HERZBLUT
20.10.2026 PersönlichWer führt hier wen spazieren?
Mein Mitbewohner und ich gehen mit seinem braunen Labrador Buddy regelmässig spazieren. Zumindest nennen wir es so. Tatsächlich bestimmt der Hund oft selber, wo es langgeht: Hier wird geschnüffelt, dort stehen geblieben. ...
Wer führt hier wen spazieren?
Mein Mitbewohner und ich gehen mit seinem braunen Labrador Buddy regelmässig spazieren. Zumindest nennen wir es so. Tatsächlich bestimmt der Hund oft selber, wo es langgeht: Hier wird geschnüffelt, dort stehen geblieben. Wir warten geduldig und haben so genügend Zeit, uns zu unterhalten.
Neulich beschäftigt uns auf dem Bruderholz eine Frage: Warum heisst das Bruderholz eigentlich Bruderholz? Und weshalb gibt es kein Schwesterholz? Wir stellen Vermutungen an. Gehörte der Wald früher zwei Brüdern? Lebten dort Mönche? Mit den Mönchen liegen wir gar nicht so falsch: Der Name geht auf Waldbrüder zurück, Einsiedler, die einst in den Wäldern des Bruderholzes lebten.
Während wir noch über die frommen Männer im Wald sinnieren, schnüffelt Buddy weiter und nimmt plötzlich einen Satz, als ein Velofahrer vorbeiradelt. Der Arme gerät vor Schreck ins Schwanken und holpert kurz über das angrenzende Feld, bevor er wieder auf den Weg findet. Ich stammle eine Entschuldigung, die mir im religiösen Kontext später wie eine Beichte vorkommt, und wir nehmen Buddy an die kurze Leine.
Beim Weiterlaufen findet das Gespräch seinen Faden wieder, und der bleibt religiös: Mein Mitbewohner bringt den nahe gelegenen Predigerhof ins Spiel, einen ehemaligen Bauernhof mit Restaurant, umgeben von Feldern. Seinen Namen verdankt er dem benachbarten Predigerholz. Dieses Waldgebiet gehörte einst dem Basler Predigerkloster. Beim Wort Kloster fühle ich mich an einen Freifachkurs am Gymnasium erinnert und packe mein Wissen über Franziskus von Assisi aus. Die Franziskaner, auch Barfüsser genannt, hatten einst ein Kloster beim heutigen Barfüsserplatz. Daher also der Name.
Dass Franziskus laut einem Artikel im Internet ein Freund der Vögel gewesen sein soll, ist mir noch im Kopf, als Buddy in einem unbeobachteten Moment Reissaus nimmt. Ob die Geschichte stimmt, weiss ich nicht. Buddy jedenfalls interessiert sie wenig: Quer über das Feld donnert er ein paar Krähen hinterher. Wir folgen ihm keuchend, während mein wiederholtes «Buddy, fuss!» und ein «Dieser blöde Hund!» im Wind verloren gehen.
An meinen Schuhen kleben inzwischen dicke Erdklumpen, wie ich verärgert feststelle. Die Franziskaner hätten mit ihrem einfachen Schuhwerk vermutlich mitgelitten. Fröhlich hechelnd steht Buddy schliesslich wieder bei uns und lässt sich anleinen.
Von einem gemütlichen Spaziergang kann keine Rede mehr sein. Auf dem Rückweg Richtung St. Alban fällt uns auf: Wir wissen erstaunlich wenig über die Geschichte der Stadt, in der wir leben. Eine Stadtführung durch Basel steht darum schon länger auf unserer Liste. Nach diesem Spaziergang wollen wir sie endlich buchen. Vielleicht lernen wir dort etwas über unsere Umgebung, ohne zwischendurch Velofahrer zu erschrecken oder Krähen hinterherzurennen.
Buddy lassen wir besser zu Hause. Der braucht keine Stadtführung. Er weiss schliesslich längst, wo es langgeht.
Melanie Frei, Redaktorin «Volksstimme»

