Als die «Uhri» Arbeit brachte
11.08.2026 ZiefenFeier zur Dorf- und Industriegeschichte
Vor 100 Jahren nahm die Uhrenfabrik Oris SA in Ziefen ihren Betrieb auf. Ein Jubiläumsfest erinnerte an die Geschichte der «Uhri» und ihre Bedeutung für das Dorf.
Willi Wenger
Die vor 50 Jahren ...
Feier zur Dorf- und Industriegeschichte
Vor 100 Jahren nahm die Uhrenfabrik Oris SA in Ziefen ihren Betrieb auf. Ein Jubiläumsfest erinnerte an die Geschichte der «Uhri» und ihre Bedeutung für das Dorf.
Willi Wenger
Die vor 50 Jahren von der Schliessung betroffene Zweigstelle Ziefen der Uhrenfabrik Oris SA entstand nach dem Niedergang der traditionellen Seidenbandweberei. Im Dorf selbst standen Anfang der 1920er-Jahre mehr als 80 Webstühle still. Um die damals hohe Arbeitslosigkeit zu bekämpfen, gelang es dank des Engagements des Ziefner Gemeinderats und geschickter Verhandlungen mit der Oris SA in Hölstein, die erste Fabrik in Ziefen an der Lupsingerstrasse im Spätherbst 1925 zu eröffnen. Die «Uhri» sei damals für das Dorf ein Segen gewesen, sagt Dorfchronist Franz Stohler. Über Jahrzehnte bot das Unternehmen als Uhren-Montagewerk vielen Familien Arbeit und ein Einkommen, das für den Lebensunterhalt unerlässlich war.
Allerdings, so war am vergangenen Samstag zu hören, musste die Gemeinde der Oris SA vor mehr als 100 Jahren vertraglich einiges zugestehen. Sie musste das Grundstück kostenlos zur Verfügung stellen sowie die Kosten für die Zuleitungen von Wasser und Elektrizität, das Bauholz, die Grabarbeiten und den Abtransport des Schutts bezahlen.
Es war, so Stohler beim Erzählen seiner «Müsterli» am Jubiläumsfest, der letzte Bruchsteinbau, der in Ziefen erstellt wurde. Und: Die Gemeinde plante im Untergeschoss aufgrund der fehlenden Badezimmer in den Häusern ein öffentliches Bad, das aber letztlich nicht zur Ausführung kam. Erst 1956, beim Bau der ersten Turnhalle im Gebiet Eien, konnte die Gemeinde diese Dienstleistung anbieten: für Frauen und Töchter jeden Freitag von 17 bis 20 Uhr, für Männer jeden Samstag zwischen 15 und 19 Uhr. Der Preis betrug für ein Bad 80 Rappen und für eine Dusche 50 Rappen.
Rekord mit 240 000 Uhren
Die «Uhri» hatte in all den Jahren ihres Bestehens wechselhafte Phasen zu überstehen, so die Weltwirtschaftskrise in den 1930er-Jahren und den Zweiten Weltkrieg. Trotzdem: Der Erfolg blieb in der Folge nicht aus. Hochkonjunktur war angesagt und die Nachfrage nach Oris-Uhren gross. Über 50 Personen, vor allem Frauen, waren vor Ort beschäftigt, zudem etliche Hausfrauen, die für die Oris SA Heimarbeit leisteten. 1970 wurden im Betrieb Ziefen rund 240 000 Uhren montiert. Sie gelangten nach 110 Ländern in den Export.
Die Löhne in der «Uhri» waren leicht höher als jene in der Posamenterei. Allerdings war der Lohn eher gering, da die Uhrenarbeiterinnen und -arbeiter nur angelernt waren. In der Anlernphase 1925 betrug der Stundenlohn 50 Rappen. 1947 forderten Arbeiter in einem Brief an die Direktion in Hölstein mehr Lohn. Letztlich wurden ihnen 1.40 Franken zugestanden. Bei der Fabrikschliessung 1976 infolge der sogenannten «Quarzkrise» betrug der Stundenlohn 11 Franken.
Gearbeitet wurde in der Regel im Akkord, das heisst: Wer schnell war, verdiente mehr. Weil das Lohnniveau nicht hoch war, fielen auch die Altersrenten bescheiden aus. Stohler sagte zur «Volksstimme», dass eine Arbeiterin, die beispielsweise 32 Jahre in die Pensionskasse einbezahlt hatte, mit 62 Jahren eine einmalige Auszahlung von 13 000 Franken erhielt, während die AHV damals nur 285 Franken pro Monat betrug.
Schule und Eigentumswohnungen
In Ziefen wurde am Samstag auch über Zwischennutzungen der Liegenschaft informiert. So durfte bereits ab 1970 die Handarbeitsschule den oberen Saal für ihre Tätigkeit benutzen. Ab 1978 wurde im unteren Fabriksaal ebenfalls Schulunterricht erteilt. In den späten 1980er-Jahren kauften schliesslich die Familien Riesen, Baader und Schmid die Liegenschaft und bauten sie zu Eigentumswohnungen im Stockwerkeigentum um.
Die gelungene Veranstaltung mit überraschend vielen Besuchenden war von den Familien Baader, Riesen und Schmid organisiert worden. Edy Riesen zeigte sich hocherfreut über das grosse Interesse an seinem «Heimatort» seit 40 Jahren, wie er die «Uhri» bezeichnete. Er dankte dem Chronisten Franz Stohler sowie Kulturhistoriker Rémy Suter für ihre Hilfe. Suter bereicherte den Anlass mit einem Referat über die Geschichte der Oris SA ab dem Jahr 1900 mit vielen interessanten Details. Fazit: Das Herz der geschichtsträchtigen «Uhri» schlägt in Ziefen unüberhörbar weiter.
Erste Zentralheizung
en. Die Uhrenfabrik, die 1925 entstanden ist, war das letzte Gebäude in Ziefen, das noch mit Bruchsteinen gebaut wurde. Es war aber auch das erste Haus im Dorf, das eine Zentralheizung erhielt. Und: Quasi alle Arbeiten am Bau besorgten einheimische oder regionale Unternehmen. Die Maurerarbeiten erfolgten durch Gastiginoni+Chiesa aus Bubendorf. Die Zimmerund Schreinerarbeiten wurden von den einheimischen Firmen Tschopp und Hug ausgeführt, während die Firma W. Böhi in Liestal die Dachdeckerarbeiten übernahm.
Speziell an der Liegenschaft ist zudem, dass auf dem «Uhri»-Dach 1990 die erste Photovoltaikanlage in Ziefen installiert wurde und seither Sonnenstrom liefert.
Ziefner Uhrmacher-Familie
en. Der 88-jährige Dorfchronist Franz Stohler erinnert sich, wie stark seine Familie einst finanziell von der Oris SA abhängig war: «Mein Grossvater trat für den Bauplatz ein Stück Land ab und Vater arbeitete bei der Oris SA ab seinem 24. Lebensjahr bis zu seinem frühen Tod 1950 als Acheveur im Unternehmen, das ihm 1947 für den Bau seines Hauses ein zinsloses Darlehen gewährte.» Stohlers Mutter leistete Heimarbeit und erhielt als Witwe für ihre Kinder Renten aus der Oris-Fürsorgestiftung. Seine Tante Marie Stohler begann mit 17 Jahren in der «Uhri» zu arbeiten
– bis zur Schliessung 1976. Franz Stohlers Bruder Walter absolvierte seine Lehre als Kaufmann bei der Oris in Hölstein, wo er zehn Jahre im Export tätig war.


