Adieu, Lulu!
12.05.2026 PersönlichHERZBLUT | Wir haben jüngst unser Haustier verloren. Wir haben Lulu «Adieu» gesagt. «Au revoir» wäre auch seltsam gewesen. Schliesslich haben wir die Katze gar nie getroffen, nie gesehen und kaum gekannt. Und doch haben wir ...
HERZBLUT | Wir haben jüngst unser Haustier verloren. Wir haben Lulu «Adieu» gesagt. «Au revoir» wäre auch seltsam gewesen. Schliesslich haben wir die Katze gar nie getroffen, nie gesehen und kaum gekannt. Und doch haben wir irgendwie mit ihr gelebt.
Am 2. Mai 2025 kam Lulu in unser
Leben – via SMS von einer unbekannten
Nummer an meine Frau. «Bonjour est-ce-que votre annonce pour une chatte à donner est toujours d acutualité?», stand da.
Dass es um eine Katze gehen muss, war schnell klar, auch wenn unser Französisch eher eine ungenutzte Schulbank-Sprache und die Gymizeit einige Jahre her ist. Dazu kommt, dass man sich auch im Französischen in SMS und Co. gerne von Standardsprache, Rechtschreibung und Satzzeichen zu entfernen scheint.
Die Sprache war aber das kleinere Rätsel. Was für eine Katze? So etwas haben wir nicht zu bieten. Also mal nett und bestimmt antworten. Doch es blieb nicht bei der einen Anfrage. «Je voulais savoir si votre minette Lulu est tjrs à adopter», fragte eine Claudia mit «cordiales salutations». Okay, dann geht es offenbar um eine Lulu – und «tjrs» merke ich mir als coole Abkürzung.
Als sich die Nachrichten über mehrere Monate häuften, verbesserte sich nicht nur das Französisch-Niveau meiner Frau, sondern wurde auch der «Fall Lulu» langsam klarer. Da muss es ein Online-Inserat für eine Katze geben, die abgegeben werden will. Und in diesem Inserat muss die falsche Handynummer angegeben sein.
Das hatte nicht nur positive Auswirkungen. Abgesehen davon, dass die schiere Anzahl Nachrichten zu stören begann, musste sich meine Frau plötzlich verteidigen: «Vous n‘avez honte de rien», hiess es einmal Ob sich meine Frau denn für nichts schämen würde. Die international verständliche Kurzantwort «?» beförderte zutage, dass diese Person es offensichtlich für nicht akzeptabel hält, wenn sich jemand via Inserat einer Katze entledigt.
Spätestens jetzt wollten wir nicht mehr länger zusehen. Es war also nicht nur Zeit für «DeepL» und Langenscheidt, sondern für Sherlock Holmes und Doctor Watson. Wo ist diese Lulu? Warum will sie niemand?
Die Euphorie war gross, als wir das Inserat endlich fanden. Lulu ist natürlich ein ganz herziges Büsi, schwarz mit wenig Weiss, 8 Jahre alt. Kein Wunder gab es so viele Anfragen – inklusive «petite ferme accès a l‘extérieur sécuriser et beaucoup de place a l‘intérieur. Salutations Michel»! Das Inserat wurde im Januar 2026 sogar neu – immer noch mit der falschen Handynummer – online gestellt. Die Euphorie wurde durch den Inseratedienst arg gedämpft, da unsere Nummer der einzige Kontakt war. Nur wer ein Login erstellt, kann auch anderweitig mit der anbietenden Person Kontakt aufnehmen. Auch das half nichts. Wir mussten die Plattform selber anschreiben und über dieses falsche Inserat aufklären.
Nun ist Lulu von der Plattform und aus unserem Leben verschwunden. Still und heimlich, wie sie gekommen war und «bei uns» gelebt hatte. Adieu, Lulu! Tu resteras dans nos pensées – tjrs.
Sebastian Wirz, Sportredaktor «Volksstimme»

