Als Jugendliche alleine übers Mittelmeer
28.07.2026 SissachDie Pflegemitarbeiterin Yordanos Hagos schildert ihre schicksalshafte Reise in die Schweiz
Die 23-jährige Yordanos Hagos ist 2015 in Eritrea aufgebrochen und erst 2020 in der Schweiz angekommen. Im Alters- und Pflegeheim Mülimatt in Sissach hat sie ihre Lehre gemacht und ...
Die Pflegemitarbeiterin Yordanos Hagos schildert ihre schicksalshafte Reise in die Schweiz
Die 23-jährige Yordanos Hagos ist 2015 in Eritrea aufgebrochen und erst 2020 in der Schweiz angekommen. Im Alters- und Pflegeheim Mülimatt in Sissach hat sie ihre Lehre gemacht und für eine Schularbeit ihre Geschichte aufgeschrieben und illustriert.
Lea Wieser
Am Tag ist es viel zu heiss, in der Nacht eiskalt. Überall ist Staub, das wenige verfügbare Wasser ist mit Benzin gemischt, zu essen gibt es sowieso nichts. Würde sie fallen, liesse man sie liegen. Würde sie schreien, stiesse man sie runter. Sie muss ständig erbrechen, viele Menschen sterben. Das war Yordanos Hagos’ Situation, als sie mit 180 weiteren Menschen in einem Lastwagen die Sahara durchquerte. Es ist nur eine der vielen, beinahe unvorstellbaren Etappen, die Yordanos Hagos auf ihrer fünf Jahre andauernden Flucht aus Eritrea in die Schweiz erlebt hat.
Die heute 22-Jährige hat diesen Sommer ihre Ausbildung zur «Assistentin Gesundheit und Soziales EBA» im Alters- und Pflegeheim «Mülimatt» abgeschlossen. Über das «Zentrum für Brückenangebote» ist die Sissacher Pflegeeinrichtung damals auf Hagos gestossen. Nach einem einjährigen Praktikum hat sie dort die Lehre angetreten.
Im Rahmen des «Allgemeinbildenden Unterrichts» hat sie gemeinsam mit einer Freundin, die ebenfalls aus Eritrea in die Schweiz gekommen ist, ihre Geschichten in Form eines selbst geschriebenen und illustrierten Buchs festgehalten. «Mir hat das gutgetan», sagt Hagos im Gespräch mit der «Volksstimme». «Jetzt weiss ich garantiert, dass meine Geschichte nie vergessen geht.» Die nüchterne Sprache lässt die Lesenden in ihre eigenen Emotionen eintauchen und widerspiegelt, wie unfreiwillig schnell Yordanos Hagos erwachsen werden musste. Die an Kinderzeichnungen erinnernden Illustrationen berühren zutiefst und lassen einen nicht vergessen, dass die Geschichte eines 13-jährigen Mädchens erzählt wird.
Fünf Jahre Flucht
«Ich bin mit 13 aus Eritrea weggegangen. Heimlich. Meine Familie durfte es nicht mitbekommen und schon gar nicht mit mir fliehen. Das hätte die Reise noch viel gefährlicher gemacht. Ich bin gegangen, während meine Mutter nicht zu Hause war», beginnt Hagos von ihrer Flucht zu erzählen. «Ich habe mir gesagt, wenn ich dabei sterbe, dann wenigstens nur ich, nicht meine ganze Familie.» Komplett alleine sei sie dennoch selten gewesen: «Die Jugendlichen in Eritrea gehen immer weg, bis heute noch. Alle meine Freundinnen haben es auch getan.» Dadurch lerne man unterwegs immer wieder andere Flüchtende kennen. Hagos erzählt von berührenden Bekanntschaften wie einem fremden Mann, der ihre Hand nimmt und ihr nachts dabei hilft, einen Fluss zu überqueren, in dem viele sterben. Der Fluss ist zu tief und Hagos zu klein, der Mann rettet ihr Leben. «Oft bin ich mit diesen Leuten eine Etappe zusammen weitergereist», sagt sie. Den gesamten Weg gemeinsam mit jemandem unterwegs gewesen sei sie aber nicht.
Dass Hagos ganze fünf Jahre unterwegs war – übrigens keine Seltenheit –, hat mehrere Gründe. Einerseits sei sie bei lebensgefährdenden Umständen zehn Monate in einem Lager in Libyen eingesperrt gewesen. So ergeht es vielen Flüchtenden. Nur wer das nötige Geld aufbringen kann, hat die Möglichkeit weiterzureisen. Viele schaffen es nicht mehr lebend aus dem Lager, auch Hagos sei dort sehr krank gewesen.
«Ich hatte niemanden, der so viel Geld für mich zahlen konnte», sagt Hagos. Deshalb habe sie lange dort bleiben müssen und es erst nach zehn Monaten auf ein überfülltes Schlauchboot Richtung Italien geschafft: «Das Meer war riesig und niemand von uns konnte schwimmen.» Kurz vor dem Ziel sei das Boot kaputtgegangen. Sie wurden zwar gerettet, aber zurück nach Libyen gebracht. «An diesem Punkt hatte ich jegliche Hoffnung verloren», erzählt Hagos. Diesmal wird sie in ein Lager des UNHCR gebracht. Hier wurde ein Interview mit ihr aufgenommen: «Ich musste alleine in einem weissen Raum sitzen, in die Kamera starren und Fragen beantworten.» Das Video wurde in die ganze Welt verschickt.
Die Hürden bleiben
Nach drei Jahren Warten im Flüchtlingslager nimmt die Schweiz sie auf. Aber auch hier angekommen ist nicht alles einfach. Sie und die anderen Menschen aus Eritrea, mit denen sie ankam, seien nach zwei Wochen auf verschiedene Kantone aufgeteilt worden. Recht schnell sei Hagos in einer Pflegefamilie untergebracht worden. «Ich wollte das so, um möglichst schnell Deutsch zu lernen. Fast ein Jahr war ich dort», erzählt sie. «Seit ich 18 war, wohne ich allein in einer kleinen Wohnung in Muttenz.»
Auch in der Ausbildung habe Hagos, um mithalten zu können, mehr tun müssen als andere Lernende. «Am Anfang war mein Deutsch noch eher schlecht. Die älteren Menschen haben mich zum Teil nicht so gut verstanden. Ich sie auch nicht, vor allem wenn sie viel geredet haben. Ich musste mehr tun und es war anstrengend», berichtet Hagos. «Mein Team und meine Berufsbildnerinnen haben mir aber sehr geholfen und mir vieles beigebracht.» Insbesondere der Verein «zRächtCho NWCH» sei eine grosse begleitende Stütze gewesen.
Ihre Mutter habe sie vergangenes Jahr zum ersten Mal seit zehn Jahren wiedergesehen. Ab und zu könnten sie telefonieren, das klappe aber oft nicht und sei teuer, weil es in Eritrea für die breite Bevölkerung praktisch kein Internet gibt. Auch dieses Jahr könne sie Ferien nehmen und in ein paar Wochen zum zweiten Mal nach Äthiopien fliegen, um ihre Familie wiederzusehen.
Trotz aller Hürden und stetigem Heimweh fühlt sich Hagos sehr wohl in der Schweiz. «Hier habe ich Freiheit. Ich habe so viele Möglichkeiten. Zum Beispiel, dass ich eine Ausbildung machen darf. Bei uns gibt es das gar nicht. Ich wäre verheiratet worden, hätte Kinder bekommen und das wäre es wahrscheinlich gewesen.» Hagos wolle arbeiten, in ein paar Jahren den EFZ-Abschluss machen und später aus eigener Entscheidung eine Familie gründen.
Das Buch «Salem & Yordanos – unsere Reise» ist aktuell im Alters- und Pflegeheim «Mülimatt» zum Selbstkostenpreis von 20 Franken verfügbar.


