Als mein Grossvater Wellen machte
07.07.2026 BaselbietAus Reisig und Ästen wurde auf den Höfen einst Wärme für Kachel- und Backofen
Früher gab es auf einem Bauernhof Arbeiten, die niemand gross als Handwerk bezeichnet hätte. Sie gehörten einfach zum Alltag. Sie wurden erledigt, weil der Hof ohne sie nicht ...
Aus Reisig und Ästen wurde auf den Höfen einst Wärme für Kachel- und Backofen
Früher gab es auf einem Bauernhof Arbeiten, die niemand gross als Handwerk bezeichnet hätte. Sie gehörten einfach zum Alltag. Sie wurden erledigt, weil der Hof ohne sie nicht funktionierte.
Hanspeter Gautschin
Dazu gehörte auch das Wellenmachen. Dabei wurden Reisig, Gestrüpp und dünnere Äste zu kräftigen Wellen gebunden, mit denen später die «Chouscht», also der Kachelofen, oder der Backofen angefeuert wurden. Mein Grossvater väterlicherseits war darin ein wahrer Weltmeister.
Als Bub stand ich oft bei ihm und schaute zu. Damals hätte ich nicht sagen können, was daran besonders war. Für mich sah es aus, als würde er bloss Reisig zusammentragen und zusammenbinden. Erst viel später verstand ich, dass auch hinter dieser Arbeit viel Erfahrung steckte.
Winterarbeit auf dem Hof
Vor allem im Winter wurde gewellt. Sobald draussen weniger Arbeit anfiel, begann auf dem Hof eine andere Zeit. Werkzeuge wurden geflickt, Holz gerichtet und Arbeiten nachgeholt, für die im Sommer kaum Zeit blieb. Zu diesen Winterarbeiten gehörte auch das Wellenmachen.
Mein Grossvater konnte damit stundenlang beschäftigt sein. Vor ihm lagen Haufen von Reisig, Gestrüpp und dünneren Ästen, die beim Zurückschneiden von Bäumen und Sträuchern angefallen waren. Weggeworfen wurde damals wenig. Auch aus scheinbar wertlosen Zweigen entstand noch etwas Brauchbares.
Bevor überhaupt gebunden wurde, nahm Grossvater den Gertel zur Hand. Mit diesem Haumesser hackte er Äste und Zweige auf die richtige Länge, damit sie später sauber in den Wellenbock passten.
Für ihn waren solche Haufen nicht einfach Äste und Gestrüpp. Sein Blick war ein anderer. Er wusste sofort, was sich eignete und was nicht. Mit geübter Hand griff er nach dem Material, legte kräftigere Zweige nach aussen und feineres Reisig eher in die Mitte, wo es später leichter Feuer fing.
Wellenbock im Einsatz
Nun kam der Wellenbock zum Einsatz. Das war keine Maschine, sondern ein einfaches, handfestes Gerät. Grossvater legte das Material hinein, richtete es aus, schob einzelne Zweige zurecht und achtete darauf, dass die Enden ungefähr gleich lagen.
Es sah einfach aus – aber nur, solange man zuschaute. Denn die Welle musste stimmen. Zu wenig Material ergab ein lockeres Bündel, das rasch auseinanderfiel. Zu viel machte es unhandlich. Und wenn die Zweige kreuz und quer lagen, liess sich alles kaum sauber zusammenbinden. Erst wenn alles richtig lag, wurde das Bündel fest zusammengezogen und gebunden. Dann folgte das nächste. Und wieder eines. Und noch eines. Als Kind hatte ich manchmal das Gefühl, diese Arbeit nehme überhaupt kein Ende.
Kaum lag ein fertiges Bündel auf der Seite, begann Grossvater bereits wieder von vorne. Es hatte etwas Gleichmässiges. Seine Hände arbeiteten ohne Hast und ohne Unterbruch. Er musste nicht überlegen. Die Bewegungen waren über viele Jahre selbstverständlich geworden.
Wärme entstand nicht einfach
Mit der Zeit entstand ein sauber aufgeschichteter Stapel. Bündel um Bündel kam dazu, bis ein richtiger Vorrat beieinanderlag. Doch sofort verheizt wurden sie nicht. Zuerst mussten die Wellen lagern und trocknen. Erst nach längerer Zeit waren sie bereit, im Kachelofen ihren Dienst zu tun und im Haus für Wärme zu sorgen.
Wenn später die «Chouscht» angefeuert wurde, holte man einige davon herein. Sie fingen rasch Feuer und brachten den Ofen auf Temperatur. Danach konnte stärkeres Holz nachgelegt werden.
Es war ohnehin erstaunlich, wie wenig verloren ging. Heute wird vieles weggeworfen oder gehäckselt. Auf einem Bauernhof hatte fast alles noch einen Zweck. Reisig wurde zu Wellen, Äste wurden verheizt, und selbst kleinere Holzstücke fanden oft noch irgendeine Verwendung.
Man kann sich das heute kaum mehr vorstellen. Wärme kommt aus der Wärmepumpe, aus Leitungen und aus Technik, die man kaum wahrnimmt. Früher stand dahinter ein ganzer Ablauf: schneiden, zusammentragen, hacken, binden, lagern und einheizen.
Handwerk ohne Meisterbrief
Heute sieht man solche Reisigwellen kaum mehr. Mit ihnen verschwand auch eine Winterarbeit, die auf vielen Höfen einst selbstverständlich war. Wenn ich daran denke, sehe ich meinen Grossvater vor mir. Wie er beim Wellenbock steht. Wie seine Hände Reisig ordnen, zurechtrücken und zusammenziehen. Wie eine Welle nach der anderen entsteht.
Damals erschien mir das völlig selbstverständlich. Heute weiss ich: Auch das war ein Handwerk. Nur eines, das keinen Meisterbrief brauchte.
In unserer Rubrik «Von Hand gemacht» erinnert Autor Hanspeter Gautschin an (fast) verschwundene Handwerke im Oberbaselbiet. Die Serie wird fortgesetzt.

