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27.03.2026 PersönlichTrockene Zeiten
Kaum eine Woche vergeht, in der nicht irgendwo ein neuer Artikel erscheint über den Trend hin zu alkoholfreien Getränken, die gesundheitlichen Konsequenzen von Alkohol und insbesondere den abnehmenden Weinkonsum. Tatsächlich hat der Alkoholund ...
Trockene Zeiten
Kaum eine Woche vergeht, in der nicht irgendwo ein neuer Artikel erscheint über den Trend hin zu alkoholfreien Getränken, die gesundheitlichen Konsequenzen von Alkohol und insbesondere den abnehmenden Weinkonsum. Tatsächlich hat der Alkoholund insbesondere der Weinkonsum in der Schweiz in den letzten Jahrzehnten deutlich abgenommen. Infolge des Abbaus von Importbeschränkungen ist der Konsum von Schweizer Wein gegenüber Importwein seit 1990 von 50 auf 35 Prozent gesunken. Gerade bei uns in der Deutschschweiz ist der Weinkonsum aber weniger stark eingebrochen als im Rest der Schweiz, und der Marktanteil schweizerischer Weine stieg hier zuletzt sogar. Der Anteil an alkoholfreiem Wein am gesamten Weinkonsum in der Schweiz wird derzeit auf ca. ein Prozent des Umsatzes geschätzt.
Exzess schadet, zweifellos. Beim Zucker, beim Medienkonsum, bei der Einnahme von Medikamenten, beim Alkohol. Und jeder, der ein abstinentes Leben wählt, soll das in Freiheit und Frieden tun können. Umgekehrt stört mich das gegenwärtig verbreitete Wackeln mit dem Zeigefinger dann doch. Denn glaubt man der gegenwärtigen Berichterstattung, so ist schon der Griff zum Korkenzieher eine moralische Niederlage. Jüngst hat das Bundesamt für Gesundheit noch einen obendrauf gesetzt mit seiner neuen Null-Alkohol-Empfehlung.
Das ist jammerschade. Nicht nur, weil ich Weinproduzentin bin, sondern weil es ein Spiegel unserer gesellschaftlichen Entwicklung ist. Wein ist kein industrielles Rauschmittel, sondern ein Jahrtausende altes Kulturgut. Die Römer haben ihn genossen, die Mönche im Burgund zelebrierten ihn als Teil der Schöpfung, nicht als Flucht vor ihr. Auch medizinisch gesehen ist das Urteil über Wein nicht so eindeutig, wie manche Schlagzeilen suggerieren. Moderate Mengen Wein können durchaus Teil eines gesunden Lebensstils sein. Länder wie Frankreich, Italien und Griechenland weisen hohen Weinkonsum auf und gehören gleichzeitig zu den Nationen mit hoher Lebenserwartung. Zahlreiche Studien sprechen dafür, dass mässiger Weinkonsum, eingebettet in eine ausgewogene Ernährung, positive Effekte auf das Herz-Kreislauf-System und aufs Wohlbefinden haben kann. Entscheidend ist das «Wie» und «Wann», nicht das blosse «Ob». Mass halten ist auch hier die eigentliche Kunst.
Vielleicht ist das ja die grössere Wahrheit hinter dem Weinglas: Es zeigt, wie schwer uns das Mass geworden ist, moralisch, medial, und manchmal auch beim Nachschenken. Wir leben in einer Zeit, die alles reglementieren, aber nichts mehr zelebrieren will. In einer Gesellschaft, die Genuss mit Schwäche verwechselt und asketische Strenge mit Tugend. Wir tracken Schritte, zählen Makros, vergleichen Herzfrequenzen – und fragen uns, warum das fad schmeckt. Wein ist die Antithese dazu: Er verlangt nach Zuwendung, einem gedeckten Tisch, guter Gesellschaft. Er zwingt uns zum Sitzenbleiben, zum Zuhören, zum Geniessen … Was für gute Aussichten für heute Abend, wenn die Kinder schlafen: ein gutes Glas Wein. Sitzenbleiben und geniessen. Prost.
Laura Grazioli, geboren 1985, ist Landwirtin und ehemalige Landrätin. Sie lebt mit ihrer Familie in Sissach.

