Aller Anfang ist schwer
31.12.2025 PolizeiLeuchtstifte, eilt herbei! Natürlich juckt es die Sprachpolizei in den Fingern, wenn sie, wie kürzlich in der «bz Basel», über Titel stolpert wie «Riehen erklärt ‹Mohr› im Strassennahmen». Aber nicht immer muss gleich der Knüppel ...
Leuchtstifte, eilt herbei! Natürlich juckt es die Sprachpolizei in den Fingern, wenn sie, wie kürzlich in der «bz Basel», über Titel stolpert wie «Riehen erklärt ‹Mohr› im Strassennahmen». Aber nicht immer muss gleich der Knüppel gezückt werden. Bisweilen reizt auch die banale Frage, wie Zeitungen ihre Berichte eröffnen. Nehmen wir als Beispiel die grossflächige Berichterstattung über den FCB-Match vom 3. November.
Die «BaZ» steigt mit folgendem Satz ein: «Ganz zum Schluss, da holt Xherdan Shaqiri mit dem linken Arm ziemlich aus.» Mit der gleichen Szene beginnt die «bz» ihren Bericht: «Es läuft bereits die Nachspielzeit im Wankdorfstadion, als die Emotionen in diesem Spiel ihren Höhepunkt erreichen.»
In der Literatur gibt es ganze Abhandlungen über berühmte erste Sätze. Viele Schriftsteller sollen an der Frage nach dem grossartigen Einstieg zerbrochen sein. Auch wenn die restlichen 687 Seiten von «Der Butt» von Günter Grass einen Bogen um die Literaturgeschichte schlagen, so halten viele seinen ersten Satz für den besten: «Ilsebill salzte nach.» Drei Wörter und wir sind mitten drin. An dieser Vorgabe beisst sich die Sprachpolizei heute die Zähne aus.
Doch zurück zum Fussball. Die beiden genannten Berichte steigen mit dem Ende des Spiels ein – und sie belegen den jeweils prominentesten Platz im Sportteil. Eine weitere Gemeinsamkeit ist darin auszumachen, dass sie im Präsens verfasst sind. Damit bilden sie das pure Gegenstück zu chronologisch und protokollartig aufgebauten Berichten. So auch die «Tagesschau». Wenn sie damals über einen Erfolg von Roger Federer berichtete, dann stieg sie entweder mit Bildern des Matchballs oder der Jubelgeste ein. Erst anschliessend wurden die Schlüsselmomente des Spiels chronologisch geordnet gezeigt. In der politischen Berichterstattung hat die Chronologie glücklicherweise längst ausgedient. Bei Berichten über Gemeindeversammlungen oder aus dem Parlament müssen Journalisten gewichten. Sie entscheiden, welcher Punkt oder welches Traktandum am interessantesten ist und den prominentesten Platz verdient.
Werfen wir noch einen Blick in die «Volksstimme», die am 4. November erschien. Wie steigt sie in ihre Spielberichte ein? Der Beitrag über die Eishockey-Spielerinnen von ZS, die den prominenten Platz des FCB einnehmen, beginnt wie folgt: «Genau 250 Tage ist es her, da schlugen die ZS-Ladies den DHC Lyss im letzten Qualifikationsspiel 2024/25 und stürmten anschliessend durch die Play-offs zum Meistertitel. Nun, so weit ist es nach dem komfortablen 9:1-Sieg vom Samstag gegen das gleiche Team noch nicht.» Ein interessanter Einstieg kann also mal mit einem Griff in die Geschichte gelingen.
Der chronologische Kopfstand über die letzten Spielminuten oder über Federers fernsehtaugliche Freudentränen kann sogar noch übertroffen werden. Das beweist die «BaZ» in derselben Ausgabe mit ihrem Bericht über die Schweizer Handballer nach dem Sieg über den WM-Zweiten Kroatien. Er steigt ein mit einem anerkennenden Zitat des gegnerischen Trainers nach dem Match: «Meine Fresse. Wenn erst die Verletzten zurückkommen, seid ihr eine wirklich gute Mannschaft.»
Jürg Gohl
