Als mich mein Vater zum «Rüschel-Wagner» mitnahm
07.08.2026 BaselbietAus Nabe, Speichen und Eisenreifen entstand einst, was Dorf und Hof in Bewegung hielt
Früher gab es in fast jedem Dorf einen Wagner – einen Handwerker, der vor allem Wagen und Wagenräder baute und reparierte, daneben aber auch allerlei Holzteile für den Hof fertigte. ...
Aus Nabe, Speichen und Eisenreifen entstand einst, was Dorf und Hof in Bewegung hielt
Früher gab es in fast jedem Dorf einen Wagner – einen Handwerker, der vor allem Wagen und Wagenräder baute und reparierte, daneben aber auch allerlei Holzteile für den Hof fertigte. Ohne ihn wäre manches im Dorf buchstäblich stehen geblieben.
Hanspeter Gautschin
Mein Vater war Schreiner. Holz war für ihn mehr als bloss Material. Er behandelte es fast wie einen lebendigen Stoff mit eigenem Wesen. Er wusste, welches Holz sich ruhig verhielt, welches gern arbeitete, welches sich sauber hobeln liess und welches sich gegen Messer und Hobel beinahe eigensinnig zur Wehr setzte.
Vielleicht hatte er gerade deshalb eine besondere Achtung vor anderen Holzhandwerkern. Einer von ihnen war der «Rüschel-Wagner» in Reigoldswil, den mein Vater seit seiner Jugend kannte. Wenn mein Vater von ihm sprach, hörte man stets eine gewisse Wertschätzung heraus. Er wusste, was es bedeutete, mit Holz zu arbeiten und ein Handwerk wirklich zu beherrschen. Eines Tages sagte er zu mir: «Komm, ich zeige dir etwas. Das gibt es nicht mehr lange.» Ich dachte mir damals nichts Besonderes dabei. Ich ahnte nicht, dass ich an diesem Tag ein Handwerk kennenlernen würde, das heute aus dem dörflichen Alltag verschwunden ist.
Wir gingen hinauf zum «Rüschel» in Reigoldswil.
Schon beim Näherkommen hatte dieser Ort etwas Eigenes. Vor der Werkstatt lagen Holzstücke und aufgeschichtete Bretter. Es wirkte, als hätte sich hier über lange Zeit kaum etwas verändert.
Der Wagner hiess Gottlieb Straumann-Müller. Er wirkte im Rüschel Nr. 10. Im Dorf nannte man ihn wegen seiner hageren Gestalt auch den «Gottlieb Stängelimaager». Für meinen Vater und mich klang dieser Name etwas abschätzig. Für uns war er einfach der «Rüschel-Wagner».
Als wir eintraten, kam mir sofort ein Geruch entgegen, den ich bis heute nicht vergessen habe: Holzspäne, trockenes Holz, etwas Öl und Werkstattluft. An den Wänden hingen Werkzeuge. Auf der Hobelbank lagen Werkstücke. Ziehmesser, Hobel und allerlei Gerätschaften waren ordentlich versorgt. Nichts wirkte neu, alles trug die Spuren jahrelanger Arbeit. Diese Werkstatt gehörte einer anderen Zeit an. Hier arbeiteten noch Holz, Werkzeug und Erfahrung zusammen.
Der «Rüschel-Wagner» war zu jener Zeit bereits ein älterer Mann, wohl schon über 80 Jahre alt. Seine Hände aber wirkten nicht alt. Sie arbeiteten sicher, eingespielt und selbstverständlich.
Wenn Holzhandwerker reden …
Mein Vater und er fanden rasch ihre gemeinsame Sprache. Zwei Männer, die mit Holz arbeiteten, mussten nicht lange nach Gesprächsstoff suchen. Sie sprachen über Holzarten, Werkzeuge, alte Zeiten und Arbeiten, von denen ich damals kaum etwas verstand.
Ich hörte zwar zu, schaute aber vor allem auf die Hände des «Rüschel-Wagners». Er sass auf seinem «Schnydstuehl» und bearbeitete mit dem Ziehmesser ein Stück Holz. Lange, helle Späne lösten sich und fielen langsam zu Boden. Es sah fast so aus, als würde das Holz freiwillig nachgeben. Es brauchte nicht viel: einen Mann, ein Werkzeug und ein Stück Holz.
Wie ein Wagenrad entstand
Die Herstellung von Wagenrädern gehörte damals zu den wichtigsten Arbeiten eines Wagners. Als Bub sah ich einfach ein Rad – rund eben. Erst viele Jahre später wurde mir klar, was für ein kleines Meisterwerk dahintersteckte.
Der Wagner begann mit der Nabe. Sie war das Herzstück des Rads. Aus einem massiven Stück Eschen- oder Nussbaumholz formte er den Körper und arbeitete die Öffnungen für die Speichen ein. Die Nabe musste stark sein, denn sie trug später die ganze Belastung.
Danach folgten die Speichen. Sie wurden nicht einfach gerade eingesetzt. Jede einzelne erhielt ihren genauen Platz und ihren richtigen Winkel. Die Speichen standen leicht schräg– dieser sogenannte «Sturz» verlieh dem Rad seine Stabilität.
Erst danach entstanden die Felgenstücke. Mehrere gebogene Holzteile wurden so zusammengefügt, dass ein geschlossener Ring entstand. Alles musste genau ineinandergreifen.
Dann kam der Schmied ins Spiel. Er erhitzte den Eisenreifen im Feuer, bis er sich ausdehnte. Rasch legte er ihn über das Holzrad. Beim Abkühlen zog sich das Eisen wieder zusammen und presste alles fest aneinander. Mein Vater sagte später einmal: «Da durfte fast kein Millimeter danebenliegen.» Denn wenn etwas nicht sauber gearbeitet war, begann das Rad zu eiern, zu knarren oder unter Belastung nachzugeben. Darum war die Familie Straumann stolz auf Räder, die sauber liefen und nicht quietschten. Selbst der Schmied fand daran nichts auszusetzen. Das war Ehrensache.
Mehr als nur ein Handwerker
Der «Rüschel-Wagner» war allerdings mehr als nur ein Handwerker. Er war auch ein Tüftler. Obwohl er dem alten Handwerk verbunden blieb, verschloss er sich neuen Hilfsmitteln nicht. Vieles konstruierte er selbst, baute Vorrichtungen und vereinfachte Arbeitsabläufe mit erstaunlichem Einfallsreichtum.
Seine Werkstatt ist heute nicht verschwunden. Sie ist im Museum «zum Feld» in Reigoldswil eingelagert. Dort bleibt erhalten, was früher einmal zum Alltag eines Dorfs gehörte: Werkzeuge, Vorrichtungen und Spuren eines Handwerks, das ohne Erfahrung und gutes Auge nicht auskam.
Heute denke ich manchmal an diesen Besuch zurück und an das Gefühl, etwas gesehen zu haben, das inzwischen verschwunden ist. Geblieben ist die Erinnerung an Menschen, die etwas konnten, das man nicht einfach nachlesen konnte.
Sie hatten es in den Händen.
In unserer Rubrik «Von Hand gemacht» erinnert Autor Hanspeter Gautschin an (fast) verschwundene Handwerke im Oberbaselbiet. Die Serie wird fortgesetzt.

