Alternative zum Schlachthof
24.04.2026 BubendorfDer Hof Wildenstein setzt auf Hoftötung
Dominic und Rahel Sprunger haben mit dem Töten ihrer Zuchttiere auf dem eigenen Hof nur positive Erfahrungen gemacht – auch ihre Kundschaft steht dahinter.
Elmar Gächter
Dominic und Rahel ...
Der Hof Wildenstein setzt auf Hoftötung
Dominic und Rahel Sprunger haben mit dem Töten ihrer Zuchttiere auf dem eigenen Hof nur positive Erfahrungen gemacht – auch ihre Kundschaft steht dahinter.
Elmar Gächter
Dominic und Rahel Sprunger führen in vierter Generation das Hofgut Wildenstein ob Bubendorf. Sie bewirtschaften auf dem Biobetrieb rund 80 Hektar Land und vermarkten überwiegend Fleisch aus ihrer Mutterkuhhaltung von etwa 40 Tieren der Rasse Swiss Black Angus. Zusätzlich halten sie Kupferhalsgeissen, Schafe, Wollschweine, Hühner sowie zwei Pferde.
«Unsere Rinder und Kühe sowie alle anderen Tiere haben es hier auf dem Hof gut. Deshalb ist es für mich fast selbstverständlich, dass dies auch bis zu ihrem letzten Atemzug so bleibt», hält Rahel Sprunger fest. Sie hat die Initiative ergriffen, den Tieren mit der Hoftötung ein stressfreies Ableben zu ermöglichen. Seit rund vier Jahren lassen Sprungers jene Tiere auf dem Hof töten, deren Fleisch sie direkt vermarkten. Die übrigen Tiere gelangen weiter über den Grosshandel in den Schlachthof.
Kantonstierärztin Marie-Louise Bienfait vom Amt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (ALV) erklärt, dass Hoftötung und Weidetötung Spezialfälle der normalen Schlachtung sind. Diese Verfahren, die seit 2020 nur mit amtlicher Bewilligung erlaubt sind, hätten nichts mit einer Hausschlachtung wie früher zu tun. Bei der Hoftötung wird das Tier auf dem Hof betäubt und entblutet, bevor es in einem Schlachtbetrieb entweidet wird.
Die Weidetötung erfolgt auf der Weide durch Schussabgabe und kommt in Betracht, wenn die Tiere nicht eingefangen oder fixiert werden können, zum Beispiel bei in Gehegen gehaltenem Wild wie Hirschen oder Rehwild. Die Tiere werden nach dem Gehegeabschuss ebenfalls in einem bewilligten Schlachtbetrieb weiterverarbeitet.
Klare Zeitvorgaben
Das Betäuben und Entbluten darf nur durch eine Fachperson unter Einhaltung des Tierschutzes erfolgen. «Es muss sichergestellt sein, dass das Tier nach der Betäubung innerhalb von 90 Minuten in einem zugelassenen Schlachtbetrieb ausgenommen ist», sagt Bienfait. Die Bewilligung wird zunächst provisorisch erteilt und die Hof-/Weidetötungen werden unter amtstierärztlicher Überwachung durchgeführt. Nur wenn es keine Probleme im Hinblick auf Tierschutz und Hygiene gibt, wird eine definitive Bewilligung ausgestellt.
Für Hoftötungen stehen verschiedene Dienstleister mit speziellen Anhängern zur Verfügung, welche die notwendige Infrastruktur zur Verfügung stellen. Der Tierhalter kann auch eigene geeignete Möglichkeiten zum Fixieren und Betäuben sowie eine Fachperson bereitstellen. Bei der Weidetötung sind ein geübter Schütze sowie eine geeignete Waffe und Munition erforderlich. «Wichtig ist, dass das Tier schnell und schmerzfrei mit einem Kopfschuss getötet wird», betont die Kantonstierärztin.
Die Hof- und Weidetötung ist noch wenig verbreitet; nach Angaben des ALV verfügen im Baselbiet lediglich eine Handvoll Betriebe über eine definitive Bewilligung. Marie-Louise Bienfait führt dies vor allem auf den hohen Aufwand mit geeigneten Einrichtungen sowie die notwendige Handarbeit zurück, die keine grossen Schlachtzahlen ermöglichen. Die Hof- und Weidetötung sei sicher nicht geeignet, den Fleischbedarf vollständig zu decken, biete aber bei fachgerechter Durchführung eine schonende Alternative zum Schlachthof.
«Das Töten eines Tieres ist eine grosse Verantwortung», sagt Marie-Louise Bienfait. Die überwachten Hof- und Weidetötungen zeigten, dass die Tierhalter sich dieser Verantwortung bewusst seien und die entsprechenden Anforderungen erfüllten. Ob man das Töten eines Tieres zur Fleischgewinnung in Kauf nehme, müsse jede Person selbst entscheiden. Solange Fleisch konsumiert werde, müssten Tiere getötet werden. «Die Hof- und Weidetötung ermöglicht es dem Tier, Transportstress und Wartezeiten im Schlachthof zu ersparen. Unter diesem Blickwinkel begrüsse ich die Möglichkeit der Hof- und Weidetötung sehr», hält sie fest.
Rahel und Dominic Sprunger standen bei den ersten Hoftötungen in engem Kontakt mit dem Forschungsinstitut für biologischen Landbau FiBL in Frick. «Wir haben zunächst die zur Tötung vorgesehenen Tiere von den anderen separiert, was jedoch zu Stress in der Herde führte. Jetzt nehmen wir alle in jenes Gehege, in dem die Tötung stattfindet, und stellen fest, dass die Tiere kaum reagieren», sagt Dominic Sprunger.
Die Sprungers haben ein feststehendes Fanggitter angeschafft. So gewöhnen sich die Tiere an die Einrichtung und bleiben viel ruhiger. Die Betäubung erfolgt tierschutzkonform durch ein Bolzenschussgerät und unmittelbar nach der Betäubung wird das Tier durch Bruststich entblutet, bevor es sofort in einen Schlachtbetrieb transportiert wird. Sprungers lassen ihre Tiere durch einen professionellen Dienstleister töten.
Milena Burri, wissenschaftliche Mitarbeiterin beim FiBL, geht davon aus, dass in der Schweiz rund 350 der insgesamt 47 000 Landwirtschaftsbetriebe eine Zulassung für Hof- und Weidetötung besitzen. Als Hauptursache für die begrenzte Verbreitung sieht sie den Absatz, da zurzeit das meiste Fleisch aus Hoftötung direkt vermarktet werden müsse. «Es gibt keinen Kanal, in den man liefern kann», hält sie fest. Die Zusatzkosten lägen beim Rind bei 1 bis 3 Franken pro Kilo Mischpakete, die an die Konsumentinnen und Konsumenten weitergegeben werden müssten.
Eine FiBL-Studie zeigt, dass die Stressparameter von im Schlachthof geschlachteten Tieren signifikant höher sind als die aus Hof- und Weidetötung; das Stresshormon Cortisol ist bis zu 20 Mal höher. Gegenwärtig ist laut Burri eine weitere grössere Studie im Gang, in der auch Adrenalin, Noradrenalin sowie Fleischkennwerte wie Kochsaftverlust, Zartheit und Saftigkeit untersucht werden. «Für das FiBL ist es ein wichtiges Anliegen, Hof- und Weidetötungen zu fördern», betont sie.
Fleisch teurer – und beliebter
Auch Sprungers sind gezwungen, die Mehrkosten der Hoftötung auf den Fleischpreis umzulegen. «Wir haben jedoch keinen einzigen Kunden verloren, sondern im Gegenteil neue dazugewonnen», sagt Rahel Sprunger. Von den Kundinnen und Kunden höre man zudem, dass speziell das Hackfleisch besser schmecke als jenes der im Schlachthof getöteten Tiere.
Geschätzt werde nicht allein die besondere Art der Tötung, sondern auch die artgerechte Tierhaltung und der Umgang mit den Tieren. Für Rahel Sprunger ist die Hoftötung auch eine emotionale Angelegenheit. Erst kürzlich wollten Sprungers zwei ihrer Wollschweine auf dem Hof töten, erhielten dafür jedoch keine Bewilligung, da eine solche frühestens nach fünf Hoftötungen von Schweinen erteilt wird. «Es brach mir fast das Herz, als ich sie in den Schlachthof bringen musste», erinnert sich Rahel Sprunger. Sie wie auch ihr Mann Dominic haben bisher nur gute Erfahrungen mit ihrem Entscheid gemacht und möchten auf keinen Fall zurückbuchstabieren.
www.hofwildenstein.chwww.fibl.org/fileadmin/documents/ shop/1094-hof-weidetoetung.pdf

