CARTE BLANCHE
30.01.2024 PolitikAuch eigene Ansichten kritisch hinterfragen
Simon Tschendlik, Landrat Grüne, Bubendorf
Bei den letzten Wahlen mussten die Grünen sowie die Grünliberalen Rückschläge in Form von Sitzverlusten hinnehmen. In Deutschland ...
Auch eigene Ansichten kritisch hinterfragen
Simon Tschendlik, Landrat Grüne, Bubendorf
Bei den letzten Wahlen mussten die Grünen sowie die Grünliberalen Rückschläge in Form von Sitzverlusten hinnehmen. In Deutschland ergeht es den Umweltparteien ähnlich, während die teilweise als rechtsextrem eingestufte AfD an Stärke gewinnt. Grossbritanniens konservativer Premier Sunak hat sich von früheren ambitionierten Klimazielen distanziert. In den Niederlanden beabsichtigt der rechtspopulistische Wahlsieger Geert Wilders, das Klimagesetz «in den Schredder» zu werfen. Ferner wählte Argentinien einen selbst ernannten Anarchokapitalisten mit schwingender Kettensäge zum Präsidenten, der den Klimawandel als Mythos abtut.
Die Klimabewegung selbst erlebt eine Fragmentierung und neigt teilweise zu einer Radikalisierung, die kaum Anschluss findet. Es könnte sein, dass in der Rückschau 2023 als das Jahr betrachtet wird, in dem die grüne Begeisterung ihren Zenit überschritt.
Politik ist meistens auch ein Streit um Aufmerksamkeit, die derzeit von Kriegen, Energiekosten und geopolitischen Unruhen absorbiert wird. Antiökologische Politik gewinnt an Boden, teils wegen der Moralisierung und Symbolpolitik in Klimadebatten, die von wesentlichen Themen wie dem Umbau der Infrastruktur ablenken. Die extreme Rechte nutzt dies aus, indem sie Klimaschützer dämonisiert. Sie präsentiert keine Lösungen, sondern verbreitet teilweise Unwahrheiten und Stigmatisierungen.
Auch in der Schweiz haben diese Taktiken zunehmend Einfluss, wie die Rhetorik etablierter Politiker zeigt, die vor vermeintlichen Bedrohungen durch grüne Politik warnen. Obwohl die Mehrheit der Menschen den Klimawandel als ernstes Problem anerkennt, scheint der «ökologische Kulturkampf» – also die politische und gesellschaftliche Auseinandersetzung mit Umweltthemen, die oft von Symbolpolitik und ideologischen Differenzen geprägt ist – überraschenderweise an Boden zu gewinnen.
Dies zeigt, dass die Grüne Bewegung Chancen und Potenziale eines Umdenkens nicht effektiv aufzeigt und Ängste sowie finanzielle Lasten unterschätzt. Es ist entscheidend, dass wir einen reflektierten und konstruktiven Dialog führen. Anstatt zu belehren, müssen wir aufzeigen, dass wir zuhören und in Diskussionen verstehen wollen, warum Menschen sich gegen Klimaschutz wehren. Überzeugen gelingt nicht allein durch das eigene Wort, sondern durch das aufmerksame Zuhören. Dies impliziert weder Anbiederung noch Untertänigkeit. Vielmehr geht es darum, in Gesprächen, Debatten und auch Auseinandersetzungen zu verstehen, warum jemand seine Meinung vertritt, warum jemand eine bestimmte Wahl trifft oder sich dem Klimaschutz entgegenstellt, selbst wenn er die Risiken der globalen Erwärmung anerkennt und vielleicht sogar fürchtet.
Ein politisches Umdenken erfordert Empathie, Geduld und den Willen, eigene Ansichten kritisch zu hinterfragen. Wie sagte der Philosoph Epiktet: «Die Natur hat dem Menschen eine Zunge, aber zwei Ohren gegeben, damit er doppelt so viel zuhört, wie er spricht.» Nur durch echten Austausch und Respekt vor unterschiedlichen Meinungen kann die ökologische Bewegung den Diskurs um Klimaschutz wieder in die richtige Richtung lenken.
In der «Carte blanche» äussern sich Oberbaselbieter National- und Landratsmitglieder sowie Vertreterinnen und Vertreter der Gemeindebehörden zu einem selbst gewählten Thema.