zwischen Arbeit am Patienten und Administration ziemlich genau umgekehrt von jenem in der Praxis gewesen.
Der zweite Bürokratie-Treiber neben Krankenkassen und IV sind für Grehn die Behörden: «Es wird immer mehr reguliert und kontrolliert. Ein Riesenthema ist die alle fünf Jahre fällige Apotheken-Kontrolle, die viel Zeit und Geld frisst. Es ist absurd, was wir alles machen müssen.» Als Beispiel erwähnt er die lückenlose Kühlkontrolle der Medikamente, die er jede Woche zweimal unterschreiben müsse, einmal davon als Bestätigung, dass er unterschrieben habe. Die Apotheken-Vorschriften verschärften sich immer mehr und der damit einhergehende Dokumentierungswahn fresse in seiner Praxis sehr viel Frauen-Power, weil seine Praxisassistentinnen täglich alles kontrollieren müssten. Grehn dazu: «Ich habe das Gefühl, dass der Kantonsapothekerin die Praxisapotheken ein Dorn im Auge sind.» So wie es laufe, handle es sich nicht um ein wohlwollendes Zusammenarbeiten, sondern um ein Vergällen der Ärzte mit eigener Apotheke. Doch gerade in Dörfern ohne Apotheke wie Ziefen sei eine Praxisapotheke sinnvoll. Übrigens: Die Baselbieter Stimmbevölkerung hat vor ein paar Jahren ein unter anderem von den Apotheken anvisiertes Verbot der Medikamentenabgabe durch Arztpraxen an der Urne abgelehnt.
Bürokratie frisst Freizeit
Auch die Auflagen für die Sterilisation von Instrumenten werde immer strenger, was letztlich darauf hinauslaufe, dass er nicht mehr selber sterilisieren könne, sagt Grehn. Die Folge seien Einweginstrumente, was für ihn eigentlich ein No-Go sei. Ebenfalls nicht nachvollziehbar sei, dass man praktisch gezwungen ist, einem Patienten ganze Medikamentenschachteln abzugeben, obwohl er nur ein paar wenige Tabletten brauche. Das widerspreche seiner Einstellung, weshalb er einen «Riesenaufwand» mit Fotografieren und Dokumentieren betreiben müsse.
Grehn, vierfacher Familienvater, bilanziert: «All dieser Mehraufwand macht keinen Spass und geht auf Kosten meiner Freizeit. Denn ich muss die ganze Bürokratie abends oder an den Wochenenden bewältigen.» Wäre ein Patientenstopp ein Gegenmittel? «Das haben wir bereits eingeführt. Wir nehmen nur noch neue Patientinnen und Patienten, wenn sie im Dorf wohnen oder wenn ein Hausarzt in den umliegenden Gemeinden altershalber aufhört und keinen Nachfolger hat.» Auch Grehn selber sucht idealerweise eine jüngere ärztliche Kraft für seine Praxis, weil einer seiner Kollegen nächstes Jahr altersbedingt aufhört. Doch bisher vergeblich.
Zielt somit der SVP-Vorstoss in die richtige Richtung? Grehn: «Ich glaube, er kann nicht viel bewirken, denn die meisten Vorschriften kommen vom Bund und nicht vom Kanton. Aber die kantonalen Gesundheitsbehörden könnten ihren Spielraum bei der Umsetzung ausnutzen und mehr Augenmass walten lassen.»
Milizler gegen Profiheer
Auch Tobias Eichenberger, Präsident der Ärztegesellschaft Baselland und Co-Präsident des Verbands der Deutschschweizer Ärztegesellschaften (Vedag), weist auf die beschränkten Möglichkeiten des Kantons hin, weil 95 Prozent der Vorgaben vom Bund stammten. Trotzdem kann er dem SVP-Vorstoss etwas Gutes abgewinnen: «Er könnte Anschub dafür sein, dass die kantonalen Gesundheitsdirektoren in Bern Vernunft ins System bringen.»
Die Vernunft sei insbesondere beim Bundesamt für Gesundheit (BAG) geschwunden. Das BAG wachse und wachse und müsse sein Personal beschäftigen – mit der Folge, dass dieses die Auflagen in den Arztpraxen und noch ausgeprägter in den Spitälern vorantreibe. Eichenberger spricht von einem «Riesenproblem» und meint: «Wir Ärzte kämpfen auf diesem Feld als Milizler gegen ein Profiheer, das uns das Leben schwer macht. Das System hat sich verselbstständigt und es ist extrem schwierig, dagegenzuhalten.»
Allen voran litten jene an der Front unter diesem System – die Haus- und Kinderärzte. Früher habe das Credo in der Medizin Wirksamkeit-Zweckmässigkeit-Wirtschaftlichkeit geheissen, heute würden immer mehr Bestimmungen eingeführt, die diesen Kriterien widersprächen. Eichenberger nennt die auch von Mathis Grehn angesprochenen Verschärfungen rund um die Sterilisation von Instrumenten, die die Ärztinnen und Ärzte hin zum Gebrauch von Einweginstrumenten trieben: «Diese sind qualitativ schlechter, ein ökonomischer Unsinn, gemäss einer Studie ökologisch achtbis zehnmal schlechter als Mehrweginstrumente und ohne wissenschaftlichen Beweis, dass sie für die Patienten Vorteile haben.» Dazu komme, dass wir uns abhängig von Asien machten, woher die meisten Einweginstrumente stammten. Das mit der Folge, dass wir bei der Unterbrechung der Lieferketten mangels Sterilisatoren und Personal, das diese noch bedienen kann, in eine Mangellage schlitterten.
Hausärztemangel spitzt sich zu
Die wuchernde Bürokratie sei ein wichtiger Grund, dass es in der Schweiz generell je länger je mehr an ärztlichem Nachwuchs fehle und insbesondere die Hausärzte zu einer Art «Pro Specie Rara» würden, betont Eichenberger. Denn Ärztinnen und Ärzte wollten in erster Linie an den Patienten und nicht am Bürotisch arbeiten. Nicht zuletzt deshalb steige ein Drittel des Nachwuchses während des Medizinstudiums und vor allem nachher während der Assistenzzeit an den Spitälern aus. Dass das nichts Gutes für die künftige Hausarzt-Situation im Baselbiet bedeutet, unterstreicht Eichenberger mit Zahlen: Heute betrage das Durchschnittsalter der hiesigen Hausärzte 55 Jahre, viele von ihnen gingen in den nächsten fünf bis zehn Jahren in Pension. Um sie zu ersetzen, brauche es laut einer Studie der Ärztegesellschaft eineinhalb bis zwei neue Hausärzte pro pensionierten. Das, weil die ältere Arztgeneration hundert und mehr Prozent arbeite, die neue Generation aber teils nur noch Teilzeit arbeiten wolle.
Dazu komme, dass die Bevölkerung älter werde – Baselland gehört bezüglich Überalterung zu den Spitzenkantonen – und ein Trend weg von Spitalaufenthalten hin zu günstigeren ambulanten Behandlungen bestehe, weshalb der Bedarf nach Hausarztpraxen steige. Eichenberger: «Wir haben bereits jetzt einen grossen Fachkräftemangel, der sich in den kommenden Jahren noch akzentuieren wird. Deshalb ist es wichtig, dass die Kantone versuchen, mit vereinten Kräften in Bern Einfluss zu nehmen, mit dem Ziel, die Bürokratie einzudämmen.»



