Funklöcher
30.06.2023HERZBLUT
Ich gehöre zwar zur Generation, die weiss, wie man eine Strassenkarte richtig herum hält, aber drei Jahre im Camper haben mich zum bekennenden «Homo digitalis» gemacht, nicht nur, was die Orientierung in der Landschaft betrifft. Ohne Internet ...
HERZBLUT
Ich gehöre zwar zur Generation, die weiss, wie man eine Strassenkarte richtig herum hält, aber drei Jahre im Camper haben mich zum bekennenden «Homo digitalis» gemacht, nicht nur, was die Orientierung in der Landschaft betrifft. Ohne Internet und meine Apps tappe ich im Dunkeln. Sie sind zum Wegweiser für alle Belange meines täglichen Lebens geworden.
Die App «park4night» zeigt mir, wo ich übernachten kann und welchen Weg ich am besten dorthin nehme. Hier erfahre ich auch, wo ich eine Waschmaschine finde und den Wassertank oder die Gasflaschen auffüllen kann. «Windy» warnt mich vor Regen und Überschwemmung, wenn ich an einem Flussufer nächtige. Der «Benzinpreis Blitz» führt mich zur Tankstelle mit dem günstigsten Diesel. Mit «Spotify» höre ich meine Lieblingsmusik. Mit Familie und Freunden Kontakt halten, Reiseziele recherchieren, diese Kolumne an die Redaktion schicken – für all das gibt es entsprechende Apps.
Leider werden wir Schweizer im Ausland gerupft wie die Hühner, wenn wir mit unserem heimischen Mobilanbieter ins Internet gehen. Darum besorge ich mir in jedem Land eine entsprechende SIM-Karte mit Guthaben zu einem Bruchteil dessen, was ich in der Schweiz zahlen würde. Das bedeutet aber, dass ich beim Wechsel von einem Land ins andere immer für ein oder zwei Tage im digitalen Blindflug unterwegs bin. So lange, bis die Karte des neuen Anbieters im Handy steckt. Natürlich kann ich mich in Supermärkten oder Cafés ins Internet einloggen. Aber nach fünf Cafébesuchen am Tag bin ich so zittrig, dass ich die Symbole auf meinem Smartphone nicht mehr treffe. Ich weiss auch nicht, in wie vielen Supermärkten ich schon gestanden habe, um meine Mails abzurufen.
Vorausgesetzt, ich finde einen Supermarkt oder ein Café, wenn ich irgendwo in der Walachei unterwegs bin. Es muss ein Naturgesetz geben, das beide vom Erdboden verschwinden lässt, sobald meine SIM-Karte abgelaufen ist. So war das jedenfalls vergangenen April auf meinem Weg durch die Pyrenäen von Spanien nach Frankreich. Es goss wie aus Kübeln. An einer Umleitung drehte mein Navi durch. Ich geriet auf eine Nebenstrasse, die zwischen Felswänden steil talwärts führte. Zu allem Überfluss leuchtete die Tankanzeige auf und es wurde Nacht. Kein Supermarkt, kein Café, keine Möglichkeit am Strassenrand zu halten. Und ohne Internet und Apps keine Möglichkeit, eine Tankstelle oder einen Schlafplatz für die Nacht zu finden. Schicksalsergeben rollte ich dahin, bis nach einer gefühlten Ewigkeit eine Ortschaft auftauchte und wenig später
– oh Wunder – das Logo eines «Lidl». Genervt und erschöpft rollte ich auf den Parkplatz und verzog mich in die Ecke des Grundstücks, um zu schlafen. Um vier Uhr morgens weckte mich ein Hupen. Ich stand mit dem Camper mitten auf der Zufahrt zu den Laderampen, und zwei Brummis bewegten sich auf mich zu.
Verstehen Sie jetzt, warum ich meine Apps liebe?
Yvonne Zollinger ist ehemalige «Volksstimme»- Redaktorin und lebt in ihrem Wohnmobil.