Als eine Katastrophe auf die nächste folgte
10.09.2026 BaselbietAlt Regierungsrat Andreas Koellreuter erinnert sich an den düsteren Herbst vor 25 Jahren
«Nine-Eleven», das Attentat von Zug, das Swissair-Grounding, der Brand im Gotthardtunnel und der Crossair-Absturz: Im Herbst 2001 folgte eine Katastrophe auf die nächste. 25 Jahre ...
Alt Regierungsrat Andreas Koellreuter erinnert sich an den düsteren Herbst vor 25 Jahren
«Nine-Eleven», das Attentat von Zug, das Swissair-Grounding, der Brand im Gotthardtunnel und der Crossair-Absturz: Im Herbst 2001 folgte eine Katastrophe auf die nächste. 25 Jahre später blickt der frühere Baselbieter Sicherheitsdirektor Andreas Koellreuter zurück.
Markus Vogt
Es begann am 11. September 2001 mit Bildern, die sich ins Gedächtnis der Menschheit einbrannten: Zwei entführte Flugzeuge rasten in die Türme des World Trade Center in New York. Doch «Nine-Eleven» war erst der Auftakt zu einem Herbst, in dem sich die schlimmen Nachrichten jagten. Es folgten das Attentat auf das Zuger Parlament, das Swissair-Grounding, der Brand im Gotthardtunnel und der Absturz einer Crossair-Maschine bei Bassersdorf. «Solche Dinge kann man nicht vergessen, sie bleiben einfach da», sagt Andreas Koellreuter. Der heute 79-jährige Aescher FDP-Mann war damals Baselbieter Regierungsrat und leitete die Justiz-, Polizei- und Militärdirektion, die heutige Sicherheitsdirektion.
Während unseres Besuchs bei Andreas Koellreuter in Aesch kommt er rasch auf jenes Ereignis zu sprechen, das ihn damals unmittelbar in seiner Funktion betraf: das Attentat auf das Zuger Parlament. An diesem 27. September 2001 tagte nicht nur der Kantonsrat in Zug, sondern auch der Landrat, das Baselbieter Parlament – und einige andere Parlamente in der Schweiz, zum Beispiel der Basler Grosse Rat.
So befand sich Koellreuter auf der Regierungsbank im Landratssaal, als er die Kunde vom Attentat auf die Kollegen in Zug vernahm. Er war als oberster Chef der Baselbieter Polizei einer der Ersten, die informiert wurden. Die Kantonspolizei rückte mit einem relativ grossen Aufgebot sofort aus, um das Regierungsgebäude, in dem der Landrat tagt, zu schützen und zu sichern. «Wir wussten ja nicht, was da abging. Wir fragten uns, ob da schweizweit etwas im Gang war», blickt er zurück.
Nach einer kurzen Pause brach der Landratspräsident die Sitzung ab. «Das geschah auch aus Ehrbezeugung gegenüber den Leuten von Zug, die es so schlimm getroffen hatte», erzählt Andreas Koellreuter weiter. Von den getöteten Personen hat er mehrere gekannt, Regierungskollegen, die er regelmässig an den eidgenössischen Regierungskonferenzen traf.
Schock und Mitgefühl
«Wir fragten uns immer wieder: ‹Warum?›», fährt Andreas Koellreuter fort. Und kommt auf die Frage zu sprechen, ob ein solches Ereignis nicht auch in Liestal hätte passieren können. «Was, wenn das uns getroffen hätte?» Zunächst herrschte grosse Betroffenheit, und es ging darum, das «Ereignis» mental aufzuarbeiten. Koellreuter nahm an den Trauerfeierlichkeiten in Zug teil und war tief beeindruckt. Das ganze Land nahm Anteil, und auch aus dem Ausland trafen zahlreiche Beileidsbekundungen ein, von Parlamenten, Behörden, Politikern und vielen Menschen, die Mitgefühl zeigten.
Als Sofortmassnahmen erhielt der Landrat Polizeischutz, nun sicherten Polizeiangehörige die Sitzungen des Kantonsparlaments. Wer an Sitzungstagen ins Regierungsgebäude wollte, musste sich neu gegenüber der Polizei ausweisen – das hätten nicht alle auf Anhieb verstanden, aber schliesslich seien solche Massnahmen akzeptiert worden.
Kundennähe oder Schutz
Das Regierungsgebäude war damals ziemlich frei zugänglich, das heisst: mehr oder weniger ungeschützt. «Wer wollte, konnte problemlos hereinspazieren, ins ganze Gebäude. Wir sorgten dafür, dass dies nicht mehr möglich war», sagt Koellreuter. Das erreichte man mit einigen baulichen Massnahmen und elektronischen Sicherungen. Auch der damalige Justiz-, Polizeiund Militärdirektor hatte seinen Arbeitsplatz in diesem Gebäudeteil.
An den Polizeikommandanten erging zügig der Auftrag, das Regierungsgebäude sowie die gesamte Baselbieter Verwaltung unter dem Sicherheitsaspekt unter die Lupe zu nehmen. Zahlreiche Verwaltungsstellen des Kantons erhielten in der Folge Besuch der Sicherheitsspezialisten der Polizei, die Einrichtungen erfuhren die nötige Aufrüstung. «Zu beobachten war, dass eine Sensibilisierung stattgefunden hatte. Die Sicherheit der Gebäude und Personen wurde als sehr wichtig erachtet», sagt Koellreuter. Hier und da sei moniert worden, die Kundennähe leide, wenn man die Zugänglichkeit einschränke. In der Regel habe man jedoch gute Lösungen gefunden.
«Ja, die Erinnerung wird schwächer. Aber sie kommt immer wieder hoch, wenn man mit Menschen darüber spricht, wenn man an bestimmte Orte kommt», sagt Koellreuter. Er denkt vor allem an die Menschen in Zug: «Wenn man immer wieder in den Saal kommt, wo das passiert ist, muss das furchtbar sein.» Und noch immer fragt er sich, ob das nicht auch in Liestal hätte passieren können. Und mit Blick auf New York, «Nine-Eleven», sagt er: «Dass das geschehen konnte, ist und bleibt Wahnsinn.» Auch das wird er kaum je vergessen.
Reihe an Ereignissen
Der «Katastrophenherbst 2001», wie ihn einzelne Medien bezeichneten, begann am 11. September 2001 mit den Terroranschlägen von Al-Qaida in den USA, danach fast überall «Nine-Eleven» genannt. Zwei zuvor entführte Flugzeuge wurden am Morgen dieses Tages in die beiden Türme des World Trade Center gesteuert und verursachten damit mitten in New York ein riesiges Chaos, einen unbeschreiblichen Trümmerhaufen.
Die Zwillingstürme brachen im Laufe des Tages brennend zusammen; gegen 3000 Menschen kamen ums Leben, mehr als 6000 wurden verletzt. Ein drittes entführtes Flugzeug stürzte in das Pentagon, das US-Verteidigungsministerium, ein viertes sollte wohl das Kapitol oder das Weisse Haus in Washington ins Visier nehmen, stürzte aber auf freiem Feld im Staat Pennsylvania ab, nachdem sich Passagiere gegen die Entführer gewehrt hatten.
Amerika und mit ihm die westliche Welt war quasi ins Herz getroffen worden und reagierte entsetzt, geschockt und paralysiert auf die Selbstmord-Attentate der islamistischen Organisation von Osama bin Laden. Weltweit wurden darauf die Sicherheitsvorkehrungen gründlich überprüft und drastisch verschärft, insbesondere im Flugverkehr, aber auch bei öffentlich zugänglichen Gebäuden. Die US-Regierung unter Präsident George W. Bush rief den «Krieg gegen den Terror» aus, was unter anderem zu den militärischen Interventionen der USA in Afghanistan und im Irak führte.
91 Schüsse
Am 27. September 2001 schockierte das Attentat von Zug die Schweiz und die Welt. Friedrich Leibacher, ein in mehreren Kantonen als arbeitslos gemeldeter 54-jähriger Schweizer, der mit den Behörden des Kantons Zug seit Jahren über Kreuz lag und schon verschiedentlich Drohungen ausgestossen hatte, erschoss während einer Sitzung des Kantonsparlaments drei Regierungsmitglieder und elf Mitglieder des Kantonsrats.
Gekleidet in eine dunkelblaue Weste mit der Aufschrift «Polizei» marschierte er kurz vor 10.30 Uhr mit zwei Pistolen und einem Selbstladegewehr ungehindert in den Kantonsratssaal und begann unvermittelt zu schiessen. Innerhalb weniger Minuten, das Attentat dauerte lediglich 2 Minuten und 34 Sekunden, feuerte er insgesamt 91 Schüsse ab und zündete auch eine selbst gebastelte Bombe. Die anwesenden Politikerinnen und Politiker, aber auch Journalisten und Kantonsangestellte, versuchten sich während des Massakers unter den Pulten zu verstecken. Zum Schluss erschoss sich Leibacher selbst.
Ein solches Attentat hatte es zuvor in der Schweiz nicht gegeben. Das Ereignis wühlte die Menschen auf, aber nicht nur hier, die Tat fand auch im Ausland grosse Beachtung. Das Attentat bewirkte, dass in zahlreichen Kantonsparlamenten und öffentlichen Einrichtungen die Sicherheitsmassnahmen überprüft wurden. Die Zutrittskontrollen wurden überall strenger und modernisiert, eingerichtet wurden an diversen Orten Sicherheitsschleusen und Durchleuchtungsapparate.
In jenem Herbst ereignete sich weiter am 2. Oktober das Swissair-Grounding, der Brand im Gotthard-Strassentunnel am 24. Oktober (zwei Lastwagen waren zusammengestossen, 11 Tote) und der Absturz eines Crossair-Flugzeugs bei Bassersdorf am 24. November (24 Tote). Die Bezeichnung «Katastrophenherbst 2001» kam nicht von ungefähr.


