«Mein persönlicher Triumphlauf»
26.10.2023 Bezirk Sissach, Maisprach, SportMarathonmann Raphael Marchon hat die Leukämie besiegt
Vor einem Jahr liess die Diagnose Leukämie den begeisterten Marathonläufer Raphael Marchon in ein emotionales Tal stürzen. Mit dem Tod vor Augen kämpfte er sich mit unbändigem Willen und einer fremden Blutzellenspende zurück ins ...
Marathonmann Raphael Marchon hat die Leukämie besiegt
Vor einem Jahr liess die Diagnose Leukämie den begeisterten Marathonläufer Raphael Marchon in ein emotionales Tal stürzen. Mit dem Tod vor Augen kämpfte er sich mit unbändigem Willen und einer fremden Blutzellenspende zurück ins «normale» Leben. Sein grosses Ziel ist die Teilnahme am Swiss City Marathon.
Sander van Riemsdijk
«Wenn du laufen willst, dann lauf eine Meile. Willst du aber ein neues Leben, dann lauf Marathon.» Passender hätte das Zitat der tschechischen Läuferlegende Emil Zatopek für die Lebensgeschichte des passionierten Marathonläufers Raphael Marchon aus Maisprach nicht sein können. Er ist vom Laufsport und insbesondere vom Lauf über rund 42 Kilometer fasziniert. «In dieser Sportart muss man immer wieder über sich hinauswachsen. Es braucht Geduld und viel Disziplin.» Für Marchon ist der Marathon nicht nur ein Rennen, bei dem er seine Grenzen austesten kann. «Der Marathonlauf hat für mich auch etwas Mystisches. Es ist schlicht etwas Grossartiges, und wenn man die Strecke geschafft hat, belohnt man sich damit selber.» Dann bekommt sein Leben eine abrupte Wende.
Der 49-Jährige sitzt am Tisch in der schmucken Stube seines Einfamilienhauses in Maisprach mit Sicht auf den Garten. Marchon sagt, er wolle davon erzählen. Weil es wichtig sei, dass seine Geschichte gehört wird. «Damit will ich etwas zurückgeben und Menschen Mut machen, die das Gleiche wie ich durchleben müssen.» Mehr als eine Stunde wird er von Leukämie als einer oft tödlich endenden Krankheit und seinem unbändigen Willen, diese zu besiegen, erzählen. «Ich konnte meine Familie mit meinem Sterben doch nicht im Stich lassen», sagt der zweifache Vater. Im Gespräch hat es durchaus Platz für Emotionen, Marchon jedoch bleibt gefasst, auch wenn es ihm sichtlich schwerfällt.
Niederschmetternde Diagnose
Am 31. Oktober 2021 nimmt Marchon schon zum wiederholten Mal am Swiss City Marathon in Luzern teil. «Damals war meine Welt noch in Ordnung», sagt er rückblickend. «Ich war gesund und konnte in einer guten Zeit zusammen mit Freunden finishen.» Ein paar Monate später ging es ihm gesundheitlich immer schlechter. «Es fühlte sich wie eine hartnäckige Erkältung an», sagt er. Doch waren es die ersten Zeichen seiner Krankheit. Sein Zustand verschlechterte sich zusehends. Im Basler Unispital liess er sich gründlich untersuchen. Dann die niederschmetternde Diagnose: Leukämie. Blutkrebs. Ein grosser Schock. «Es war, als würde mir und meiner Familie in dem Moment der Boden unter den Füssen weggezogen», erinnert sich Marchon. Das musste zuerst einmal verarbeitet werden. Was folgte, war eine Zeit zwischen Angst, Hoffen und Bangen – und ein langer Weg der kleinen Schritte bis zur endgültigen Heilung.
Sofort nach dem Befund wurde mit einem intensiven und kräftezehrenden Marathon an Chemotherapien begonnen. Schnell stellte sich heraus, dass nur noch eine Stammzellentransplantation eine Heilung herbeiführen kann. «Mir wurde gesagt, dass dies die einzige Chance ist, dass ich die Krankheit überlebe.» Damit wurde ihm klar, wie ernst es um ihn stand. «Zwei Fragen standen für mich im Zentrum», so Marchon, «Wie sage ich es meiner Familie? Und wie lange habe ich noch zu leben?» Ob er je wieder einen Marathon laufen könne? Diese Frage stand in dem Moment nicht im Vordergrund. «In meiner gedanklichen Auseinandersetzung mit dem Sterben und dem, was danach ist, war ich nur auf das Überleben fokussiert.» Mit seiner Frau besprach er noch die wichtigsten familiären Angelegenheiten. «Dann habe ich sinnbildlich das Sterben und den Tod in eine Schachtel auf die Seite gelegt.»
Suche nach Spender eingeleitet
Es begann die Suche nach einem passenden Spender. Da es diesen in der Familie nicht gab, musste eine internationale Spenderdatenbank helfen. Erfahrungsgemäss kein leichtes Unterfangen, denn für jeden vierten Patienten gibt es keinen passenden Spender. Es war Marchon durchaus bewusst, dass die Chance auf Erfolg nicht sehr gross ist. Er gab jedoch nicht auf, die Sorge um seine Familie gab ihm Kraft und «dass die Hoffnung ja zuletzt stirbt». Nach Monaten der Angst, Hoffnung und manchmal auch Verzweiflung dann die erlösende Nachricht: «Ich hatte Glück. Es gab für mich aus weltweit zig Millionen registrierten Spendern tatsächlich einen passenden.»
Am 27. September des vergangenen Jahres – an seinem 48. Geburtstag notabene – begann mit der Transplantation für Marchon eine monatelange Phase der Anpassung, Erholung und des Wiederaufbaus des Immunsystems. «Es war eine Zeit, in der ich mit dem Wiedereinstieg in die Arbeitswelt langsam in mein normales Leben zurückkehrte», erzählt er. Sein sehnlichster Wunsch dabei war, sein Leben wieder mit Freude am Sport füllen zu können. Auf seinem Weg zurück ins alltägliche Leben kämpfte sich der Berufsfeuerwehrmann seit Januar 2023 mit einem unbändigen Willen Schritt für Schritt auch ans Laufen und Radfahren vor. Und er setzt sich zum Ziel, am kommenden Sonntag am Swiss City Marathon in Luzern wieder teilzunehmen.
Er fängt wieder an zu trainieren, anfänglich sehr strukturiert und auf wenige Trainingseinheiten beschränkt. Er spürt, dass er mehr Erholungszeit braucht als vor seiner Krankheit. «Ich musste lernen zu akzeptieren, dass es nicht mehr so sein wird wie vorher.»
Seine Erlebnisse hat Marchon während des mehr als ein Jahr dauernden Krankheits- und Heilungsverlaufs in einem Tagebuch festgehalten. Aber: «Diese Zeit, in der ich so stark unter der Krankheit gelitten habe, ist wie ein Loch in meinem Leben», sagt er und legt eine kurze Pause ein. «Es ist wie eine Leere.»
Am Anfang seiner Geschichte standen Ängste und Sorgen im Fokus, dann folgte die Hoffnung und jetzt dominiert eine grosse Dankbarkeit. Es fühlt sich an wie eine Wiedergeburt. Marchon möchte damit betonen, wie wichtig es doch ist, sich als Spender registrieren zu lassen. Er freut sich sehr auf den kommenden Swiss City Marathon. Sein dreizehnter Marathon verspricht für Marchon ein besonderes Rennen zu werden: «Ich werde meinen ersten Marathon in meinem neuen Leben laufen und finishen», sagt er. «Für mich wird es ein persönlicher Triumphlauf sein.»


