Als Gedeon Thommen noch Seiler war
18.06.2026 BaselbietDer spätere Industriepionier begann seinen Weg auf einer langen Bahn im Waldenburgertal
Bevor Gedeon Thommen (1831– 1890) später Uhrenfabrikant wurde, die Entwicklung des Waldenburgertals mitprägte und sich für die Waldenburgerbahn einsetzte, stand er an einem ...
Der spätere Industriepionier begann seinen Weg auf einer langen Bahn im Waldenburgertal
Bevor Gedeon Thommen (1831– 1890) später Uhrenfabrikant wurde, die Entwicklung des Waldenburgertals mitprägte und sich für die Waldenburgerbahn einsetzte, stand er an einem ganz anderen Arbeitsplatz: auf einer Seilerbahn.
Hanspeter Gautschin
Das überrascht zunächst: Man verbindet seinen Namen heute mit Industrie und Unternehmergeist, kaum aber mit Hanf, Flachs und langen Seilen. Und doch begann Gedeon Thommens Weg dort.
Wer sich heute einen Seiler vorzustellen versucht, denkt vielleicht an eine kleine Werkstatt. Tatsächlich brauchte dieses Handwerk vor allem eines: Platz. Eine Seilerbahn war keine Stube und kein enger Schopf, sondern eine lange, gerade Arbeitsstrecke, die sich über viele Dutzend Meter hinziehen konnte. Für Waldenburg ist überliefert, wo eine solche Bahn lag: Die Seilerbahn von Martin Thommen und seinem Sohn Gedeon befand sich auf jenem Grundstück, auf dem später Fritz Heid von «Tschudin und Heid» seine Villa bauen liess. Später ging sie an seinen Schwiegersohn Reinhard Straumann-Heid über.
Wenn man heute dort vorbeigeht, ahnt man kaum, dass hier einst ein Handwerk ausgeübt wurde, bei dem die Arbeit beinahe auf Wanderschaft ging. Denn der Seiler blieb beim Arbeiten selten lange an einem Ort stehen.
Ich stelle mir den jungen Gedeon manchmal vor: vor sich die langen Fäden, in den Händen das Material, Schritt für Schritt rückwärtsgehend, aufmerksam darauf bedacht, dass alles gleichmässig blieb. Denn genau so entstand ein Seil.
Hanf, Flachs und gedrehte Litzen
Zuerst wurde Hanf oder Flachs verarbeitet. Die Fasern mussten gehechelt werden – ein alter Ausdruck für das Kämmen und Auflockern der Pflanzenfasern. Erst danach konnten daraus einzelne Schnüre gedreht werden.
Aus diesen Schnüren entstanden Litzen, und aus mehreren Litzen schliesslich das eigentliche Seil. Dabei durfte nichts aus dem Gleichgewicht geraten. War die Spannung ungleichmässig, wurde das Seil locker. Wurde zu stark gezogen, konnte es später Schaden nehmen. Fehler zeigten sich oft erst dann, wenn das Seil tatsächlich gebraucht wurde. Und genau dann durfte nichts reissen.
Der Seiler ging deshalb langsam rückwärts, während am anderen Ende der Bahn gedreht wurde. Eigentlich ist es ein schönes Bild: Der Seiler ging rückwärts, damit am Ende etwas vorwärtskam.
Ein Seil gehörte zum Alltag
Damals brauchte man Seile überall. Solange der Verkehr über den Oberen Hauenstein führte, waren ständig Fuhrwerke unterwegs. Waren wurden transportiert, Lasten festgezurrt, Wagen gesichert und Tiere geführt. Auch auf den Bauernhöfen gehörten Seile zum Alltag. Heubündel mussten zusammengebunden werden, Lasten wurden gehoben, Vieh geführt und Wagen beladen. Für Handwerker waren Seile ebenso selbstverständlich wie Hammer oder Säge.
Ein Seil war damals kein nebensächlicher Gegenstand. Es gehörte zur täglichen Arbeit. Dabei waren nicht alle Seile gleich. Dünnere Schnüre dienten anderen Zwecken als dicke Zugseile. Der Seiler musste wissen, welche Stärke gebraucht wurde und wie stark das Material beansprucht werden würde. Erfahrung ersetzte dabei oft Berechnungen.
Heute liegt irgendwo im Keller vielleicht eine Kunststoffschnur oder ein Nylonseil. Man schneidet ein Stück ab und denkt kaum darüber nach. Früher war das anders: Damals steckten hinter einem Seil viele Arbeitsschritte und viel Erfahrung.
Ganz verschwunden ist dieses Wissen allerdings nicht. In Winterthur arbeitet mit der Seilerei Kislig noch ein traditionsreicher Betrieb, in dem Seile und Stricke weiterhin in herkömmlicher, handwerklicher Weise hergestellt werden. Seit 1878 werden dort Seile gefertigt; die Seilerei gehört heute zu den letzten Betrieben dieser Art in der Schweiz.
Handwerk verschwindet langsam
Das Handwerk selbst ist uralt. Bereits die alten Ägypter kannten Seile aus Pflanzenfasern. Auch Griechen und Römer arbeiteten damit. Selbst bei den sogenannten Pfahlbauern, die heute in der Forschung meist als Feuchtbodensiedlungen bezeichnet werden, fanden Archäologen Schnüre und Seile.
Im 19. Jahrhundert begann sich die Welt zu verändern. Mit der Eisenbahn verlagerte sich der Verkehr zunehmend auf die Schiene. Der alte Passverkehr verlor an Bedeutung. Gleichzeitig erschienen industriell gefertigte Seile und später neue Materialien.
Das Seilerhandwerk verschwand deshalb langsam aus dem Tal. Gedeon Thommen aber blieb nicht stehen: Er erkannte früh, dass dem alten Gewerbe Grenzen gesetzt waren. Er wechselte in die Uhrenindustrie und wurde später zu einer der prägenden Persönlichkeiten des Waldenburgertals.
Vielleicht liegt gerade darin etwas Bemerkenswertes. Am Anfang stand keine Fabrikhalle. Am Anfang stand eine lange Bahn. Und ein junger Mann, der rückwärtsging – und dabei lernte, nach vorne zu blicken.
In unserer neuen Rubrik «Von Hand gemacht» erinnert Autor Hanspeter Gautschin an (fast) verschwundene Handwerke im Oberbaselbiet. Die Serie wird fortgesetzt.

