Nomen est omen
02.07.2026 Natur, BaselbietAndres Klein
Die Römer sagten es bereits: «Der Name ist das Vorzeichen.» So haben Rotbrüstchen rote Federn an der Brust und die Mitglieder der Familie Klein sind, mit Ausnahmen, klein. Diese römische Weisheit kann uns auch beim Bestimmen von ...
Andres Klein
Die Römer sagten es bereits: «Der Name ist das Vorzeichen.» So haben Rotbrüstchen rote Federn an der Brust und die Mitglieder der Familie Klein sind, mit Ausnahmen, klein. Diese römische Weisheit kann uns auch beim Bestimmen von Pflanzen helfen. So sticht die Stechpalme, und die Sauerbeeren sind so sauer, dass sie auch Essigkrüglein heissen.
Machen wir doch einen kleinen Wettbewerb. Diese Pflanze hat mehr als 200 Mundartnamen in der Schweiz. Die Blätter werden «Weiefäcke» genannt, was Flügel eines «Weis» (Greifvogel) bedeutet. Die Blätter sind also gezackt. Die «Moorewuurzle» weist darauf hin, dass die Wurzel so gross und schmackhaft war, dass man sie den trächtigen Muttersauen (Mooren) zum Fressen gab. Die Menschen geniessen die Blätter der Pflanze auch, darum essen sie Franzosensalat. Wenn man zu viele isst, begreift man, warum ein Name «Furze» oder «Furzere» lautet. Auf eine weitere Folge des Zuvielessens deutet der Name «Säich-Chrutt». Weil die Blüte so stark leuchtet, sind ein Mundartname «Liechtli» und ein anderer «Sunnewiirpel». Die Helligkeit der Sonne und das leichte Drehen des Blütenstands im Lauf des Tages stecken in diesem Namen.
Dass diese Pflanze nicht so beliebt ist wie die Rose oder der Enzian, zeigen die häufigsten Mundartnamen: «Söi-», «Sou-» oder «Saublume» und auch «Saustock» oder «Schwyyblueme». Das Wort Schwein ist meist abwertend gemeint, im Gegensatz zu «Mohre».
«Milchstock», «Milch-Chrutt», «Milchlig» und «Milchblueme» haben nicht nur damit zu tun, dass die Kühe nach dem Fressen der gemähten oder getrockneten Pflanzen Milch geben, sondern auch damit, dass im Stängel eine klebrige Flüssigkeit fliesst. Darum heisst die Pflanze auch «Milchstängel». Das Wort «Guudere» bedeutet, dass man sich mit dem Saft verschmutzt. Vermutlich erinnern Sie sich, dass Sie als Kind nach dem Spielen mit dieser Pflanze braune, klebrige Flecken auf der Hand oder am Arm hatten. Und wenn Sie es nicht bemerkt hatten, dann sicher Ihre Mutter, welche die Flecken auf dem weissen Leibchen entdeckte. Wegen des Spielens heisst die Pflanze auch «Chettenestuude» oder «Chetteleblueme», aber auch «Pfafferöörli», da wir ja mit den hohlen Stängeln lange Wasserröhren bauten. Was der Pfarrer damit zu tun hatte, weiss man nicht sicher. Der ehemalige Blütenstand mit den letzten Samen am Rand weckt die Fantasie, das könnte eine Tonsur sein. Der schöne Name «Chrottebösche» weist darauf hin, dass der Pflanzenbüschel so gross ist, dass sich eine Kröte darunter verstecken kann. «Lüschrutt» und «Lüsblueme» weisen darauf hin, dass die Pflanze von Läusen besucht wird.
So langsam sollte das Lösungswort klar sein, es ist der Löwenzahn. Dieser Name steht in den einschlägigen Bestimmungsbüchern und moderne Menschen, die dem Hochdeutschen nahestehen, nennen ihn auch so. Da nicht einmal ein Prozent der Personen, die Löwenzahn sagen, je einen Löwenzahn von nahem gesehen haben, ist dieser Name absolut unpassend. Da sind die vielen Mundartnamen um einiges besser. Die cleveren Appenzeller haben das bemerkt und sagen «Hondszää», denn sie haben sicher viele Hundszähne gesehen oder gar gespürt!
Andres Klein ist Botaniker. Er lebt in Gelterkinden.

