Alte und neue Geschichten
04.09.2026 PersönlichLesungen sind für Autoren und Schriftstellerinnen immer gute Gelegenheiten, nicht nur etwas Geld zu verdienen und die frohe Botschaft vom Erscheinen eines neuen Buches in die Welt hinauszutragen, sondern auch für die eine oder andere interessante Reise. Man kommt an Orte, an denen man ...
Lesungen sind für Autoren und Schriftstellerinnen immer gute Gelegenheiten, nicht nur etwas Geld zu verdienen und die frohe Botschaft vom Erscheinen eines neuen Buches in die Welt hinauszutragen, sondern auch für die eine oder andere interessante Reise. Man kommt an Orte, an denen man zuvor noch nie gewesen war – und vielleicht auch freiwillig niemals hinreisen würde. Manchmal bringen einen Lesungen auch an Orte, an denen man schon gewesen war, aber – aus welchen Gründen auch immer – man schon eine Weile nicht mehr hinkam.
Liestal etwa. Dort machte ich vor 40 Jahren meine KV-Stifti bei der damaligen Schweizerischen Bankgesellschaft. Aber heute ist (fast) alles anders, wie ich mit eigenen Augen sah, als ich aus dem Zug stieg an einem Samstagnachmittag. Die Bank heisst ja längst UBS und ist anderswo domiziliert, in dem Gebäude meiner KV-Lehre ist heute die Schlichtungsstelle untergebracht – und die Abteilung Heilmittel des Amts für Gesundheit.
Das Pub, wo wir nach Feierabend so manches Pint wegnuckelten als Heilmittel gegen den Berufsstress, gibt es auch nicht mehr. Heute steht dort ein Neubau einer Bank, ein Gebäude, das niemals einen Architekturpreis gewinnen wird. Nach Liestal brachte mich eine Lesung in der Buchhandlung Forum an der Rathausstrasse. Das «Forum» feierte seinen zweiten Geburtstag sowie die diesjährige Nominierung zur Buchhandlung des Jahres. Beides Gründe, um ein paar Flaschen aufzumachen. Sowieso: Buchgeschäfte, ich liebe sie – natürlich auch, weil sie meine Bücher verkaufen. Aber sie verkaufen nicht nur Bücher, sondern sie vermitteln sie auch.
Das erfahre ich stets bei den Lesungen in Buchhandlungen: Die Menschen, die sie betreiben, machen dies mit Leidenschaft und Engagement. Sei es Corina von der «Leserei» in Zofingen, Andi von «Kapitel 10» in Zürich Höngg oder Bettina von «Forum» in Liestal. Alles Menschen, die für ihre Sache brennen und ihre Begeisterung für das Buch weitertragen.
Ich bin mir sicher: Eine engagierte Buchhändlerin oder ein begeisterter Buchhändler ist für einen Roman wichtiger als jede Rezension im Feuilleton oder Kulturteil einer Zeitung oder eines Heftlis. Und ein Buchladen ist so viel mehr als bloss ein Geschäft. Natürlich kann man sich die Bücher online bestellen, etwa bei Amazon, das ist mit grosser Wahrscheinlichkeit günstiger – aber man verpasst ein Erlebnis, ein Gespräch oder gar eine fundierte Beratung. Alles Dinge, die eigentlich unbezahlbar sind.
Nun, die Lesung im «Forum» war super. Und danach wurden die Flaschen geköpft. Und es wurden alte Geschichten ausgepackt. Denn das ist ja ein Buchladen ebenfalls: ein Ort der Begegnung. Sei es mit Büchern und den darin steckenden Geschichten oder mit echten Menschen.
Max Küng wurde 1969 geboren und ist auf einem Bauernhof in Maisprach aufgewachsen. Heute lebt er mit seiner Familie in Zürich und ist ein landesweit bekannter Kolumnenschreiber.

