Als in Oltingen ein Hemd auf dem Acker begann
18.08.2026 BaselbietWie Bauernfamilien im Oberbaselbiet ihre Kleidung selbst herstellten
Jahrhundertelang versorgten sich die Bauernfamilien selbst mit Kleidung und Bettwäsche. Flachs, Hanf und die Wolle eigener Schafe lieferten den Rohstoff für Hemden, Leintücher oder Säcke. Flurnamen ...
Wie Bauernfamilien im Oberbaselbiet ihre Kleidung selbst herstellten
Jahrhundertelang versorgten sich die Bauernfamilien selbst mit Kleidung und Bettwäsche. Flachs, Hanf und die Wolle eigener Schafe lieferten den Rohstoff für Hemden, Leintücher oder Säcke. Flurnamen wie «im Hanff Garten» in Oltingen erinnern daran.
Hanspeter Gautschin
Stellen wir uns eine Bauernfamilie in Oltingen um das Jahr 1820 vor. Bauer Hans lebt mit seiner Frau Barbara, den Kindern und den Grosseltern auf einem kleinen Hof. Fast alles, was die Familie zum Leben braucht, entsteht durch die Arbeit ihrer eigenen Hände. Auch die Kleidung.
Als der Frühling ins Land zieht, nimmt Hans einen Leinensack zur Hand. Darin liegen die Flachssamen vom vergangenen Jahr. Auf einem kleinen Feld hinter dem Hof streut er sie sorgfältig aus. Daneben wächst Hanf, dessen kräftige Fasern später für Seile, Säcke und grobe Gewebe verwendet werden. Noch ahnt niemand, dass aus diesen unscheinbaren Samen erst viele Monate später Hemden, Schürzen, Leintücher oder Kissenbezüge entstehen werden.
Der Flachs wächst rasch. Im Frühsommer wiegen sich seine feinen blauen Blüten im Wind. Wenige Wochen später färben sich die Stängel gelb. Jetzt ist Erntezeit. Hans mäht den Flachs nicht. Er zieht jede Pflanze mitsamt der Wurzel aus dem Boden. Die Bauern nennen diese Arbeit Raufen. Nur so bleiben die Fasern möglichst lang und eignen sich später für feines Leinen.
Barbara und die Kinder sitzen inzwischen auf dem Hofplatz. Mit einem Reff streifen sie die Samenkapseln von den Stängeln. Ein Teil der Leinsamen wird für die nächste Aussaat aufbewahrt, aus dem übrigen gewinnt man später Leinöl.
Neben dem Flachs wächst auch Hanf. Seine gröberen Fasern eignen sich besonders für Seile, Stricke, Säcke und robustes Gewebe. Die Verarbeitung ähnelt jener des Flachses, folgt jedoch teilweise eigenen überlieferten Arbeitsweisen.
Wenn der Flachs «rooset»
Doch aus den gelben Stängeln lässt sich noch kein Faden spinnen. Zuerst muss der Flachs «roosen», wie man im Oberbaselbiet sagte. Die Bündel werden während mehrerer Tage oder sogar Wochen auf feuchte Wiesen gelegt oder in ruhiges Wasser eingebracht. Dort beginnt ein natürlicher Gärungsprozess, der den Pflanzenleim langsam löst. Dieser Arbeitsschritt verlangt Erfahrung. Wer den Flachs zu früh herausnimmt, kann die Fasern kaum lösen. Wartet man zu lange, verlieren sie an Qualität.
Anschliessend werden die Bündel zum Trocknen ausgebreitet. Nun beginnt jene Arbeit, die man an Wintertagen weit durchs Dorf hören konnte.
Mit den ersten kalten Tagen zieht die Arbeit in die Scheune um. Hans stellt die Flachsbreche bereit. Stängel um Stängel legt er in das hölzerne Gerät. Mit kräftigen Schlägen bricht das trockene Holz auseinander.
Es knackt laut. Holzsplitter fliegen zu Boden. Danach übernehmen Barbara und die älteren Kinder. Beim Schwingen lösen sie die letzten Holzreste aus den Fasern. Anschliessend ziehen sie diese immer wieder durch die Hechel – ein Brett mit langen Eisenzinken. Dabei rauschen die hellen Fasern durch das Eisen, bis weiche, seidige Büschel entstehen.
Aus den langen Fasern entstand feines Leinen. Die kürzeren Fasern, die man «Chuder» nannte, wurden zu gröberem Garn für Säcke und einfachere Gewebe versponnen.
Das Lied des Spinnrads
Wenn draussen Schnee liegt und der Wind ums Haus streicht, beginnt in der warmen Stube eine andere Arbeit. Barbara setzt sich ans Spinnrad. Leise summt das Rad, während sie aus den Flachsfasern einen feinen Faden zieht. Spule um Spule füllt sich. Auch die Töchter lernen früh das Spinnen. Der Faden darf weder zu dick noch zu dünn sein. Reisst er, beginnt die Arbeit von Neuem.
So vergehen viele Winterabende. Während draussen die Kälte regiert, wächst drinnen langsam das Garn für das kommende Jahr. Sind genügend Spulen gefüllt, wird der Webstuhl vorbereitet. Hunderte von Kettfäden müssen einzeln eingezogen werden. Erst dann beginnt Barbara zu weben.
Mit jedem Tritt auf die Pedale hebt und senkt sich die Kette. Das Schiffchen fliegt von einer Seite zur anderen. Schlag um Schlag wächst die Leinwand. Noch fühlt sie sich rau an. Deshalb wird der Stoff gewaschen und anschliessend auf der Bleiche ausgebreitet. Sonne, Tau und Regen machen ihn mit der Zeit heller. Nun kommt die Schneiderin an die Reihe – oder Barbara selbst. Sie schneidet den Stoff zu und näht daraus Hemden, Schürzen, Leintücher oder Kissenbezüge. Jetzt schliesst sich der Kreis. Was im Frühling mit einer Handvoll Flachssamen begonnen hat, liegt nun als fertiges Hemd auf dem Tisch.
Für Hans und Barbara war ein Hemd nie nur ein Kleidungsstück. Es war das Ergebnis eines ganzen Bauernjahrs. Von der Aussaat über das Raufen, Roosen, Brechen, Schwingen, Hecheln, Spinnen und Weben bis zum letzten Stich mit Nadel und Faden trug jedes Familienmitglied seinen Teil dazu bei. Mit der Industrialisierung änderte sich dieses Leben grundlegend. Baumwollstoffe wurden günstiger und konnten gekauft werden. Das mühsame Herstellen von Leinen auf den Bauernhöfen verschwand nach und nach.
Geblieben sind alte Flurnamen wie «im Hanff Garten» in Oltingen oder die «Hanfbünten» in Oberdorf. Sie erinnern an eine Zeit, in der ein Hemd nicht einfach gekauft wurde. Es wuchs auf dem Feld und entstand mit Geduld, Geschick und viel Arbeit.
In unserer Rubrik «Von Hand gemacht» erinnert Autor Hanspeter Gautschin an (fast) verschwundene Handwerke im Oberbaselbiet. Die Serie wird fortgesetzt.

