Der Letzte seiner Art
26.06.2026 Bezirk LiestalEdi Niederberger ist leidenschaftlicher Drehorgelbauer
Beim Bau seiner Drehorgeln und insbesondere der zugehörigen Walzen braucht Edi Niederberger unendliche Geduld – und höchste Präzision. Mit sehr viel Freude arrangiert er auch die Musikstücke für seine ...
Edi Niederberger ist leidenschaftlicher Drehorgelbauer
Beim Bau seiner Drehorgeln und insbesondere der zugehörigen Walzen braucht Edi Niederberger unendliche Geduld – und höchste Präzision. Mit sehr viel Freude arrangiert er auch die Musikstücke für seine Apparate.
Brigitte Keller
Viele Drehorgelbauer hüten wichtige Details bei ihrem Vorgehen als Geschäftsgeheimnis. Diese Erfahrung musste auch Edi Niederberger (79) im Lauf der vergangenen bald 40 Jahre machen, in denen er sich der Restaurierung und dem Bau von Drehorgeln widmet. Er mache genau das Gegenteil, schreibt er in der Einleitung zu einem Fachartikel in der Märzausgabe des Journals der «Schweizer Freunde Mechanische Musik SFMM», «in der Hoffnung, dass jemand meine Erfahrungen nutzen kann oder mit mir in Diskussion kommt, weshalb ich etwas so und nicht anders mache.» Edi Niederberger ist der letzte Hersteller von Drehorgel-Walzen in der Schweiz.
Im Artikel folgt eine detaillierte Beschreibung des Nachbaus einer 21-Tonstufen-Walzenorgel aus dem Hause Holl, in deren Besitz Niederberger seit längerer Zeit ist. «Sie ist qualitativ etwas vom Besten, was es unter den kleinen Orgeln gibt: ein herrlich markanter Klang und eine Walze des Spitzenwalzenbauers Geweke.» Der Zufall wollte es, dass er vor ein paar Jahren im Keller eines Händlers für Mechanische Musik einige Orgelgehäuse und dazu passende Blasebälge und Kurbelachsen entdeckte.
Eines der «Sets» kaufte er. Obwohl das Gehäuse etwas kleiner war als jenes der «Holl», sollte es doch möglich sein, fand Niederberger, Pfeifen mit den gleichen Massen im kleineren Gehäuse unterzubringen. Sein Ehrgeiz war geweckt.
Die Liebe zur Orgelmusik entdeckte Edi Niederberger schon als Jugendlicher. Bereits während seines Studiums betätigte er sich als Kirchenorganist. Beruflich ging es für ihn als Lehrer für Griechisch und Latein am Liestaler Gymnasium weiter. Aber auch die Freude am Orgelspiel begleitete ihn stetig – und dann, vor rund 40 Jahren, kam die Leidenschaft für deren «kleine Schwester», die Drehorgel, dazu.
Verborgene Mechanik
Kaum jemand, bei dem die Klänge einer Drehorgel nicht nostalgische Gefühle und Kindheitserinnerungen an den Besuch von Märkten, Chilbis oder der Basler Herbstmesse auslösen. Wenige Töne schon beim Vorbeilaufen genügen bereits. Viele bleiben auch gerne stehen und manche treten ganz nah an die Instrumente heran, um vielleicht einen Blick in die verborgene Mechanik darin werfen zu können.
In den vergangenen 40 Jahren hat Edi Niederberger mehr als 30 Drehorgeln restauriert und deren 7 neu gebaut. Gerade ist er daran, nochmals zwei exakte Kopien seines Nachbaus und damit der kleinsten 21er-Walzenorgel der Welt fertigzustellen. Ein anderer Drehorgel-Liebhaber hatte ihm ans Herz gelegt, unbedingt noch mehr davon zu bauen, als er das neu gebaute Instrument zum ersten Mal sah respektive hörte.
Woraus eine Drehorgel besteht und was es dazu braucht, «nur» schon die Walze zu bauen, ist überaus beeindruckend. Eine Ahnung davon bekommt, wer sich den erwähnten Artikel von Niederberger im Journal der «SFMM» zu Gemüte führt oder das Glück hat, im Keller seines Hauses einen Blick in die Werkstatt werfen zu dürfen.
Kampf um Millimeter
Das kleinere Gehäuse beim Nachbau der «Holl-Drehorgel» erforderte viel Einfallsreichtum und handwerkliches Geschick des Tüftlers. «Ich kämpfte um jeden Millimeter», erzählt er, um Platz zu finden für die Pfeifen in Originalgrösse und Qualität der Töne. Millimetergenaue Vorbereitung ist auch beim Zeichnen der Musikstücke auf der Walze gefragt. Bevor der Drehorgelbauer damit beginnen kann, muss er passende Musikstücke auswählen und die Abfolge der Töne arrangieren.
Die erste Frage bei der Wahl eines Stücks lautet jeweils, ob dieses mit den aus Platzgründen sehr beschränkten Zahl der Töne gespielt werden kann. «Wenn das Stück Halbtöne benötigt, die in der Orgel fehlen, lasse ich die Finger davon», erläutert der 79-Jährige. Auch die Länge des Stücks ist durch die Walzengrösse respektive deren Umfang vorgegeben: Nach einer Umdrehung muss das Stück zu Ende sein, was bei den hier beschriebenen Drehorgeln nach 40 Sekunden der Fall ist.
Um keinen Millimeter, also Nulltoleranz, darf sich das Holz, das Niederberger beim Bau der Walzen verwendet, verziehen. Würde das passieren, wäre «alles für die Katz’». Er verwendet Pappelholz, das mindestens 20 Jahre gelagert wurde. Die Stifte, die dann beim Drehen der Walze die Stecher betätigen, welche die Ventile öffnen und damit die Töne erzeugen, steckt Edi Niederberger von Hand in die Walze. Dieser Vorgang heisst «Bestiften». Das verwendete Pappelholz sei fast so weich wie Lindenholz, aber viel engporiger, was wichtig ist, damit die Stifte über Jahrzehnte fest verankert bleiben.
Darf’s ein bisschen mehr sein?
Jede der drei nachgebauten Drehorgeln erhält drei Walzen. Jede dieser Walzen stattet Niederberger mit sechs Musikstücken aus, wofür pro Walze rund 4000 Stifte benötigt werden. Für die total neun Walzen werden also alles in allem 36 000 Stifte benötigt, alle mit einer 100-jährigen Maschine selbst gefertigt. Da der bekannte Drehorgelbauer auch immer wieder angerufen wird, wenn die Behebung eines Defekts an einer Drehorgel dringend notwendig ist, wird es Ende dieses Jahres werden, bis die Nachbauten fertiggestellt sind.
«Es ist mühsam, mehrere gleiche Orgeln zu bauen, denn einiges muss vielfach gemacht werden, es braucht Durchhaltevermögen», zieht Niederberger am Ende seines Fachartikels Fazit. Das Arrangieren sei unter den genannten Randbedingungen eine echt schwierige Aufgabe gewesen, die ihn aber sehr gereizt habe und auf das gelungene Werk dürfe er doch recht stolz sein. «Ich freue mich jetzt auf neue Herausforderungen und Arbeiten in meiner Werkstatt.»
Aktuell freut sich der leidenschaftliche Drehorgelspieler auf einen ganz besonderen Anlass: Beim Eidgenössischen Jodlerfest sind er und seine Kolleginnen und Kollegen von den Basler Drehorgelfreunden und aus der übrigen Schweiz mit von der Partie am Umzug vom Sonntag. «Darauf freue ich mich ‹schampar›!» Dorthin geht er mit seiner «Berliner Drehorgel», die er seit noch nicht so langer Zeit sein Eigen nennt.
Bei der antiken Drehorgel des «Berliner-Typs» muss nur noch der Plüschaffe montiert werden. Diesen hat der geschickte Handwerker, wie könnte es anders sein, vor Jahren ebenfalls selber mit diverser Mechanik ausgestattet. Echte dressierte Affen wurden früher von Drehorgelspielern mitgeführt, damit sie das Kleingeld einsammelten. Niederbergers Plüschaffe namens «Flotschli» bewegt sich mittels eines versteckten Gestänges, erfreut die Zuschauenden mit Winken und dem Rausstrecken der Zunge, was natürlich besonders bei den Kleinen immer grossen Anklang findet.
Die sogenannten «Berliner Drehorgeln» sind lauter als andere, da sie zu ihrer Entstehungszeit von den Spielern dafür eingesetzt wurden, auch noch in den Obergeschossen der Wohnbauten gehört zu werden, damit möglichst viel Trinkgeld runtergeworfen wurde. «Die ‹brätschen› also schon!» Sagt’s und gibt gleich eine Kostprobe im Wohnzimmer.


