CARTE BLANCHE
31.05.2023 Lausen, PolitikFemizide, nicht Beziehungsdelikte
Tania Cucè, Landrätin SP, Lausen
In diesem Jahr gab es bereits zehn Femizide. Dabei handelt es sich um ein geschlechtsbezogenes Tötungsdelikt. Das Tötungsopfer ist eine Frau, der Täter ist ein Mann. Das ...
Femizide, nicht Beziehungsdelikte
Tania Cucè, Landrätin SP, Lausen
In diesem Jahr gab es bereits zehn Femizide. Dabei handelt es sich um ein geschlechtsbezogenes Tötungsdelikt. Das Tötungsopfer ist eine Frau, der Täter ist ein Mann. Das allein macht natürlich noch keinen Femizid aus, sondern es geht um die Motivation des Täters. Dahinter stehen misogyne und sexistische Haltungen des Mörders. In den Medien lesen wir dann für gewöhnliche vom klassischen «Beziehungsdelikt».
Dieser Begriff ist aber falsch. Es suggeriert, dass es ein wechselseitiges Verhältnis ist, dass die Beziehung auch einfach beendet werden kann. Es suggeriert, dass die Frau den Entscheid fällt, in der Beziehung zu bleiben. Ob sich die Frau nun aber trennt oder nicht, ist nicht das Entscheidende beim Femizid. So kann auch eine Trennung der Auslöser für eine Tötung sein. Jedoch eben nur der Auslöser, aber nicht das Motiv. Die Beziehung an sich ist nicht der Grund für die Tötung.
Es ist wichtig, dass wir uns als Gesellschaft mit dem Hintergrund von Femiziden beschäftigen. Denn nur, wenn wir diesen erkennen, können wir auch als Gesellschaft darauf hinwirken, in Zukunft keine Femizide mehr zu haben. Und das muss das Ziel von uns allen sein. Es ist ein Mythos, dass es sich bei Femiziden um spontane Taten handelt. Femizide sind oftmals geplant und wären somit auch verhinderbar. Es gibt Verhaltensmuster wie massive Kontrollsucht, Machtstrukturen und auch die Haltung des Täters, Frauen besitzen und kontrollieren zu können. Man könnte meinen, dass eine moderne Gesellschaft frauenabwertende Haltungen überwunden hätte. Das wird aus gewissen Kreisen immer wieder auch behauptet. Nur leider hat häusliche Gewalt und Gewalt gegen Frauen nicht abgenommen.
Männlich sein wird im patriarchalen Verständnis eng mit Kontrolle haben verbunden. Ein Mann ist ein Mann, wenn er alles unter Kontrolle hat. Rütteln wir als Gesellschaft an dieser Machtstruktur, rütteln wir auch am männlichen Selbstverständnis. Buben wird gesagt, sie müssen stark sein, dürfen keine Schwäche zeigen, denn diese sei weiblich. Mädchen auf der anderen Seite wird gesagt, dass sie das schwächere Geschlecht seien, hilfsbereit sein sollen und nicht aufmüpfig. Und an diesem Punkt können wir als Gesellschaft bereits arbeiten und so die Machtstrukturen durchbrechen. Wir müssen mit Kindern über Gleichstellung und Männlichkeit beziehungsweise auch Weiblichkeit sprechen. Wir müssen die alten Muster durchbrechen und damit aufhören, Männlichkeit und Weiblichkeit Attribute zuzuschreiben, die keinen anderen Zweck mehr haben, als die Machtstrukturen aufrechtzuerhalten.
Was wir aber ebenfalls brauchen, ist eine echte Datenerhebung und Fallanalysen. Wir brauchen in der Schweiz endlich auch flächendeckend eine korrekte Aufarbeitung von Femiziden, die dann auch der Verdeutlichung dient. Und was wir ebenfalls brauchen, ist, dass wir es nennen, was es ist. Es ist keine Beziehungstat und auch kein Beziehungsdrama oder ein Beziehungsdelikt. Sondern ein Tötungsdelikt gegenüber einer Frau aus misogynen Motiven. Ein Femizid.
In der «Carte blanche» äussern sich Oberbaselbieter National- und Landratsmitglieder sowie Vertreterinnen und Vertreter der Gemeindebehörden zu einem selbst gewählten Thema.

