«Aktuell dominiert die Aufbruchstimmung»
08.01.2026 Sport, Weitere SportartenVom Orientierungslauf zum Marathon – wie Matthias Kyburz das meistert
Matthias Kyburz hat seine OL-Karriere hinter sich gelassen und startet seit einiger Zeit im Marathon. Bei seinem Debüt qualifizierte er sich direkt für die Olympischen Spiele. Er spricht über ...
Vom Orientierungslauf zum Marathon – wie Matthias Kyburz das meistert
Matthias Kyburz hat seine OL-Karriere hinter sich gelassen und startet seit einiger Zeit im Marathon. Bei seinem Debüt qualifizierte er sich direkt für die Olympischen Spiele. Er spricht über Trainingsumstellung, Herausforderungen und die Balance zwischen Familie und Spitzensport.
Luana Güntert
Matthias Kyburz, Sie haben vor Kurzem Ihre beeindruckende Karriere als einer der erfolgreichsten OL-Läufer aller Zeiten beendet. Wie sind Sie ursprünglich zum Orientierungslauf gekommen?
Matthias Kyburz: Mit etwa zwölf Jahren durch meine Eltern und meinen mittleren Bruder. Meine Eltern betrieben den Sport gelegentlich und waren im lokalen Verein, dem OLV Fricktal, aktiv. Als mein Bruder dann immer häufiger an OL-Wettkämpfen teilnahm, habe auch ich den Zugang zu diesem Sport gefunden.
Hat es Sie als Jugendlicher gereizt, auch «typische Bubensportarten» wie oder Hockey auszuprobieren?
Ja. Ich war sogar im Fussballclub, habe mich aber mit 13 Jahren bewusst für den OL-Sport entschieden. Hockey haben wir ebenfalls oft gespielt – meist Rollhockey vor dem Haus. Ab und zu waren wir aber auch auf der Kunsteisbahn in Rheinfelden.
Gab es ein bestimmtes Rennen, bei dem Sie gemerkt haben, dass Sie im OL Profi werden könnten?
Nein, das war eher ein kontinuierlicher Prozess. Meine Karriere entwickelte sich Schritt für Schritt weiter – von der ersten Jugend-EM zur Junioren-WM und später zur Elite-WM. Ein entscheidender Moment war aber sicher mein erster Weltcup-Sieg mit 21 Jahren, in meiner ersten Elite-Saison. Da wurde mir klar, dass sehr viel möglich sein würde.
Welches Rennen Ihrer gesamten Karriere bleibt Ihnen am stärksten in Erinnerung – und weshalb?
Am eindrücklichsten bleibt für mich das Mitteldistanz-Rennen an der Heim-WM in Flims Laax 2023. Ich hatte bereits die Qualifikation am Vortag gewonnen und startete deshalb als letzter Läufer. An diesem Tag gelang mir ein nahezu perfekter Lauf, und ich konnte das Rennen klar für mich entscheiden. Weil ich als Letzter gestartet war, wusste ich beim Zieleinlauf bereits, dass es für Gold reichen würde. Die Stimmung im Ziel und das anschliessende Feiern mit den vielen Fans waren absolut einmalig.
Welcher Sieg oder welche Medaille bedeutet Ihnen am meisten?
Die WM-Goldmedaille von 2016 in Schweden hat für mich einen besonderen Stellenwert. Im «Mekka des Orientierungslaufs» zu triumphieren – und als bislang einziger Schweizer Mann dort eine Goldmedaille zu gewinnen – macht diesen Erfolg für mich aussergewöhnlich wertvoll.
Wie haben Sie sich über die Jahre als Orientierungsläufer verändert?
Körperlich konnte ich meinen «Motor» im Lauf der Jahre deutlich weiterentwickeln. Zwar brachte ich schon früh eine sehr gute Grundschnelligkeit mit, doch die nötige Tempohärte über längere Distanzen musste ich mir zuerst erarbeiten. Mental habe ich insbesondere zwischen 20 und 25 Jahren viel investiert und eng mit einer Sportpsychologin zusammengearbeitet. In dieser Zeit habe ich enorm viel gelernt und konnte später stark von meiner wachsenden Erfahrung profitieren. Dieser Erfahrungsschatz hat mir im Verlauf meiner Karriere auch strategisch sehr geholfen. Denn im OL sind schnelle Entscheidungen unter Zeitdruck nötig. Mit meiner Psychologin habe ich damals mentale und technische Aspekte analysiert, dafür Konzepte geschrieben und diese dann für die Rennen einstudiert.
Wie motivieren Sie sich an Tagen, an denen Sie überhaupt keine Lust auf Training oder aufs nasse Wetter haben?
Natürlich macht nicht jedes Training gleich viel Spass – das ist völlig normal. Man geht ja auch nicht jeden Tag mit demselben Enthusiasmus zur Arbeit. Solange ich jedoch mein Hauptziel – etwa eine WM oder ein Marathon – klar vor Augen habe, fällt es mir leicht, mich auch an weniger einladenden Tagen zu motivieren.
Sie starten seit einiger Zeit aus familiären Gründen bei Marathons. Hatten Sie diese Idee schon länger, oder entstand sie erst, als Sie und Ihre Frau ein Kind erwarteten?
Die Idee begleitet mich schon lange. Mein Sportarzt hat mich über mehr als zehn Jahre hinweg immer wieder ermutigt, einmal einen Marathon zu laufen. Er kannte meine Leistungswerte und war überzeugt, dass sie ideal für diese Distanz sind. Neu war der Gedanke also nicht. Dennoch wollte ich früher auf keinen Teil der OL-Saison verzichten, um Marathon zu laufen. Erst mit der Geburt unserer Tochter vor knapp zwei Jahren ergab sich für mich der «richtige» Zeitpunkt. Eine Rolle spielte sicher auch, dass ich 2023 mit der erfolgreichen Heim-WM – mit zweimal Gold und einmal Silber – gerade ein grosses Karriereziel erreicht hatte.
Wann und weshalb haben Sie sich entschieden, ganz auf die Karte Marathon zu setzen?
Die endgültige Entscheidung fiel im Dezember 2023. Mich reizte einerseits die neue Herausforderung, andererseits liess sich der Marathon deutlich besser mit dem Familienleben vereinbaren. Marathon kann ich praktisch in der Schweiz trainieren, aber im OL gehören viele Trainingslager im Ausland dazu.
Was ist die grösste Umstellung vom OL- zum Marathontraining?
Es sind zwei völlig unterschiedliche Sportarten. Im Orientierungslauf ist die mentale Belastung wesentlich höher – das ständige Navigieren, Entscheiden und Anpassen prägt jede Trainingseinheit. Das Zusammenspiel von Kopf und Beinen ist im OL viel wichtiger als im Marathon. Im Marathontraining verbringe ich deutlich mehr Zeit auf flachen Asphaltstrecken und sammle viel mehr Laufkilometer. Vom reinen Zeitaufwand her trainiere ich allerdings in beiden Disziplinen ungefähr gleich viel.
Hat sich Ihre Ernährung seit der Umstellung verändert?
Grundsätzlich nicht. Im Alltag ernähre ich mich wie vorher. Während des Wettkampfs gibt es allerdings einen Unterschied: Im Marathon kann ich alle 5 Kilometer meine persönliche Verpflegung zu mir nehmen, was die Leistung positiv beeinflusst.
Gibt es Elemente aus dem Orientierungslauf, die Ihnen beim Marathon konkret helfen?
Auf jeden Fall, vor allem mental. Wenn es im Marathon richtig hart wird oder etwas anders läuft als erwartet, finde ich sofort eine Lösung – genau das habe ich im OL über die Jahre trainiert.
Vor eineinhalb Jahren absolvierten Sie beim Paris-Marathon Ihr Debüt und erfüllten gleich die Olympia-Limite. Was war das für ein Gefühl?
Das war absolut unerwartet und schon etwas sehr Spezielles. Ich wusste, dass ich gut in Form war, aber dass es gleich beim ersten Anlauf geklappt hat, war für mich fantastisch.
Wie haben Sie sich seit Ihrem Debüt als Marathon-Athlet verändert?
Ich bin im November erst meinen vierten Marathon gelaufen und habe nicht das Gefühl, dass sich bisher grosse Veränderungen ergeben haben. Auch in der Trainingsgestaltung hat sich nicht viel geändert.
Wie sieht bei Matthias Kyburz ein typischer Trainingstag aus?
Normalerweise trainiere ich zweimal am Tag. Dazwischen verbringe ich Zeit mit meiner Tochter oder nehme weitere Termine wahr, zum Beispiel Physiotherapie oder Sponsorenanlässe. Mein Training plant Viktor Röthlin (siehe Kasten), aber die Einheiten absolviere ich meist alleine und gebe ihm anschliessend Feedback. Gelegentlich begleitet er mich bei langen Einheiten auf dem Velo.
Gibt es eine Zeit oder Platzierung, die Sie als Läufer erreichen wollen?
Meine Bestzeit liegt aktuell bei 2:06:48. Ob ich jemals eine 2:05er-Zeit laufen werde, bleibt abzuwarten – das wäre sicherlich der nächste grosse Schritt. In den vergangenen Marathons 2025 bin ich auf den Plätzen vier und fünf gelandet. Der Sprung aufs Podest wäre ein weiteres Ziel.
Die Popularität von Marathons und Halbmarathons scheint in den vergangenen Jahren stark gestiegen zu sein, bei Profis und Amateuren. Nehmen Sie das auch so wahr – und weshalb könnte das der Fall sein?
Ja, der Laufboom ist derzeit enorm. Fast alle Marathons sind schnell ausgebucht. Ich glaube, der Gesundheitsaspekt spielt eine grosse Rolle: Laufen ist eine sehr effiziente Sportart, man braucht kaum Material ausser Schuhen, und es lässt sich überall betreiben. Ausserdem kann man es gut in der Gruppe trainieren.
Denken Sie bereits über ein Leben nach dem Spitzensport nach?
Klar mache ich mir Gedanken, da ich mit 35 nicht mehr am Beginn meiner Karriere stehe. Auf der anderen Seite bin ich gerade erst Vollprofi geworden, und aktuell dominiert mehr die Aufbruchstimmung als der Gedanke ans Ende. Ich habe einen Masterabschluss in Biologie und sechs Jahre im Nachhaltigkeitsbereich gearbeitet. Ob ich nach meiner Karriere wieder in diese Richtung gehe oder in der Sportwelt bleibe, wird sich zeigen.
Haben Sie ein Vorbild?
Nicht mehr. Als Knabe hatte ich ein Poster von Simone Niggli im Zimmer, aber mein Vorbild damals war Matthias Merz – OL-Weltmeister. Er kommt aus der gleichen Region und wir haben mit zeitlichem Abstand im Aargauer OL-Nachwuchskader dieselbe Ausbildung genossen. Ich wollte seinem Weg folgen.
Was machen Sie, wenn Sie einen freien Tag haben?
Dann gehe ich in den Bergen mit Kollegen einen «Longjog» machen – also freiwillig trainieren – und danach geniessen wir eine Portion Pommes frites in einem Bergrestaurant. Das ist für mich Lebensqualität.
Sie haben eine Tochter. Hoffen Sie, dass sie in Ihre sportlichen Fussstapfen treten wird?
Meine Frau und ich werden ihr sicher unsere Leidenschaft für Sport und Natur mitgeben, aber sie soll tun, was ihr Freude bereitet. Ob Sport oder etwas anderes, spielt für uns eine untergeordnete Rolle.
Gibt es etwas ausserhalb des Sports, das Sie ebenso ehrgeizig angehen?
Aktuell nicht. Das ist meine ehrliche Antwort.
Durch den Sport konnten Sie schon viele verschiedene Orte besuchen.
Wo hat es Ihnen am besten gefallen?
Ich sehe es als Privileg, so viele tolle Orte kennengelernt zu haben. Besonders gefallen hat es mir in Skandinavien, aber auch Neuseeland und Australien haben magische Flecken.
Sie sind in Möhlin aufgewachsen. Was verbindet Sie mit Ihrer alten Heimat – und wie häufig sind Sie noch im Fricktal anzutreffen?
Möhlin ist für mich meine Heimat. Das Dorf verändert sich, aber wenn ich auf meinen ehemaligen Joggingrunden in der Natur unterwegs bin, dann sieht die Umgebung noch sehr ähnlich aus. Ich geniesse es sehr, von Zeit zu Zeit in der Heimat zu sein. Die Anzahl an Besuchen variiert je nach Saison.
Zur Person
lug. Matthias Kyburz wurde 1990 geboren und wuchs in Möhlin auf. Durch seine zahlreichen Erfolge im Orientierungslauf (Gesamtweltcup-Siege, Goldmedaillen an Welt- und Europameisterschaften) erlangte er nationale Bekanntheit. 2024 absolvierte er seinen ersten Marathon, bei dem er sich gleich für die Olympischen Spiele qualifizierte. Dort belegte er den 30. Rang. Trainiert wird der Fricktaler vom ehemaligen Profi-Marathonläufer und WM-Bronzemedaillengewinner von 2007, Viktor Röthlin. Vor knapp einem Jahr hat Kyburz Röthlin am Sevilla-Marathon in der ewigen Bestenliste von Schweizer Athleten überholt. Kyburz erreichte dort das Ziel in 2:06:48. Röthlins Bestmarke von 2008 in Tokio liegt bei 2:07:23. Der Schweizer Rekord vom kürzlich zurückgetretenen Tadesse Abraham (42) liegt bei 2:04:40. Geht es bei Kyburz so weiter, könnte diese Marke spannend werden.
Der Möhliner studierte bis zum Master Biologie und arbeitete bis vor Kurzem in Teilzeit im Bereich Nachhaltigkeit bei den SBB. Gemeinsam mit Ehefrau Sarina hat er eine Tochter namens Aino. Die Familie lebt in Belp.


