Als der Hollimarti im Winter Besen machte
03.07.2026 BaselbietAus Birkenreisig und Haselstangen entstand auf Höfen, was täglich gebraucht wurde
Früher gehörte das Besenmachen auf den Bauernhöfen zum Winter wie der Rauch zum Kamin. Wenn draussen Raureif an den Zäunen hing und die Felder unter einer harten Kruste lagen, ...
Aus Birkenreisig und Haselstangen entstand auf Höfen, was täglich gebraucht wurde
Früher gehörte das Besenmachen auf den Bauernhöfen zum Winter wie der Rauch zum Kamin. Wenn draussen Raureif an den Zäunen hing und die Felder unter einer harten Kruste lagen, gab es auf einem Hof immer noch zu tun.
Hanspeter Gautschin
Einer, der dieses Handwerk verstand, war der «Hollimarti» in unserem Dorf. Eigentlich hiess er Herr Schweizer. Aber niemand sagte Herr Schweizer. Für uns Kinder war und blieb er einfach der Hollimarti. Er war ein stattlicher Bauer, breit gebaut und von gemütlichem Wesen. Wenn er auf seinem Traktor sass und mit der Tabakpfeife im Mund ins Tal hinaus tuckerte, hatte man nie den Eindruck, dass er irgendwohin eilen müsse.
Im Winter durfte ich manchmal bei ihm im Schopf stehen und zuschauen. Draussen war es kalt, und wenn sich die Tür öffnete, zog Winterluft herein. Drinnen roch es nach Holz, Heu und Erde.
An einer Wand lehnten Bündel von Birkenreisig. Daneben lagen Haselstangen für die Stiele. Der Hollimarti hatte das Material nicht irgendwann geschnitten, sondern zur richtigen Zeit.
Denn beim Reisig spielte der Saftstand eine wichtige Rolle. Steht zu viel Saft im Holz, werden die Ruten weich und feucht. Sie können sich beim Trocknen verziehen oder später brüchig werden. Ist das Holz zu trocken, splittert es leichter.
Darum schnitt man die Ruten bevorzugt im Winter, wenn der Baum in Saftruhe war. Dann waren sie weniger feucht, aber noch zäh und biegsam.
Genau so musste gutes Material sein: kräftig genug, um zu halten, und elastisch genug, damit es beim Binden nicht brach. Alte Leute behaupteten sogar, zwischen Weihnachten und Dreikönig geschnittenes Reisig ergebe besonders gute Besen. Ob das immer stimmte, weiss ich nicht. Aber es zeigt, wie genau man früher auf den richtigen Zeitpunkt achtete.
Wie ein Besen entstand
Der Hollimarti nahm ein Bündel zur Hand und prüfte die Zweige mit einem kurzen Blick. «Das git e guete», sagte er jeweils. Dann legte er die langen Ruten nebeneinander, zog einzelne heraus, schob andere wieder hinein und ordnete alles mit wenigen Handgriffen.
Es sah aus, als hätte er nie etwas anderes gemacht. Erst viel später wurde mir klar, wie viel Erfahrung in diesen Bewegungen steckte. Denn ein guter Besen entstand nicht zufällig. Zu kurze Ruten taugten nichts. Zu dicke ebenfalls nicht. Die Zweige mussten biegsam sein und ungefähr dieselbe Länge haben. Für feinere Besen nahm man oft Birke. Sie wischte weich und breit. Für grö- bere Arbeiten im Stall verwendete man kräftigeres Material.
Wenn alles richtig zusammenlag, zog der Hollimarti das Bündel fest zusammen und band es sorgfältig ab. Danach richtete er den Haselstiel zu und setzte ihn ein.
Zwischen Reisig und Holzspänen
Dabei sprach er nicht viel. Nur manchmal nahm er die Pfeife kurz aus dem Mund und sagte etwas, das damals ganz beiläufig klang und mir erst viele Jahre später hängen blieb: «Wenn’s pressiert, wird’s nüt.»
Dann arbeitete er weiter.
Es ist erstaunlich, wie selbstverständlich solche Dinge früher zum Leben gehörten. Niemand wäre auf die Idee gekommen, einen Besen zu kaufen. Man verwendete, was die Umgebung hergab. Ging einer kaputt, wurde eben ein neuer gemacht.
Heute steht der Besen im Laden zwischen Putzmitteln und Plastikkübeln. Man nimmt ihn aus dem Regal, bezahlt und denkt kaum weiter darüber nach.
Damals sass der Hollimarti im Winter im Schopf, hatte seine Pfeife im Mund und machte aus ein paar Zweigen etwas, das auf jedem Hof gebraucht wurde. Und wenn genug Besen beieinanderlagen, klopfte er die Hände aneinander, schaute auf seine Arbeit und sagte mit seiner ruhigen Selbstverständlichkeit: «So. Jetz isch gnue.»
In unserer Rubrik «Von Hand gemacht» erinnert Autor Hanspeter Gautschin an (fast) verschwundene Handwerke im Oberbaselbiet. Die Serie wird fortgesetzt.

