«30 by 30» im Oberbaselbiet?
30.12.2022 PolitikIst Ihnen der etwas sperrige Begriff «Biodiversität» geläufig? Er umschreibt die gesamte biologische Vielfalt von den Genen über die Arten bis zu den Lebensräumen. Dass es um den Zustand der Biodiversität hierzulande und weltweit schlecht bestellt ist, wird ...
Ist Ihnen der etwas sperrige Begriff «Biodiversität» geläufig? Er umschreibt die gesamte biologische Vielfalt von den Genen über die Arten bis zu den Lebensräumen. Dass es um den Zustand der Biodiversität hierzulande und weltweit schlecht bestellt ist, wird von gewissen Kreisen immer noch schöngeredet, aber grossen Teilen der Bevölkerung allmählich bewusst. Zwar konnten einige zuvor ausgerottete Arten die Schweiz wieder besiedeln. Jedoch sind mittlerweile landesweit etwa zwei Drittel der Insektenarten und knapp die Hälfte der Brutvogelarten gefährdet.
Der Verlust der Biodiversität kommt einem unmittelbaren Verlust unserer Lebensgrundlage gleich. Sogar wenn einem die Zerstörung einmaliger Ökosysteme und das Aussterben von Arten, welche die Evolution in Jahrmillionen hervorgebracht hat, unverständlicherweise egal sein sollten, bleibt dennoch die Gewissheit, dass ein Nichthandeln richtig teuer wird.
Die unzähligen, unverzichtbaren und unbezahlbaren Leistungen der Natur würden wegfallen: die Bereitstellung von Nah- rungsmitteln, Trinkwasser, Rohstoffen, Energieträgern und Medizin, die Reinigung von Luft und Wasser, Überschwemmungsund Erosionsschutz, Bestäubung, Bodenbildung, Nährstoffkreisläufe und vieles andere mehr – ganz zu schweigen von den vielen nicht-materiellen Leistungen.
Weitgehend unbemerkt von der breiten Öffentlichkeit ging vor knapp zwei Wochen der 15. Weltnaturgipfel im kanadischen Montreal zu Ende. 196 Länder einigten sich auf 23 Ziele, mit denen der Verlust der Biodiversität gestoppt werden soll. Eines der Ziele nimmt die Vision der Initiative «30 by 30» auf. Diese Initiative hat nichts mit Tempo 30 zu tun, sondern fordert, dass mindestens 30 Prozent der Land- und Meeresfläche bis 2030 unter Schutz zu stellen sind.
Mit weniger als 10 Prozent geschützter Landesfläche bildet die Schweiz in Europa das Schlusslicht und steht vor einer Herkulesaufgabe. Im Oberbaselbiet haben wir jedoch demnächst die Möglichkeit, von den Gemeinden ausgehend zum Ziel «30 by 30» beizutragen. Es sind Bestrebungen im Gang, einen regionalen Naturpark zu gründen, in dem eine nachhaltige Entwicklung in den Bereichen Ökologie, Gesellschaft und Wirtschaft angestrebt wird.
In unserer durch Land- und Forstwirtschaft geprägten Landschaft dürften es Unterschutzstellungen unter Ausschluss menschlicher Nutzungen zwar schwer haben. Allerdings gibt es ein riesiges Potenzial bei der Aufwertung bestehender Schutzgebiete, bei der Vernetzung derselben und insbesondere bei der möglichst biodiversitätsverträglichen Gestaltung und Bewirtschaftung unserer Wälder, unseres Kulturlands und nicht zuletzt unserer Siedlungsgebiete.
Damit der angestrebte «Naturpark Baselbiet» einen echten Mehrwert für die Oberbaselbieter Bevölkerung und die Natur bringen kann, sollten wir uns meines Erachtens nicht mit hohlen Versprechen von Labeln zufrieden geben, sondern uns von Beginn weg ambitionierte Ziele stecken. In diesem Sinne wünsche ich allen Leserinnen und Lesern ein mutiges, zielstrebiges und erfolgreiches Jahr 2023.
In der «Carte blanche» äussern sich Oberbaselbieter National- und Landratsmitglieder sowie Vertreterinnen und Vertreter der Gemeindebehörden zu einem selbst gewählten Thema.