HERZBLUT
29.05.2026 PersönlichGewichtiges
Im vergangenen Winter habe ich in Portugal eine Waage gekauft. Im Sonderangebot für 9.99 Euro. Bis dahin hatte ich mich auf meinen Spiegel und meine Jeans verlassen, wenn es darum ging, ob ich zu- oder abgenommen hatte. Leider hat beides versagt. Mein ...
Gewichtiges
Im vergangenen Winter habe ich in Portugal eine Waage gekauft. Im Sonderangebot für 9.99 Euro. Bis dahin hatte ich mich auf meinen Spiegel und meine Jeans verlassen, wenn es darum ging, ob ich zu- oder abgenommen hatte. Leider hat beides versagt. Mein Spiegel, weil er so klein ist, dass ich mich immer nur in Teilsequenzen betrachten kann. Und meine Jeans, weil sich der Anteil Stretch im Jeansstoff scheinbar unendlich dehnt, ohne unangenehm zu zwicken.
Anfangs hatte ich noch die Illusion, dass sich das Gewicht beim Campen von alleine hält. Man bewegt sich doch viel mehr. Man macht Sightseeing. Man wandert. Man geht schwimmen im Meer. Man hockt sich aufs Velo und radelt stundenlang. Fehlanzeige! Bei zwei Monaten Sturm und Regen macht man nichts davon. Dafür geht man zum Feierabendbier mit Freunden. Geht gemeinsam essen. Feiert gemeinsam Geburtstage, Namenstage, Gedenktage und andere Tage, die sich anbieten, wenn man gerne feiert.
Also muss die gute, alte Selbstdisziplin hervorgekramt werden. Die liegt bei mir ziemlich weit unten in einer Schublade. Zwei Tage ohne Schokolade, drei Tage ohne ein Glas Wein, eine ganze Woche ohne ein einziges Croissant und ich falle in eine Art Kohlenhydratdepression. Die Welt sieht grau und die Zukunft dunkel aus. Das kann dann ja wohl nicht Sinn und Zweck des Lebens sein. Also reingebissen in das von Butter triefende Gebäck. Es muss andere Wege geben, um dem Hüftgold beizukommen.
Zum Beispiel mit Fitnessübungen. Was eignet sich für den spärlichen Raum, den man im Wohnmobil zur Verfügung hat? Viel ist es nicht, kann ich nach schmerzhaftem Kontakt mit diversen Schränkchen und Holzkanten sagen. Ganz abgesehen davon, dass das ganze Wohnmobil wackelt, das Geschirr klappert und sich wahrscheinlich etliche Schrauben lockern, wenn ich die Beine schwinge.
Meine Bewunderung gilt all jenen Mitcampern, die sich morgens um acht in ihre hautenge Lycra zwängen, die Fahrräder satteln und dann den ganzen Tag nicht mehr auf dem Platz zu sehen sind. Sie sind meist gertenschlank und dezent muskulös. Allerdings sehe ich diese Menschen auch eher selten in geselliger Runde zur Happy Hour. Und wenn sie zum Abendessen erscheinen, knabbern sie an irgendwelchem Grünzeug herum, ich glaube, es heisst Salat. Das scheint mir doch ein relativ hoher Preis für eine schlanke Figur zu sein.
Trotzdem steht da nun diese neue Waage für 9.99 Euro in meinem Camper und blickt mich herausfordernd an. Als ich ihr das erste Mal mein Gewicht anvertraute, wäre ich fast rückwärtsgefallen. Nicht, weil es einige Kilos mehr als erwartet waren. Sondern weil eine sehr laute Stimme mir das auch noch entgegenbrüllte, auf Portugiesisch. Hastig habe ich nach einem Schalter zum Abschalten dieser Funktion gesucht. Gibt es nicht. Dafür die Möglichkeit, mich auf Spanisch oder Polnisch anbrüllen zu lassen. Ich habe mich für Polnisch entschieden. Das verstehen meine Nachbarn links und rechts nicht. Ich will ja nicht, dass die mit Diätvorschlägen angerannt kommen.
Yvonne Zollinger ist ehemalige «Volksstimme»- Redaktorin und lebt in ihrem Wohnmobil.


