«Wir haben unser grosses Ziel erreicht!»
01.12.2022 Bauprojekte, Waldenburg, KulturAb dem 11. Dezember verkehrt die WB wieder – die BLT-Verantwortlichen über den Neubau
Sieben Jahre liegen zwischen dem Landratsentscheid für eine neue Waldenburgerbahn (WB) und der Finalisierung des Projekts. Fredi Schödler, stellvertretender Direktor der Baselland Transport AG (BLT), ...
Ab dem 11. Dezember verkehrt die WB wieder – die BLT-Verantwortlichen über den Neubau
Sieben Jahre liegen zwischen dem Landratsentscheid für eine neue Waldenburgerbahn (WB) und der Finalisierung des Projekts. Fredi Schödler, stellvertretender Direktor der Baselland Transport AG (BLT), und Reto Rotzler, Leiter Infrastruktur bei der BLT, blicken zurück. Und sie geben aktuelle Zahlen zu den Kosten bekannt.
Paul Aenishänslin
Herr Schödler, sechs Jahre nach dem Planungsstart geht die neue Waldenburgerbahn (WB) nächste Woche in Betrieb. Wie genau lief das Projekt ab?
Fredi Schödler: 2016 starteten wir mit der Planung für die neue WB. Entscheidend dafür war der Landratsentscheid von Ende 2015, dass die alte WB, deren Rollmaterial in die Jahre gekommen und abgeschrieben war, durch eine neue Bahn ersetzt werden sollte. Die Spurbreite der WB sollte neu 1 Meter – und nicht mehr wie bis anhin 75 Zentimeter – betragen, wie es für alle Schmalspurbahnen in der Schweiz üblich ist. Weitere Faktoren trugen zum Neubauentscheid bei: der Vierspurausbau des Bahnhofs Liestal, die Erfüllung der Vorgaben des eidgenössischen Behindertengleichstellungsgesetzes und die beabsichtigte Verdichtung des Fahrplans mit einem 15-Minuten-Takt tagsüber und einem 30-Minuten-Takt abends. Nach dem Einholen aller Bewilligungen konnte ab November 2020 gebaut werden. Und nun steht am 10. Dezember die Einweihungsfeier in Waldenburg an. Am Folgetag startet schliesslich der reguläre Betrieb.
Herr Rotzler, die Baselland Transport AG (BLT) hat ein paar neue Haltestellen gebaut und auch Hochwasserschutz-Massnahmen im Waldenburgertal umgesetzt. Wie sind die Bauarbeiten vonstatten gegangen und gab es irgendwelche besondere Probleme?
Reto Rotzler: Wir hatten keine Probleme, nur Herausforderungen. Zu nennen sind insbesondere deren drei: der Hanganschnitt unterhalb von Hölstein mitsamt Verstärkung der Stützmauer zum Bach hin, das aufwendige Hochwasserschutzprojekt in Niederdorf, das zusammen mit dem Kanton ausgeführt wurde, und schliesslich der Bau des neuen Bahnhofs Waldenburg. Die Sicherheit auf den Baustellen war jederzeit gewährleistet. Es gab beim Personal der vier Baukonsortien lediglich leichte Bagatellunfälle.
Was kostete der Neubau der WB-Strecke? Konnte das Budget eingehalten werden?
Reto Rotzler: Ich kann eine aktuelle Zahl nennen: 345 Millionen Franken kostet die Infrastruktur inklusive der Massnahmen für den Hochwasserschutz. Wir bleiben damit weitgehend im Budgetrahmen, mit einer leichten Erhöhung von 5 bis 6 Prozent.
Fredi Schödler: Beim Rollmaterial haben wir mit der Stadler Rail AG für zehn Zugskompositionen einen Festpreis von 54 Millionen Franken vereinbart. Gesamthaft kostet die neue WB also knapp 400 Millionen Franken.
Die Preise für verschiedene Rohstoffe und Baumaterialien sind in den vergangenen zwei Jahren stark angestiegen. Wie hat sich die Teuerung auf das Projekt ausgewirkt?
Reto Rotzler: Wir hatten viel benötigtes Material – etwa Schienen, Weichen oder Schotter – bereits im Jahr 2018 bestellt. Beim Beton und beim Stahl hingegen haben wir die zunehmende Teuerung gespürt. Der Teuerungsschub infolge des Ukraine-Kriegs hat uns nur noch wenig betroffen. Insgesamt lag die Teuerung bei den Materialien über die ganze Bauzeit hinweg bei rund 4 bis 5 Prozent – ursprünglich geplant gewesen war ungefähr die Hälfte.
Die neue WB-Strecke wurde in mehrere Lose aufgeteilt für verschiedene Baufirmen. Wie viele Lose waren es und wie viele Baufirmen waren am Bau beteiligt?
Reto Rotzler: Es gab insgesamt sieben Lose für die 13 Kilometer lange Strecke von Liestal nach Waldenburg, die von vier Konsortien respektive Arbeitsgemeinschaften von Baufirmen ausgeführt worden sind – notabene alles Firmen aus der Region. Die Zusammenarbeit mit ihnen gestaltete sich reibungslos.
Wie viele Arbeitskräfte waren beteiligt?
Reto Rotzler: Bis zu 1000 Arbeitskräfte waren am WB-Neubau beteiligt: Planerinnen und Planer, Bauleute und Fachkräfte aus vielen anderen Berufen. Den eingesetzten Ingenieurbüros oblag die Koordination aller Arbeiten in ihrem Los. Es gab Tage, an denen waren auf den WB-Baustellen 500 Arbeitskräfte gleichzeitig im Einsatz.
Es wurde auch viel Erdreich bewegt. Haben Sie Zahlen dazu?
Reto Rotzler: Der Materialaushub betrug rund 300 000 Tonnen Erdreich. Weitere Zahlen sind im WB-Magazin «Nr. 2-2019» publiziert, das auf unserer Website einsehbar ist.
Können Sie auf die Schnelle weitere spannende Daten nennen? Rolf Rotzler: Ja. Wir verarbeiteten zum Beispiel 5000 Tonnen Schwellen, 2400 Tonnen Schienen, 21 Weichen mit 8 Typen und 66 000 Tonnen neuen Schotter.
Die BLT hat sich für Stadler-Zugskompositionen entschieden. Wie waren die ersten Erfahrungen bei den Probefahrten?
Fredi Schödler: Wir haben zehn Fahrzeuge bei Stadler Rail bestellt, die zu fünf Zugskompositionen à 90 Meter zusammengestellt werden können. Vier Fahrzeuge sind schon bei Probefahrten im Einsatz. Zwei weitere werden bis zum 11. Dezember in Betrieb sein und die restlichen vier werden voraussichtlich bis Ende Jahr geliefert. Die bisherigen Erfahrungen mit den Zügen sind ausgesprochen positiv. Dabei handelt es sich um ein bewährtes Produkt – technisch auf dem modernsten Stand und für die Fahrgäste sehr komfortabel. Die Zugskompositionen sind zudem behindertengerecht und klimatisiert, was bei den früheren Wagen nicht der Fall war.
Eine grosse Herausforderung während der Bauphase war die Aufrechterhaltung des Verkehrs. Die WB wurde durch Busse ersetzt. Zusätzlich musste der Individualverkehr geregelt werden, es gab Umleitungen und Einbahnabschnitte mit Rotlichtphasen. Hat alles reibungslos funktioniert?
Rolf Rotzler: Es hat alles sehr gut funktioniert. Wir hatten eine Task-Force Verkehr im Einsatz mit Mitarbeitenden der BLT, der Verkehrspolizei, des kantonalen Tiefbauamts und mit externen Verkehrsspezialisten. Wirklich lange Staus gab es zum Beispiel bei Sperrungen des Bölchentunnels, wenn der Verkehr jeweils auch auf das Waldenburgertal auswich, oder sporadisch bei der Bewältigung von Ausnahmetransporten. Der Busfahrplan konnte im Regelfall gut eingehalten werden. Die Anwohnenden haben den Lärm und die Immissionen mit viel Verständnis und Geduld ertragen, auch zornige Autofahrer waren kaum auszumachen.
Der Bahnhof Waldenburg wurde gänzlich erneuert. Was waren die Hintergedanken, diesen Bahnhof grösser und komfortabler zu bauen?
Fredi Schödler: Der neue Bahnhof Waldenburg ist in der Tat etwas grösser als der alte. Es gibt drei Gleise zum Ein- und Aussteigen, die alle parallel zur Strasse angeordnet und vollständig behindertengerecht sind. Eine helle Halle für den Unterhalt des Rollmaterials und eine Waschstrasse für die Züge ermöglichen den effizienten Unterhalt. Schliesslich gibt es jetzt wieder einen Kiosk – der einzige Laden im Dorf, um kleine Einkäufe zu tätigen. Alternativ muss man nach Oberdorf gehen.
Reto Rotzler: In einem komplexen Auswahlverfahren mit ursprünglich 20 Bewerbungen ist schliesslich das Basler Architekturbüro Bachelard Wagner obenaus geschwungen, das mit vier verschiedenen Spezialisten überzeugen konnte: mit dem Architekten, dem Bauingenieur, dem Verkehrsplaner und dem Landschaftsarchitekten. Am Projekt dieses Büros hat uns von Anfang an besonders gefallen, dass sämtliche Nutzungen, also Bahnhof, Bushof, Fahrzeugunterhalt, Kiosk und so weiter, optimal angeordnet und untereinander abgestimmt sind. Der Bahnhof stellt architektonisch die Fortsetzung des steilen Hangs dar, an dessen Flanke er gebaut ist. So sind die Aussenwände nicht senkrecht, sondern etwas nach innen geneigt.
Konnte die Bevölkerung eigene Ideen einbringen?
Fredi Schödler: Wir haben den Wunsch der Waldenburger Bevölkerung aufgenommen, dass es im neuen Bahnhof wieder einen Kiosk gibt. Ausserdem wird die Dampflokomotive der alten WB für die Nachwelt erhalten und in der eigens dazu erstellten Remise beim Restaurant Talhaus in Bubendorf ausgestellt, finanziert durch den Lotteriefonds. Damit konnten wir einen weiteren Wunsch der Talbevölkerung erfüllen.
Musste für den Betrieb der neuen WB zusätzliches Personal rekrutiert werden?
Fredi Schödler: Das frühere Personal wurde im Jahr 2016, als die BLT die WB übernahm, vollständig mitübernommen. Wagenführer der alten WB werden nach erfolgter Umschulung auch Zugskompositionen der neuen WB steuern. Im Bahnhof Waldenburg sind künftig 20 BLT-Mitarbeitende für den Fahrdienst, den Fahrzeugunterhalt und die Standortleitung im Einsatz.
Was bedeutet die neue WB-Strecke – für Sie und die Bevölkerung?
Fredi Schödler: Wir haben das grosse Ziel erreicht, die neue WB-Strecke termingerecht und unter weitgehender Einhaltung des Budgets fertigzustellen. Dies und der Umstand, dass schwerere Unfälle ausblieben, stimmt uns sehr zufrieden. Wir glauben auch, dass die Bevölkerung im Waldenburgertal die neue Bahn mit den attraktiven Fahrzeugen und den neuen Haltestellen sowie dem verdichteten Fahrplan schätzen wird.
Rolf Rotzler: Wir sind auch der festen Überzeugung, mit der neuen WB einen wichtigen Beitrag zu leisten, damit sich das Waldenburgertal weiterentwickeln wird. Dies, nachdem es lange Zeit unter einer zunehmenden Deindustrialisierung gelitten hat. Die neue WB wird Wachstumsimpulse auslösen, sowohl für das Wohnen als auch für das Gewerbe.
Zu den Personen
pae. Fredi Schödler (Jahrgang 1958), stellvertretender Direktor der Baselland Transport AG (BLT), ist seit 2002 im Unternehmen tätig. Er ist heute für den Bereich Betrieb und Technik zuständig und trägt beim Neubauprojekt der Waldenburgerbahn (WB) die Gesamtverantwortung.
Der 54-jährige Bauingenieur Reto Rotzler ist für die gesamte BLT-Infrastruktur verantwortlich. Dieses weist 86 Gleiskilometer auf. Rotzler war beim WB-Neubau für die Infrastruktur zuständig.
Von Waldenburg nach Liestal: Die Fahrzeit verkürzt sich um rund 3 Minuten
fra. Die neuen Zugskompositionen des «Waldenburgerlis» fahren bis zu 80 Stundenkilometer schnell, die alten Bahnwagen waren noch mit höchstens 75 Stundenkilometern unterwegs. «Künftig wird die Fahrt von Waldenburg in den Kantonshauptort nur noch 20 Minuten dauern und damit rund 3 Minuten kürzer sein als bisher», unterstreicht Fredi Schödler, stellvertretender Direktor der Baselland Transport AG (BLT) und Projektleiter der neuen Waldenburgerbahn (WB). Mit dem direkten Anschluss an den SBB-Interregio ist man von Waldenburg aus in einer halben Stunde in Basel.
Durch die Ausrüstung der neuen Fahrzeuge mit Magnetschienenbremsen und zeitgemässen Antriebs- und Bremssteuerungen können die Fahrzeuge rascher beschleunigen und haben im Notfall wesentlich kürzere Bremswege. Eine 45 Meter lange neue Einzeltraktion weist 104 Sitz- und 177 Stehplätze auf. Insgesamt können somit 281 Personen mitfahren. In den Stosszeiten wird eine Doppeltraktion mit der zweifachen Länge eingesetzt. Aufs Mal können dann also rund 560 Passagiere in einem einzigen Zug befördert werden, wovon 208 sitzen können. Dies ist wesentlich mehr als in der alten WB. Weitere grosse Vorzüge der neuen Wagen sind mehr Beinfreiheit bei den Sitzplätzen, eine wirkungsvolle Klimaanlage und das Wichtigste: Die Ein- und Ausstiege sind niveaugleich und entsprechen den Anforderungen des neuen Behindertengleichstellungsgesetzes des Bundes.
Beim neuen «Waldenburgerli» wird der 15-Minuten-Takt in den folgenden Zeitrahmen angeboten: von Montag bis Freitag von circa 5.30 bis 20.45 Uhr, am Samstag von circa 7.30 bis 20.45 Uhr und am Sonntag von circa 9.30 bis 20.45 Uhr. Mit der neuen WB wird die optimale zeitliche Abstimmung mit dem SBB-Fahrplan in Liestal sichergestellt. Die Abschnitte im Waldenburgertal mit den Doppelgleisen für das Kreuzen reichen hierfür laut Fredi Schödler vollständig aus.
Doppelgleise gibt es neu bei folgenden Haltestellen respektive Abschnitten: Liestal, Gräubern, Bubendorf, Lampenberg-Hölstein, Hölstein-Süd, Hirschlang, Winkelweg und Bahnhof Waldenburg. Ein späterer Vollausbau der WB-Strecke mit durchgehend zwei Fahrspuren wäre laut Fredi Schödler technisch zwar machbar, beanspruche aber sehr viel zusätzliche Landfläche. Und vor allem: Der Nutzen stünde in keinem Verhältnis zu den Kosten.