MEINE WELT
11.09.2026 PersönlichVom säiche, schiffe und struuble
Ende August zog ein kräftiges Unwetter über Olten und weite Teile der Schweiz. Es brachte Sturmböen, zwetschgengrosse Hagelkörner, Starkregen und Zehntausende Blitze. In den Tagen danach gab es kaum ein anderes ...
Vom säiche, schiffe und struuble
Ende August zog ein kräftiges Unwetter über Olten und weite Teile der Schweiz. Es brachte Sturmböen, zwetschgengrosse Hagelkörner, Starkregen und Zehntausende Blitze. In den Tagen danach gab es kaum ein anderes Gesprächsthema. Auf dem Wochenmarkt, beim Warten vor dem Postschalter oder im WhatsApp-Chat mit Freundinnen: Eher früher als später berichtete jemand, wie er oder sie das Unwetter erlebt hatte. Und natürlich ging es um die Schäden, die Hagel und Sturm hinterlassen hatten: zerbeulte Autos, zerborstene Fensterscheiben, abgeplatzter Fassadenputz.
Dabei fiel mir einmal mehr auf, wie mühelos und ausführlich wir Menschen über das Wetter sprechen. Man muss sich weder kennen noch dieselben Interessen teilen, um sich darüber auszutauschen. Und anders als bei Politik, Fussball oder der Frage, ob man Ananas auf die Pizza legen darf, ist die Gefahr gering, sich deswegen ernsthaft in die Haare zu geraten. Ich hörte meinen Mitmenschen also eine Weile zu, und da ich sowieso einen neuen Mundarttext für die Bühne brauchte, war das Thema schnell gefunden: Unwetter.
Ich zog also das Baselbieter Wörterbuch von Hans Peter Muster und Beatrice Bürkli Flaig aus dem Regal und blätterte mich durchs Alphabet – auf der Suche nach Wörtern, die in unserem Dialekt «Regen» oder «Niederschlag» bedeuten. Danach versuchte ich, meine Fundstücke nach Niederschlagsstärke zu ordnen. Für feinen Regen fand ich: dröpfele, beiele, dääsele, döiele (noch nie gehört), fiiserle, niesle, riisle (eine Mischung aus feinem Regen und Schnee) und sprützerle (wer sagt denn sowas?). Finden Sie nicht auch, dass man diesen Wörtern anhört, wie wenig Wasser da vom Himmel kommt? Wenn es «fiiserlet» oder «dääselet», kann es gar nicht in Strömen giessen. Dafür klingen sie viel zu zart.
Jetzt aber steigt die Niederschlagsmenge. Nehmen Sie doch einen Stift zur Hand und streichen Sie die Verben an, die Sie a) kennen und b) auch tatsächlich verwenden. Bereit? Na dann, Wasser marsch: aabebletsche, aabebräägle, aabebrätsche, aabegee, aabehuudle, aabemache, aabeleere, aabeloo, Bindfääde räägne, Chatze haagle, chüüble, due (wie in: «Nid zum Glaube, wie das dusse duet!»), giesse, göitsche, güüdere, güllere, pisse, räägne, säiche, schiffe, schütte, strähze, struuble, wüescht due. Und wenn das noch immer nicht reicht, um sintflutartige Niederschläge zu beschreiben, wird nach Belieben verstärkt mit: «wie us Chüüble», «wie us Channe», «in Strööme» oder «wie Sau».
Und weil zum Regen meist noch eine gehörige Portion Wind kommt, chrüüslets, chuttets, chäibets und huurlets. Es stüürmt und syyrachet. Und dann wäre da auch noch der Hagel. Sie sehen: Über das Wetter könnte ich noch lange reden. An Wörtern jedenfalls würde es mir nicht fehlen. Und Ihnen? Welche Wüstwetter-Ausdrücke fehlen auf meiner Liste?
Die Schriftstellerin Rebekka Salm wurde 1979 geboren und ist in Bubendorf aufgewachsen. Sie ist Mutter einer Tochter und wohnt seit 2014 in Olten.

